Ältere Menschen und ihre Geschichten

Ältere Menschen sind ein Segen für die heutigen Gesellschaften. Sie sind es, die für uns die Vergangenheit unvergesslich machen, uns an unsere Traditionen und Bräuche erinnern und uns mit ihren Lebenserfahrungen und Weisheiten zur Seite stehen. Durch sie lernen wir, die Fehler, die in den vergangenen Jahren gemacht wurden, nicht zu wiederholen, unsere Sichtweise auf die Dinge zu verändern und uns vorzustellen, wie es denn war, ohne Internet, Fernsehen, ja sogar ohne Telefon zu leben. Kurz gesagt: Ältere Menschen sind (wissenschaftlich und sozial) wertvolle Quellen.

Jedoch scheinen wir uns dessen nicht ganz bewusst zu sein, denn immer mehr Vereinsamen alte Menschen und wenn sie nicht in Seniorenheimen wohnen, versterben sie auch einen einsamen Tod. Ich möchte nur, dass wir uns für einen kurzen Moment vorstellen, wie das Leben eines solchen Menschen aussieht und einfach verstehen wie schwierig solch ein Leben ist.

Person A ist 80 Jahre. Der Ehemann kurz zuvor verstorben, die Kinder aus dem Haus, im Ausland oder vielleicht ist die Ehe kinderlos geblieben. Der einzige soziale Kontakt, den man hat, sind die Kassiererinnen, der Postbote oder die Ärzte. Man erinnert sich aber auch an die Zeiten, in denen das noch ganz anders war. Als man eine Familie hatte mit Kindern oder der Ehemann noch lebte. Es gab Stress, der Alltag war hektisch und überfüllt mit Terminen, sei es die der Kinder oder die eigenen. Einschulung, Geburtstage, Familienfeiern oder einfach schöne Momente, in denen man beisammen war. Und jetzt mit 80 steht man jeden Tag um 08.00 auf, setzt sich in der leisen Wohnung, wo nur das Ticken der Uhr zu hören ist, an den Tisch, holt sich einen Teller, ein Paar Besteck, ein Glas und deckt sich ein Frühstück für eine Person. Wortlos isst man dann. Einsam und alleine. Man räumt auf und setzt sich dann hin, mit der Überlegung, mit was man sich jetzt den Tag über beschäftigen soll. Vielleicht liest man ein Buch oder strickt. Vielleicht sammelt man auch Dinge, wie Briefmarken oder Puppen. Aber immer mit dem Gedanken, dass man alleine ist. Die Tür klingelt vielleicht. Es ist der Krankenpfleger, weil man körperlich nicht mehr so fit ist wie vor 40 Jahren. Abends sieht man dann Fern und geht frühzeitig schlafen. Und an Feiertagen kommen dann vielleicht sogar die Kinder mit den Enkelkindern. Falls man in einem Seniorenheim wohnt, sieht man auch andere Menschen, aber einen wirklichen Bezug zueinander haben die Wenigsten. Und so lebt man. Tag für Tag. Woche für Woche. Bis das Ende kommt.

Aber wieso sind wir in diese Situation geraten, dachte ich mir als ich die Reportage im Fernsehen sah. Wieso lässt man seine Eltern so vereinsamen. Diejenigen, die immer da waren, selbst, wenn man mit dem besten Freund/mit der besten Freundin Streit hatte, wenn es mal nicht so gut lief in der Beziehung, wenn man krank und schwach war,  wenn man schon wieder rumzickte und sogar die Herzen brach. Warum empfinden so viele Menschen ihre Eltern nach einem bestimmten Zeitpunkt als „Last“ anstatt als eine wertvolle Quelle, die einem in fast jeder Lebenssituation, seien es die Probleme der Kinder oder Eheprobleme, behilflich sein könnte. Warum sollte man versuchen, etwas gründlich Erforschtes, abermals zu erforschen? Vielleicht liegen die vielen familiären Probleme, die wir in unserer heutigen Gesellschaft aufzeigen können, an dem Aufbrechen der Großfamilien. Nach der Industrialisierung und mit dieser verbundenen Verstädterung, wurden die Mehrgenerationsfamilien, als Hauptursache des Platzmangels aufgebrochen und nur noch die Kernfamilie hatte die Möglichkeit in der Stadt zu „überleben“. Die Kinder kannten also kaum oder gar nicht das Gefühl mit den Großeltern groß zu werden. Und ich (als jemand, die in einem Mehrgenerationshaus groß geworden ist) denke, diesen Kindern fehlt einiges an Geschichten und Erinnerungen. Und auch die starke Bindung zu Älteren, bzw. zu der Familie. Es sind oft die älteren Menschen, die die Familie zusammenhält oder versucht, als Streitschlichter zu gelten.

Es ist eine moralische Pflicht unsererseits uns gut um unsere Großeltern und Eltern zu kümmern, denn sie haben diese „Pflicht“ schon abgeleistet. Des Weiteren sind sie ein Teil der Geschichte, auf die wir zurückgreifen sollten und die wir nicht vergessen sollten.

 

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