Anja Hilscher: Man braucht ein Feindbild!

 

 

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Organisierte Negativpropaganda seitens der rechtsextremen Seite PI-News bleibt fruchtlos. Übers Wochenende verfälschten PI-Leser den Amazon-Durchschnitt von Hilschers Buch, der Nachfrage nach Hilschers Buch schadet das aber nicht!

Anja Hilscher gelingt es mit ihrem Buch, bildscharfe Eindrücke vom „Islamic Way of Life“ zu zeichnen. Ihr erfrischender Humor und ihre manchmal zu provokative Direktheit, gekoppelt mit Quellen aus dem Koran und der Sunna ergeben einen köstlichen Infotainment –Mix.

Hilscher kennt sich sowohl im Christentum, als auch im Islam sehr gut aus und hat somit die Möglichkeit beliebig zwischen den Brillen hin und her zu switchen und den Leser bei diesem Perspektivwechsel mitzunehmen. Sich auf ihre Gedankengänge einzulassen erfordert Offenheit und manchmal Selbstüberwindung. In den Dialog treten kann nur der, der in seinem eigenen Glauben so standfest ist, dass er sich traut, aus sich herauszutreten, sich emphatisch  in sein Gegenüber hineinzuversetzen um wieder in sich zurückzukehren.

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Naşide Gülyurt: Auf Seiten wie PI-News wurde gegen ihr Buch kräftig Stimmung gemacht. Kannten Sie die Seite vorher überhaupt?

Anja Hilscher: Bis vor Kurzem kannte ich die Seite nur aus den Medienberichten. Es stellte sich ja die Frage, ob sie als volksverhetzend eingestuft und vom Verfassungsschutz beobachtet werden sollte. Neugierhalber habe ich da ein, zwei Mal reingeguckt. Als dann mein Buch „Imageproblem – das Bild vom bösen Islam und meine bunte muslimische Welt“ erschien, machte ich dann nähere Bekanntschaft mit den Herren und Damen Islamhassern.

Gerade im Internet hatte ich eine gute Resonanz auf das Buch. Ich hatte auch bereits zahlreiche, fast ausschließlich sehr gute und gute Bewertungen bei Amazon bekommen. Die meisten Leser empfanden das Buch als gleichzeitig unterhaltsam und informativ. Meine Absicht war ja, gerade die unbekannte Seite des Islam darzustellen, der ja ursprünglich das Gegenteil von starr und extremistisch war. Der Islam als eine Religion, die Natur- und Tierschutz propagiert, der Prophet Mohammed als sensiblen Kinder- und Tierfreund, der Frauen sehr ernst nahm – auch die meisten Leser fanden offenbar, dass das durchaus Neuigkeitswert hatte.

Dann kam aber die PI- Rezension des Buches, die das Ihre tat. Die ganz bösen Kommentare kamen allerdings gar nicht von den Betreibern der Seite, sondern von den Internetusern. Das ist ja wohl auch deren Taktik:  die Betreiber müssen ihre Weste ja einigermaßen weiß halten. Gott sei Dank waren keine ernsthaften Drohungen darunter, nur die üblichen Beleidigungen: „Brechreiz“, „Dachschaden“ etc. Aber immerhin bemühte man sich offenbar auch, mehr über mich herauszufinden, zum Beispiel ein Foto von mir dort zu verlinken.

Ein oder zwei kamen dann auch auf die Idee, meinen Amazon-Durchschnitt ein bisschen zu drücken und riefen ihre Gesinnungsgenossen dazu auf, mich schlecht zu bewerten. Das geschah auch umgehend. Binnen ein, zwei Tagen kamen sechs Ein-Stern-Bewertungen dazu mit kurzen, abwertenden Bemerkungen. Da das Ganze auch noch am Wochenende stattfand, kann man getrost davon ausgehen, dass niemand von den Rezensenten das Buch wirklich innerhalb eines Tages gekauft und durchgelesen hat.

 Naşide Gülyurt: Wie würden Sie die Organisationsstruktur und Reichweite von PI einschätzen?

