Sie – Das Augenlicht seiner Dunkelheit

„Ich möchte, dass du das wie deinen Augapfel behütest…“, sagte meine Mama vor langer Zeit zu mir, als sie mir den Ring ihrer Mutter schenkte. Damals musste ich das erste Mal darüber nachdenken, was es wohl wortwörtlich bedeutet, sich um etwas wie seinen eigenen Augapfel zu kümmern. Bis ich verstand, was überhaupt Augäpfel sind, verging einige Zeit. Aber nachdem ich verstand, dass „Augen“ damit gemeint waren, hatte ich immer noch Schwierigkeiten zu kapieren: „Man muss doch gar nicht wirklich auf seine Augen aufpassen. Da passiert doch nichts, das passt schon alleine auf sich auf“, dachte ich mir. Und vergaß.

Ich vergaß dieses Sprichwort, weil ich nicht begriff, wie bedeutsam dieses Sprichwort ist. Ich verstand nicht, dass es wichtig ist, auf die Augen zu achten. So dachte ich auch nie daran, dafür zu danken, dass ich  mit beiden Augen – wenn auch mit Sehhilfe – sehen konnte. Und nun wurde ich vor ein zwei Tagen darauf aufmerksam.

Tief beeindruckt bin ich, berührt von einer wertvollen Begegnung mit einem starken Ehepaar und sitze nun hier, um diese Bekanntschaft mitzuteilen.

Es ist eine Stärke, was sich zunächst einmal durch die Augen der Ehefrau des fast-Blinden sichtbar und sich anzubahnen bemerkbar machte.

Es war der Moment, in welchem ich den Anschein bekam, dass ihr Ehemann nicht sehen kann. Nicht nichts, aber fast nichts sehen kann. Ein fast-Blinder ist.

Es war der Moment, in dem ich mich dann erinnerte, dass meine Schwester von einer Freundin bereits erzählte, die einen fast-blinden Mann habe. „Tolle Menschen sind das!“, waren die Worte, die ich auf der Grundlage der von meiner Schwester berichteten Worte mit dieser Familie assoziierte.

Und vielleicht war es dieser Satz, den sich mein Unterbewusstsein speicherte, weshalb ich sofort Sympathie gegenüber dieser für mich mittlerweile vorbildhaften starken Person spürte. Aber nicht nur die im Unterbewusstsein offensichtlich abgespeicherten Worte, sondern vielmehr war es der Ausdruck in ihrem und auch in seinem Gesicht. Und der weitere Verlauf und das Entdecken verschiedener Facetten in  Form von Puzzle-Teilen, die sich schnell zu einem Bild zusammenlegten. Das Bild, welches eben genau diese Stärke ausdrückt und sich aus der Mitte heraus mit immer mehr ergänzenden Teilen vergrößert.

Es gingen Fragen durch meinen Kopf, die sich dann durch spontane Gespräche auf einem familiären Spaziergang, beim Essen und dann beim Kaffeetrinken beantworten ließen. „Das passierte ganz plötzlich, dass sein Sehvermögen sich verschlechterte… Es war aber nach ein paar Jahren unserer Hochzeit, dass wir unser Leben umstellen mussten. Weil er eben fast nichts mehr sehen kann. Nur aus der nächsten Nähe aus dem Diagonalen“, erzählte sie lächelnd, dankbaren Mutes.

Natürlich habe sie sich gefragt, warum es gerade ihn treffen musste. Aber in ihren Worten und Taten und in der Kommunikation zwischen Mann und Frau, aber auch im Miteinander der ganzen Familie, zu der 3 wunderhübsche Kinder gehören, war sichtbar, wie gut die Familie gemeinsam funktionierte. Dass der Umgang untereinander stimmt. Dass es keine Dissonanzen gibt.

Und er, an dem kaum sichtbar ist, dass er fast nichts sehen kann. Denn er trägt weder einen Blindenstock mit sich, noch hält er sich von Wegbeschreibungen zurück, ist sehr achtsam im Umgang mit seinen Kindern, und ist berufstätig. „Seine Hände sind ja noch gesund“, sagt sie.

Er vermag seiner Frau ein Geschenk zu sein – und andersrum genau so, dass

sie

für ihn

wie ein Geschenk

zu sein vermag.

Alle Anliegen, bei welchen das Augenlicht von Bedeutung ist, hat selbstverständlich sie zu erledigen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das sehr schwierig sein kann. Man – in diesem Falle Frau – ist für 3 Kinder und den Einkauf und allem, währenddessen man etwas sehen muss. Und das sind nur Kleinigkeiten, die mir einfallen. Wer weiß, welche Umstellungen noch mit dem Erblinden eines Ehepartners zusammenhängen..

Trotz alledem lässt sich Dankbarkeit in ihren Augen ablesen. Dankbarkeit für wunderhübsche Kinder. Dankbarkeit für die Gesundheit der ganzen Familie und für die Liebenswürdigkeit und den Lebensgeist ihres Mannes, der sich mit all seiner Kraft mit seiner Frau um die Kinder kümmert und die Welt zusammen mit dem Licht seiner Dunkelheit die Welt besser sieht, als ich, du, er, sie, es, die Welt jemals sehen werden kann.

Und sie. Die sein Licht erhellt und sich von seinem Erhellen am Leben hält. Und an ihren Worten bemerkbar, nicht zulässt, dass die Dankbarkeit gegenüber Gott verfällt.

Und genau dieser Wille in ihren Worten, sich bewusst zu halten, dass es immer Schlimmeres gibt, und sich bewusst hält, welche Gaben ihr zuteil wurden, lässt sie für mich so stark erscheinen. Und der Altruismus von Frau und Mann zugleich, zeigt mir, dass es wundervolle Füreinander gibt und dass Heldinnen und Helden des Alltags existieren.

Ich wünsche ihrem kleinen Baby, welches sie „Wunder Gottes“ nennt, ihrem kleinen Sohn der ersten Klasse und ihrem ältesten Kind, ein Gymnasialschüler der 8ten Klasse viel Gesundheit, Dankbarkeit, Güte, Frieden und Erfolg für’s Dies- und Jenseits.

Schön, eine solch herzhafte Familie, vom Baby bis zu den Eltern, kennengelernt zu haben. Vielleicht schaffen wir es auch mal Heldinnen oder  Helden des Alltags zu werden…

 

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