Das Wort Alltagsrassismus klingt wie ein exotisches Gericht. Das erinnert so an  Ratatouille finde ich. Dass das sicherlich nicht wie ein leckeres Gericht ist, davon können wohl am ehesten Menschen berichten, die tagtäglich damit zu kämpfen haben. Immer wieder gibt es Aktionen, die die Öffentlichkeit sensibilisieren sollen. Zuletzt wurde mittels des Hashtags #SchauHin darauf aufmerksam gemacht. Man liest es, hört es, aber wenn man es selbst erlebt, ist das wieder eine ganz andere Dimension. Diese Erfahrung durfte ich diese Woche im Supermarkt machen.

Supermärkte sind Räume für Feldforschung finde ich. Es gibt immer etwas soziologisches zu beobachten. Vor allem zu den Rushhour Zeiten gibt es sehr sehr viel zu sehen. Man muss allerdings sehr viel Interesse und Geduld mitbringen. Nach meiner jüngsten Erfahrung, muss man wohl auch in Zukunft Courage mitbringen. Denn daran scheint es gerade unserer Gesellschaft sehr zu mangeln. Ich bin also um 19 Uhr zur Prime-Time im Supermarkt. Habe meinen Einkauf erledigt und stehe an der Kasse. Alle Kassen sind besetzt und an jeder steht jeweils eine Kilometer lange Menschenkette. Es befinden sich gefühlte 5000, geschätzte 150 Menschen in der großen Einkaufshalle. Ich cruise also mit meinem Einkaufswagen zu einer, von mir als schnell voranschreitend bewertete Schlange. Vor mir steht eine höchstwahrscheinlich indische Frau in einem Sari mit ihrer kleinen Tochter. Ich schaue mir beim Einkaufen gerne die Einkäufe der Menschen an, und stelle mir vor, was sie mit den gekauften Lebensmitteln kochen, wie sie wohl leben. Ich finde, durch dieses People watching vergeht die Zeit super schnell, und man sammelt so seine Erfahrungen und Anekdoten. Ich schaue also in den Wagen der indischen Frau, Kartoffeln, Ingwer, Milch, Chapati und für die Kleine Schokolade. Ich stelle mir vor, dass sie wohl ein Gemüsegericht kocht, welches sie gemeinsam am Abend essen. Diese Gedankenblase hält allerdings nicht sehr lange an, denn in der Zeit, als ich mit der Produktion dieser Illusion beschäftigt bin, scheint irgendetwas passiert zu sein. Ein älterer Mann, Anfang 60, der vor den indischen Kunden steht, scheint sehr erbost zu sein. Er hat sich ruckartig umgedreht und faucht Frau und Kind an "Ihr Scheiß Ausländer! Seid nur Dreck! Kannst du nicht auf deine Missgeburt aufpassen? Sie hat meinen Rücken berührt. Geht wieder in euer eigenes Land ihr faules Pack!". Irgendwie ist der Supermarkt extrem leise geworden, man hört kaum noch das Piepsen der Kassen oder das Gemurmel der Menschen. Man hört nur noch ihn. Es scheint mir, als ob diese Stille ihm noch mehr Stärke in seiner Stimme verleiht, mir kommt es zumindest so vor, als ob er lauter wird. Er wird immer hässlicher und brutaler in seiner Wortwahl. Ich fühle mich schon fast wie gelähmt. Ich meine, seine Worte betreffen mich nicht direkt, aber ich weiß, dass diese Situation nicht rechtens ist und fühle mich wie ein Schüler, der unvorbereitet ausgefragt wird und völlig auf dem Schlauch steht.

Die Frau versucht sich zu entschuldigen. Es ist ihr sichtlich peinlich. Jedoch ist der alte Mann schon so sehr in Rage, dass er sie gar nicht mehr wahrnimmt. Wie ein Oskar Preisträger spielt er seine "Rassistenrolle" und ist ganz in seinem Element. In dem Moment komme ich mit dem kleinen Mädchen in Augenkontakt. Sie sind ganz glasig. Die Tränen sind bereit und warten nur auf einen günstigen Augenblick. Ihre Blicke suchen im Supermarkt nach Hilfe, Unterstützung, Zivilcourage. Ihre kleine Hand hat sich ganz fest in den Sari ihrer Mutter eingedreht. Die Angst steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Dann plötzlich ist meine "körperlich-mentale Lähmung" Gott sei Dank weg. Ich schiebe die Frau vor mir etwas zur Seite und lehne mich vor, damit er mich auch ja hört, sieht und wahrnimmt. Ich sammle meine ganze Energie und schreie ihn an "Halten Sie gefälligst ihr doofes Maul. Sie machen dem Kind Angst. Sie sollten sich was schämen. Sie holen sich gleich eine Anzeige wegen rassistischer Beleidigung". Dieser Part des Stücks scheint wiederum, vom Alten nicht einstudiert gewesen zu sein, denn nun haben wir die Rollen vertauscht, und er scheint für einige Minuten wie gelähmt. Mit meinem Aufschrei höre ich nun andere im Supermarkt, die mich unterstützen und den Mann beschimpfen. Tja, der soziologische Schneeball der Supermarktgesellschaft ist ins Rollen gekommen. Über den Zeitpunkt kann man sich sicherlich streiten, aber in diesem Moment denke ich mir, lieber spät als nie.

Am Ende dieses Abends ließ der Alte sein Bier, seine Wurst und sein Brot auf dem Fließband liegen und ging einfach raus. Die Inderin hat sich bei mir mit Tränen in den Augen bedankt, die Kleine hat mich umarmt, die Kassiererin einen ziemlich langen Kommentar über die Unmöglichkeit solcher Vorfälle abgegeben. Ich hingegen, war nicht stolz, nicht froh oder erbost, sondern lediglich schockiert Alltagsrassismus mal Hautnah erlebt zu haben. Nun weiß ich, dass es sich definitiv nicht wie ein Gericht anhört und schon gar nicht so  anfühlt.

 

Fotoquelle: http://www.bruchsal.org/image/einkaufsschlange-h-m

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