Anja Hilscher: Da bin ich leider überfragt. Das ist im Übrigen eine der Fragen, die mich seit Jahren selbst umtreibt. Ich habe festgestellt, dass überall in Diskussionsforen, auch gerade von eher linken Zeitungen, oft eine Flut von geradezu furchteinflößenden Kommentaren und Drohungen eingeht. Da ich einige Zeit in einem Forum sehr aktiv war und am eigenen Leib erfuhr, dass es offenbar viele Freaks gibt, die von morgens bis abends im Internet zubringen, sich mit verschiedenen Nicks anmelden, um sich in Diskussionen dann sozusagen selbst die Bälle zuzuwerfen und Intrigen zu spinnen, bin ich ziemlich verwirrt.

Man kann eben kaum herausfinden, wie viele Menschen wirklich dahinterstecken, geschweige denn, wie extrem oder gewaltbereit die wirklich sind. Das ist ein äußerst interessantes Phänomen des Internets, denn Tatsache ist, dass die meisten Menschen Herdentiere sind. Deshalb gilt: Wer es schafft, den Eindruck zu erwecken, dass er die Mehrheit stellt, hat gewonnen. Tatsächlich scheinen die Islamophoben im Internet, die von den großenteils sehr oberflächlichen und sensationsgierigen Medien unterstützt werden, ihr Ziel langsam zu erreichen. Die Islamfeindlichkeit nimmt immer mehr zu, sie ist heute größer als direkt nach 9/11!

Ich neige überhaupt nicht zu Verfolgungswahn. Trotzdem habe ich seit Langem den Verdacht, dass es wirklich viele sogenannte Trolle im Internet gibt, die täglich stundenlang unter verschiedenen Nicks insbesondere gegen den Islam hetzen. Das TAZ-Forum zum Beispiel: Ich habe mich oft gefragt, ob die Meinungen, die dort geäußert werden, ansatzweise repräsentativ den Volkswillen widerspiegeln. Es ist zum Teil schockierend! Ich war auch eine Zeitlang in einem muslimischen Forum, wo früher sehr sympathische, interessante und gebildete Muslime waren. Nach einigen Jahren war ich wieder dort, und ich muss sagen: Die Atmosphäre dort war sehr seltsam: Misstrauen, Intrigen, Lästereien… Natürlich gibt es so etwas auch unter religiösen Menschen. Aber in diesem Ausmaß, und vor allem dieser plötzliche Wandel…? Irgendetwas machte mich misstrauisch, und ich hatte den Verdacht, dass möglicherweise auch ganze Foren von Trollen unterwandert sind, die Zwietracht unter Muslimen säen und das Image des Islam nach Leibeskräften schädigen.

Was man gegen solche organisierte Islamfeindlichkeit tun kann, weiß ich leider auch nicht. Da sind höhere Mächte im Spiel, davon bin ich überzeugt. Klingt vielleicht auch für muslimische Ohren etwas verschroben, aber das glaube ich nun mal. Man kann wohl nur „gegen an beten“.

 Naşide Gülyurt: Was könnte denn diese Art der Leser so verärgert haben, dass sie das Buch dermaßen auf ihrer Seite zerreißen und händeringend versuchen Ihre Argumente zu verfälschen, indem sie schlichtweg Informationen weglassen?

Anja Hilscher: Also, wie gesagt, das Schlimmste waren ja die User-Kommentare und –Reaktionen. Den ausländer- und islamfeindlichen Usern wird durch so eine relativ neutral wirkende Information oder Rezension sozusagen nur kurz ein rotes Tuch vorgehalten. Man muss nur ganz kurz damit wedeln, dann fällt die Meute von alleine über das Thema oder die Person her. Ich vermute, die Betreiber sind wahrscheinlich gar nicht so primitiv und unwissend, möglicherweise sogar sehr gebildet.

