Bertolt Brecht, der eigentlich als Eugen Berthold Friedrich Brecht genannt wurde, knapp am Ende des 19. Jahrhunderts 1898 geboren wurde, gilt heute im 21. Jahrhundert als einer der „einflussreichsten“ (Wikipedia) Autoren Deutschlands. Neben seinen Dramen, die hauptsächlich in seinem Fokus lagen, schrieb Bertolt Brecht, auch Bert Brecht, Gedichte. Manche Autoren finden im Laufe ihrer literarischen Tätigkeiten die Lust, sich auch mal über einen anderen Weg auszudrücken, sich zu entfalten und somit auch ein stückweit sich selber zu finden. Klar wollte vor allem ein Mensch wie Bertolt Brecht Massen erreichen, Massen mobilisieren, andere sich finden lassen. Jedoch zählen einige seiner Produktionen auch als Produkte seines eigenen Selbstfindungsprozesses.

Also nicht seiner eigenen Selbstfindung, sondern seines eigenen Selbstfindungsprozesses.

Denn Selbstfindung ist ein Prozess - den es zu analysieren es sich lohnt.

Ein Prozess, an dem ganz unverschont zu feilen es nicht fehlen darf, bis man sich gefunden hat. Wie das Fokussieren eines Objekts in der Linse seiner Kamera. Ein hin und her des Objektivs, bis das Bild ganz scharf und erfasst ist. So scharf muss das Bild des eigenen Ichs sitzen. In einem. Wohnhaft. Ohne die Last, hin und her gerissen zu werden, weil man Prozess der Selbstfindungsich ja noch nicht kenne.

So ist es sehr wichtig, dass dieser Prozess bei jedem Menschen stattfindet. Damit man nicht hin und her gerissen ist, und man irgendwann weiß, was man möchte und was nicht. Zwar findet diese Selbstfindung immer ein bisschen anders und unterschiedlich bewusst statt – aber sie findet statt. Schön ist es, wenn dieser Weg der Findung mit vollem Bewusstsein durchlaufen wird. Denn nicht grundlos betonte einst Yunus Emre, ein bedeutender Lyriker der türkischen Literatur des 13. und 14. Jahrhunderts, wie wichtig es sei, sich selber zu kennen:

„Das Wissen liegt im Erkennen,

im Erkennen des eigenen Ichs.

Ohne seiner selbst nicht zu kennen,

bringt das viele Wissen nichts.“

So geht aus diesem Auszug aus dem Gedicht von Yunus Emre vor, wie wichtig es ist, sich selber zu kennen. Denn mit der Selbsterkenntnis, beginnt die Fremderkenntnis. Umgekehrt sieht das nicht anders aus. Wenn man das Fremde nicht kennen lernt, kann man sich auch nicht kennen lernen. So ist der Austausch mit „Anderem“, mit „Fremden“ unausweichlich – wenn man sich selber finden möchte.

Deutschland - am Anfang des 20. Jahrhunderts am Ende seiner Nerven

So geschieht die Selbstfindung auch bei Bertolt Brecht (*1898, †1956) statt. In diesem Prozess der Selbstfindung entstand die Hauspostille Brechts. Sie entstand am Anfang des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der in Deutschland eines der am häufigsten diskutierten Themen, die Zukunft der von Problemen belasteten Weimarer Republik war. Ausgangssituation, in der sich die erste Republik befand, war ein verlorener Krieg mit einem Friedensvertrag, des Versailler Vertrags von 1919, der negative Konsequenzen für Deutschland beinhaltete. Zudem war dieser Zeitraum eine Zeit der Inflation. Auf der ganzen Welt herrschte eine wirtschaftliche Krise, doch in Deutschland war der Ausmaß enorm.

Ab den 1920ern kam es kulturell zwischen den Linken und Rechten zu einer Frontbildung. Es wurden Trinkstätten gegründet, die nationalsozialistisches Gedankengut verbreiten wollten.

Bertolt Brecht ist einer der Autoren, den diese Zeit soweit geprägt hat, dass seine Verarbeitung mit den unterschiedlichen Problemfeldern seiner Zeit sich auf seine Werke auswirkte. Er selbst versuchte mit linkem Engagement der aufkommenden Verherrlichung des Nationalsozialismus entgegenzuwirken, indem er Elemente des Marxismus u.a. in seine Gedichte einfließen ließ und damit grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse und vorherrschenden Grundstrukturen postulierte.

„Von der Willfährigkeit der Natur“

Das Gedicht „Von der Willfährigkeit der Natur“ ist beispielsweise ein solches Gedicht, welches in der Hauspostille Bertolt Brechts zu finden ist. Die Hauspostille ist Brechts bekannte Gedichtsammlung, welche zwischen 1918 bis 1925 entstand.[1]

Der Titel des Gedichtes „Von der Willfährigkeit der Natur“ deutet ebenso auf den Inhalt des Gedichtes hin: willfährig wird hier als Synonym zu gleichgültig verwendet. Scheinbar zusammenhanglose Stränge werden in einen Bezug gesetzt, um somit die Ungerechtigkeit, die von der Natur oder dem allgemein Unveränderlichen und Verhältnissen, die damals geherrscht haben, ausgeht, zu untermaue

rn. Das Gedicht „ Von der Willfährigkeit der Natur“ kann zweierlei verstanden werden. Zum einen kann es sein, dass einer, der über die Natur nur jammern kann, höhnisch vorgestellt wird. Oder es jammert der Autor in der Figur des lyrischen Ichs. Jedoch soll Brecht es gewesen sein, der 1921 „[m]an darf nicht gegen die Natur jammern“ ins Tagebuch schrieb.[2]

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Für Brecht ist es vor allem wichtig, zum bewussten Umgang mit der Realität herbeizurufen. Aufzuzeigen, dass es Ungerechtigkeiten in der Welt gibt und das Bewusstsein der Menschen fehlt, mit diesen umzugehen. Brecht bedient sich der Macht der Natur und der Ohnmacht des Menschen gegenüber der Natur.

Konstruktive Kritik?

Schade, dass die Natur durch Brecht instrumentalisiert wird. Denn ist es nicht die Natur, die uns am Leben hält? Die mit ihrem faszinierenden System ein Gesamtkonzept liefert, welches immer wieder ans Staunen erinnert? Vielleicht darf man Brechts Gedicht auch nicht allzu ernst nehmen, wenn es um die Diffamierung der Natur geht. Sein Gedicht kann letztendlich auch „nur“ ein Kommentar von ihm als Individuum sein. Von ihm als Individuum, das, wie Pietzcker es sagt, „als solches gesellschaftlich ist und sich von seinem gesellschaftlichen Ort aus zur Gesellschaft verhält – gerade auch, wenn es sich von ihr abzuwenden versucht.“[3]

Welche Effektivität hinter Brechts Gedicht steckt ist für mich fraglich. Denn konstruktive Kritik ist es nicht, welches er liefert. Heute sind Krisenherde, so wie es damals Deutschland war, ebenso existent. Jedoch wünsche ich mir für diese lösungsorientierte Postulate statt problemorientiete Darlegungen über die Ohnmacht der Menschheit – um der Selbstfindung willen. Um das Vollenden des Prozesses willen.
[1] Vgl. Knopf, J.: Brecht Handbuch. Lyrik, Prosa, Schriften. S. 28ff.

[2] Vgl. Hinck, W. (Hg.): Ausgewählte Gedichte Brechts mit Interpretationen. S. 33.

[3] Pietzcker, C.: Die Lyrik des jungen Brecht. Vom anarchischen Nihilismus zum Marxismus. S. 13.

 

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