Aylan, Omran, wie heißt das nächste Kind?

Achtung! Dieser Beitrag enthält kritische Fragen, viel Trauer, Selbstkritik und Sarkasmus. Gestern sah ich einen kleinen Jungen, der Omran Daqneesh sehr ähnlich aussah. Er radelte geradewegs auf uns zu. Wer Omran googelt wird unter den Bildergebnissen immer dasselbe Bild finden. So als gäbe es überhaupt kein anderes Bild von ihm. Bilder sind historische Dokumente. So wie er abgebildet ist, wird Omran in Erinnerung bleiben. Erinnert sich überhaupt noch jemand an ihn? Aylan war nicht blutüberströmt. Eigentlich hieß er nicht Aylan, sondern Alan. Das ist den meisten gar nicht bewusst. Denn in der Berichterstattung wurde er immer Aylan genannt. Auf Bildern von früher lächelt Alan mit zusammen gekniffenen Augen. Alan hielt sich an das ungeschriebene Gesetz und starb „schön“ und „säuberlich“. More...

Damit entspricht Alans Tod dem Topos der schönen Leiche, ein Sujet welches im 18. und 19. Jahrhundert sehr stark verbreitet war in der europäischen Kunst. Man bewegte sich, um es in den Worten der Kunsthistorikerin Elisabeth Bronfen zu sagen, bereits gefährlich am Rande des Klischees. Die Salonmalerei akzeptierte die Darstellungen von Toten, so lange sie banal und pompös dargestellt waren. Die Landschaftsbilder von Cezanne lösten dagegen große Wellen der Empörung aus. Auch so ein Widerspruch der Moderne. Das der Künstler Ai Weiwei den Tod von Alan nachstellte, kritisieren manche. Dabei machte Ai Weiwei nichts anderes, als die Schuhe eines gestorbenen Flüchtlingsjungen anzuziehen. Er hat der Welt den Spiegel vor die Nase gehalten, indem er gezeigt hat, dass sich kaum jemand in Alan, in Kriegskinder und Flüchtlingskinder, hinein versetzt. Mit nur einer Bewegung kann man denn Sender oder die Webseite wechseln. Wisch und weg, wisch und weg, wisch und weg…

[info_box]Die Welt ist ein Dorf und ein Appartement in unserer Nachbarschaft brennt. Aber wir helfen nicht.[/info_box]

An Omran möchte sich keiner erinnern.

An Omran möchte sich niemand mehr erinnern. Er hatte seine zwei Tage fame und jetzt ist er längst verdrängt von anderen Nachrichten. Leben seine Eltern noch? Wer kümmert sich um ihn? Wie geht er mit dem Trauma um? Diese Fragen wurden nicht im Mainstream diskutiert. Es wurde darüber berichtet, dass der Fotograf zu den Rebellen gehöre, eine Einordnung. Leute fragten, ob es angemessen sei ein verwundetes Kind zu zeigen, eine Ethik. Auf Facebook und Periscope erklärten Moderatoren, warum das Bild gezeigt werden sollte, ein Argument.

hund-tank-cc0byweb2.0-janeb14-denkerinnenGanz wichtig ist es, das Bild in einen Kontext zu stellen: „Jedes Bild dient den Interessen von dem, der es zeigt.“ In den meisten Kommentaren schwang eine Angst vor Bildmissbrauch mit. Wessen Interessen dient das Bild eines verwundeten Jungen? Wohl an erster Stelle den Interessen von Menschenrechtlern. Aber fragen wir mal umgekehrt: Wessen Interessen läuft das Bild eines verwundeten Jungen zuwider? Es geht nicht darum sich auf die Seite dieses oder jenes Landes zu stellen. Es geht darum sich auf die Seite der Menschenrechte zu stellen. Es geht darum Menschenleben zu schützen ohne in einem Konflikt den Richter zu spielen. Europa muss sich für die internationale Friedensbildung engagieren. Das ist der einzige Weg um Terror in Europa und in der Welt vorzubeugen und mit der Flüchtlingskrise umzugehen. Und es ist würdevoller als ein Bittsteller bei Autokraten aufzutreten.

[info_box]Die Bilder von Opfern und Verwundeten des Krieges nicht zu zeigen, käme einer Vertuschung gleich und wäre nicht objektiv. Wer ein Leid verschweigt, der gaukelt eine heile Welt vor.[/info_box]

Wie schließen unsere Grenzen

weinendes-kind-cc0-web-2.0-by-blueMix-denkerinnenDie Welt ist ein Dorf und ein Appartement in unserer Nachbarschaft brennt. Aber wir helfen nicht. Wir schließen die Türen und Fenster. Wie schließen unsere Grenzen und zwar zügig. Wir ertragen es nicht verwundete Kinder zu sehen. Wir ertragen es nicht Omran, Alan und all die namenlosen Kinder zu sehen. Diese Kinder erinnern uns zu stark an die Hilfeleistungen, die wir unterlassen. Sie erinnern uns an unsere Gleichgültigkeit und Gemütlichkeit. Und auch wenn diese Kinder uns nie erreichen werden, hören wir sie fragen: Warum habt ihr uns sterben lassen? Warum habt ihr uns der Gewalt überlassen? Warum habt ihr nicht geholfen?

Haben die Bilder von Alan und Omran uns wirklich wachgerüttelt? Was diese Bilder vermitteln ist nicht der Schmerz, sondern das Entsetzen. Das kann ein Bewusstsein schaffen. Es kann aber auch abstumpfen. Letztlich entscheidet der Leser, wie er damit umgeht. Ob er sensibler auf das Thema reagieren möchte oder es verdrängen möchte. Spekulationen in diese Richtung sind Hellseherei.

Die Bilder von Opfern und Verwundeten des Krieges nicht zu zeigen, käme einer Vertuschung gleich. Das wäre nicht objektiv. Wer ein Leid verschweigt, der gaukelt eine heile Welt vor, schlägt sich auf eine Seite der Fronten.

Haben wir uns schon einlullen lassen mit den Nachrichten vom Waffenstillstand? Ist es das was wir den Leuten in Kriegsgebieten gönnen? Ein bisschen Waffenstillstand in ihrer zertrümmerten Heimat. Heimat gehört zu den Lieblingswörtern in Deutschland. Alle reden von der Heimat, aber von der eigenen Heimat. Dass die Heimat von anderen Leuten zerstört wird, darüber spricht man nicht. Warum eigentlich?

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