 Ebenso wie bei gewissen führenden Köpfen unter den Nazis ist es auch bei denen sicher so, dass sie durchaus verächtlich auf die dumme Masse ihrer Anhänger herabblicken und diese ganz gezielt in ihren Dienst stellen. Das ist übrigens genau das, was Islamkonvertiten und sogenannten „Gutmenschen“ von denen gerne vorgeworfen wird: Dass man sich zum nützlichen Idioten, zum Handlanger von radikalen Kräften macht. Was sie konkret an meinem Buch gestört hat? Naja, genau diese Kategorie Dumpfbacken habe ich in meinem Buch ja gezielt provoziert mit meinen kursiv gedruckten fiktiven Kommentaren der „islamophoben Kleingeister“, die sich durch das ganze Buch ziehen. Die habe ich mir ja richtig zur Brust genommen und überziehe sie mit Spott. Mit solchen Reaktionen hatte ich also ohnehin gerechnet.

 Naşide Gülyurt: Was veranlasste Sie überhaupt dazu so ein Buch zu schreiben?

 Anja Hilscher: Eigentlich genau die oben beschriebene Tatsache. Ich habe das Gefühl, dass gezielt Meinungsmache betrieben wird. Es gibt zwar ab und zu Ausnahmen, neuerdings. Aber in den allermeisten Fällen wird der Islam, ob absichtlich oder aus Unwissen, sehr eindimensional und negativ dargestellt. Man braucht ein Feindbild! Ein Aha-Erlebnis hatte ich sozusagen nach der Lektüre eines Spiegel-Artikels über den Propheten Mohammed. Dort hieß es, der Prophet habe nie gelacht – was natürlich hervorragend in das Bild des finsteren, säbelrasselnden Kriegsherrn passt. Da dachte ich: Nee! Die kennen die ganzen Überlieferungen (Ahadith) ganz gut! Das ist hier nicht Unwissenheit, das ist tendenziöse Meinungsmache! Denn es gibt ja sehr viele Ahadith, dass der Prophet immer gelächelt hat (allerdings wohl selten laut gelacht). Das wurde dort aber nicht erwähnt. Das mit dem Lächeln wurde nicht erwähnt, obwohl es weithin bekannt ist. Die Tatsache dagegen, dass er selten laut gelacht hat, passte ins Bild, wobei das kleine Adverb „laut“ auch noch der Schere zum Opfer fiel. Meine Absicht war es also, ein einziges Mal den freundlichen Islam, den ich kennen gelernt habe, darzustellen – einschließlich aller Koranverse und Ahadith, die sonst nie das Licht der Öffentlichkeit sehen dürfen!

 Naşide Gülyurt: Haben Sie das Buch also genau für jene geschrieben, die Meinungsmache betreiben?

Anja Hilscher: Na, in erster Linie dachte ich eigentlich an offene und humorvolle Nichtmuslime, für die die heutige Tendenz zur unreflektierten Islamophobie auch ganz scheußlich finden. Ich denke, es gibt viele Leute, die der meist inkompetenten, undifferenzierten und oberflächlichen Medienberichterstattung in Bezug auf das Thema Islam nicht mehr so recht trauen. Es gibt bestimmt einige, die darauf warten, dass Muslime, und vor allem auch Musliminnen, endlich mal für sich selber sprechen. Leider habe ich festgestellt, dass mein Spott gegen die Islamophoben von dieser Kategorie Lesern manches Mal missverstanden wurde. Einige haben sich diesen Schuh angezogen, obwohl er ihnen gar nicht richtig passte, und sich ein bisschen in Verteidigungshaltung begeben.

Das war natürlich nicht beabsichtigt, und das hätte ich im Vorwort deutlicher machen sollen: Selbstverständlich richten sich mein Spott und meine Ressentiments nicht gegen Leute, die wirklich offen sind und sich über den Islam informieren wollen! An der PI-Aktion sieht man ja: Islamophobe Rassisten, und nur mit solchen habe ich ein Problem, lesen das Buch gar nicht erst! Die zweite Zielgruppe ist die der „Kulturmuslime“, die von ihrer Religion vielleicht wenig wissen und sie auch kaum praktizieren. Und drittens die humorbegabten, entspannten, praktizierenden Muslime – die gibt es nämlich! Ich habe die Hoffnung, dass die das Buch entweder für sich selbst kaufen, oder, um es weiterzuverschenken, um damit Vorurteile und Unwissen abzubauen.

