7 Monate jung und schon vor Gericht

Du sollst bis zu dem XY. Lebensjahr deines Kindes nicht arbeiten, denn wenn du es tust,  bist du eine schlechte, sehr schlechte Mutter, vernachlässigst dein Kind. Und mische dich ja nicht unter die Leute, denn das Geschreie könnte die anderen stören oder andere Tätigkeiten, wie das Stillen oder Windeln wechseln, könnten andere belästigen. Die einzigen Orte, in denen du erwünscht bist, ist das wöchentliche Mutter-Kind-Treffen der Gemeinde, die Krippe, der Kindergarten, Spielplätze, Orte mit einer Kinderbetreuung, IKEA (Småland) vielleicht gerade auch noch, aber nur wenn dein Kind zwischen 4-12 Jahren alt ist. Ansonsten lieber nicht.

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Grenzen. Setzen. Wir. Uns. Selbst !

Vor allem kommen diese Kommentare nicht von Männern, die haben oft eh keine Ahnung, was für eine Verantwortung es mit sich trägt, welch eine ‚Belastung‘ es ist, die Verantwortung eines wunderbaren, aber winzigen Wesens zu tragen, welches  von dir abhängig ist.
Diese und viele ähnlichen Kommentare kommen von Frauen. Für Frauen. Mit viel Kopfschütteln und abwertenden Blicken.

All jene, die sich nicht selbstopfernd um die Erziehung ihres Kindes bemühen und stattdessen arbeiten gehen, all diese werden als Rabenmütter identifiziert.
Mangelhaft. Setzen, Sechs.
Wir lieeeeben es zu verurteilen, vor allem dann, wenn es ‚anders‘ ist, nicht unserem Weltbild oder dem traditionellem Rollenmuster entspricht. Blickwinkel ändern? Warum denn, Stigmatisierung ist doch viel bequemer. Dass sich die Gesellschaft mitsamt den Individuen und deren Werte  ändern könnte, ziehen wir lieber nicht in Betracht. Der Bequemlichkeit zuliebe.

Ich habe es satt, die ewige und unendliche Geschichte von der Vereinbarkeit von Beruf, Kind und Haushalt zu hören. Lasst Taten sprechen! Lasst uns neue Wege gehen, neues Ausprobieren. Und so leben, wie wir es für richtig erachten. Natürlich werden wir nicht alles von heute auf morgen perfekt umsetzen können, es wird dauern, seine Zeit beanspruchen, wie jeder gesellschaftliche Prozess. Und sind die alten Rollenmuster denn perfekt? Fehlerfrei? Sorgenfrei? Warum erwarten wir dann von den neuen Wegen, dass sie es sind? Gehören Fehler nicht zu dem Leben? Für den einen „ein Fehler“, aus dem er lernen kann, für den Anderen „ein Weg“, den er beschreiten kann. Alles ist relativ und aus dieser Relativität heraus sollten wir doch endlich lernen,  andere Lebensweg NICHT zu verurteilen. Die Vielfalt zu entfalten. Nicht nur darüber zu reden.
Aber der erste Schritt ist immer der Wichtigste. Und ich denke, dass wir bereiter denn je sind, diesen  Schritt zu wagen. So wie das lebende Beispiel, welches ich allen Pessimisten -und vor allem PessimistINNEN präsentieren möchte:

Feyza Altun Meric ist Anwältin. Sie „wagte“ es mit ihrem Sohn in die Öffentlichkeit und zwar in eine Gerichtsverhandlung. Und nicht etwa als Zuhörerin oder Zeugin. Sondern als Anwältin. Als ich ihr Bild auf Instagram mit ihrem Sohn sah, dachte ich mir, endlich! Endlich versuchen Mütter es und endlich wird es publik. Endlich eröffnen wir uns die Wege, wenn auch mühsam und langsam. Aber wie sie so schön schreibt: „Ob eine Sache schwierig oder leicht ist, entscheidet eure Sichtweise. Das ist mein Blickwinkel auf die Tatsachen. Das Leben ist schon schwierig genug und dieses zu erleichtern ist in unserer Hand. Wenn ihr dran glaubt, dass es passieren wird, dann wird es auch passieren. Achtet nicht drauf was die anderen sagen. Irgendwann werdet ihr merken, dass die Leute, die euch verurteilt haben euch als Vorbild nehmen werden und somit ihre Vorurteile verschwinden. Manche Sachen sind zwar nicht so leicht, aber irgendwo müssen wir anfangen!“

Detailiert berichtet sie über den Tag, an jenem sie ihren Sohn mit zur Arbeit nimmt: „Ich und mein Sohn sind zusammen in die Gerichtverhandlung. Die Menschen haben es im ersten Augenblick nicht wahrgenommen und als sie es bemerkt haben, haben sie gelächelt. Keiner hat gefragt, was wir hier suchen. Der Richter hat ebenfalls nicht negativ reagiert, als der Prozess zu Ende ging meinte er nur: Gott schütze ihn. Ich erwiderte mit einem Dank. „Ich bin gegen die Ausgrenzung von Müttern mit Kindern. Frauen werden gezwungen zu Hause zu bleiben oder müssen fremde Frauen damit beauftragen, die die eigenen Werte und Vorstellungen nicht besitzen, auf ihre Kinder aufzupassen. Desweiteren bin ich gegen die finanziellen und physischen Unmöglichkeiten in der Gesellschaft sowie im sozialen Umfeld.“ Der Richter war erstaunt und lächelte: „In manchen Sachen muss man eben die Vorläuferin sein.“ Das war eine unausgesprochene Akzeptanz.

Stellen wir uns diesen Verurteilungen, wer die Möglichkeiten hat soll sein Kind um sich wickeln und sich unter die Leute mischen. Lasst uns nicht eingesperrt bleiben. Habt keinerlei Gedanken wie „Was werden sie wohl sagen, was wird wohl passieren? Kann man da denn mit dem Kind hin“. Ich bin in die Gerichtsverhandlung gegangen. Eine höheren staatlichen Institution gibt es  in diesem Land nicht. Dass das in privaten Unternehmen nicht so gut aufgenommen wird, das weiß ich, aber dagegen kann man nichts machen.“

Falls das nicht reichen sollte, googelt bitte Judith Skudelny oder Licia Ronzulli.

#chapeau

 

 

 

Quellen:

http://instagram.com/p/yHAXv9rQOJ/?modal=true (aus dem Türkischen übersetzt)

http://instagram.com/p/yH7URBLQGa/?modal=true (aus dem Türkischen übersetzt)

Bildquelle:

http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/turkiye/199851/_Ali_dosyalara_kustu_hakimin_odasina_pisledi_.html

Comments

  1. Amé says:

    Wow, vielen Dank für den Artikel, sehr mutmachend!
    Ich bin (noch) keine Mutter, aber diesen Druck, als Mutter alles richtig machen zu müssen spüre ich selbst schon und ich gebe zu, dass ich (in Gedanken) auch über Mütter urteile. Da hast du mich zur Reflexion angestoßen, dass das uns nicht weiternbringt und auch dazu führt, dass ich negativ über mich selbst urteile.

    1. Safiyye Arslan says:

      Freut mich, dass es dir gefallen hat! 🙂

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