 Naşide GülyurtWie veränderte sich die Nachfrage nach der „Buchbesprechung“ auf PI?

 Anja Hilscher: Ich kann mich nicht erinnern, da einen eindeutigen Zusammenhang erkannt zu haben. Allerdings habe ich ihn auch nicht gesucht und täglich Verkaufszahlen gecheckt  Die PI-Leser sind ja eh nicht meine Zielgruppe…

Naşide Gülyurt: Wie hat Amazon auf das organisierte „runtervoten“ Ihres Buches reagiert?

 Anja Hilscher: Also, ich weiß gar nicht, ob ich da an den richtigen Ansprechpartner geraten bin, aber jedenfalls wurde mir gesagt, da könne man nichts machen, solange sich keine rassistischen Äußerungen in den Kommentaren fänden. Das fiele unter Meinungsfreiheit. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob das so ist. Angenommen, ein Online-Verkäufer will einen Konkurrenten ausstechen und spammt ihn mit gefakten Bewertungen in ganz großem Stil. Das kann doch nicht erlaubt sein! Bei mir ist es ja Gott sei Dank bei sechs geblieben…

Naşide Gülyurt: In Ihrem Buch gehen Sie unter Anderem auch auf die Fremdwahrnehmungen und Vorurteile der hiesigen Gesellschaft zu Ihrer Person ein. Wie hat sich die Reaktion der Menschen in den vergangenen Monaten geändert, nachdem die Medien stärker begonnen haben islamistische Extremisten als „Salafisten“ zu bezeichnen und nicht mehr nur als Muslime. Unter den Salafisten gibt es ja bekanntlich verhältnismäßig viele deutsche Konvertiten.

 Anja Hilscher: Naja, sagen wir mal, von der Gesamterscheinung her laufe ich persönlich jedenfalls nicht Gefahr, für eine Salafistin gehalten zu werden. Konkrete Veränderungen in der Reaktion der Umwelt habe ich auch nicht beobachten können. Einerseits muss man als „Fatma-Normalmuslima“ den Medien ja echt dankbar sein. Halleluja! Es hat durch die Gnade Gottes also doch nur wenige Jahrzehnte gebraucht, bis ein Elementarwissen über den Islam sich wenigstens so weit verbreitet hat, dass zwischen „Muslimen“ und „Islamisten“ und inzwischen sogar „Salafisten“ differenziert wird. Andererseits gilt ja weiterhin, dass Feindbilder geschürt werden und an echter Aufklärung kaum Interesse besteht. Das liegt einfach daran, dass die Menschen um ihre Identität fürchten. Ich habe auch den Eindruck, dass man „nichtradikalen“, offenen, integrierten Muslimen gar nicht unbedingt mit mehr Sympathie begegnet als den Fundis – und zwar genau aus dem besagten Grund. In Wirklichkeit, ganz subjektiv, ist die Kopftuchfrau, die anfängt zu sprechen und womöglich gar noch Lehrerin werden will, doch viel bedrohlicher. Oft heißt es dann, solche Musliminnen seien „schlechte Vorbilder“ für die Kinder. Warum? Weil sie auf diese Weise eben vorgelebt bekommen, dass man eben nicht nur entweder Moslem oder erfolgreich/emanzipiert/aktiv/kreativ/lebensfroh/integriert/einflussreich (die Liste positiver Adjektive lässt sich beliebig fortsetzen…) sein kann. Dann schon lieber eine vollverschleierte Selbstmordattentäterin, von der man sich abgrenzen kann.

 

[frame_box] denkerinnen_Imageproblem[one_third_last] Die studierte Lehrerin Anja Hilscher arbeitet als „Beraterin für interkulturelle Fragen“, ist mit 19 Jahren zum Islam konvertiert und hat mit 43 ihr erstes Buch „Imageproblem – das Bild vom bösen Islam und meine bunte muslimische Welt“ veröffentlicht.[/one_third_last] [/frame_box]

 

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