Bilanz im Integrationsland Deutschland

Mit Koffern voller Träume und Hoffnungen haben türkische Frauen und Männer vor über fünfzig Jahren den Weg in ein ihnen unbekanntes Land gewagt. Von 1961 bis zum Anwerbestopp 1973 kamen ca. 650.000 angeworbene türkische Frauen und Männer als sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nach Deutschland, um – wie man damals annahm – einige Jahre später in die Türkei zurückzukehren. Doch die Koffer von einst sind längst ausgepackt. Es hat Familiennachzug stattgefunden, Familien wurden hier gegründet und Kinder geboren. Für viele von ihnen haben sich die Träume und Hoffnungen erfüllt. Die in Deutschland geblieben sind, haben mit ihrem Fleiß und ihrem Einsatz wesentlich zum Aufbau und zum Wohlstand dieses Landes beigetragen.

Keine Integrationspolitik bis in die 90er

Die Politik war bis in die neunziger Jahre in vielerlei Hinsicht nicht auf Integration, sondern auf Rückkehrförderung ausgerichtet. Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter wurden zwar nach Deutschland geholt, aber überwiegende Meinung war, dass sich Integration mit dem fleißigen Arbeiten an der Werkbank von selbst erledige. Viel zu selten wurde gegenüber den Zugewanderten klar ausgesprochen, was von ihnen erwartet wird und welchen Beitrag zur Integration diese Gesellschaft leisten muss. Exemplarisch dafür ist das Thema Erwerb ausreichender Deutschkenntnisse. Hier regierte oft das Zufallsprinzip: ob ein Arbeiter abends nach einer ermüdenden Schicht an der Werkbank noch zufällig einige Wörter auswendig lernte, die er tagsüber aufgeschnappt hatte, oder nicht. Das blieb viel zu lange dem Zufall überlassen.

Sprachkenntnisse sind das A und O

Daraus haben wir inzwischen auch für die Zukunft unseres Landes unsere Lehren gezogen. Die Beherrschung der deutschen Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Wer sie beherrscht, hat eine Chance, wer nur über mangelhafte Kenntnisse verfügt, hat keine Chance. Um nicht von vornherein „abgehängt“ zu werden im Schul-, Berufs- oder Alltagsleben, muss alles getan werden, dass alle Kinder die deutsche Sprache beherrschen. Wir können nicht früh genug damit beginnen, sie sprachlich zu fördern, nämlich bereits in der frühkindlichen Förderung und vor allem in den Kindertagesstätten. Dazu gehört, dass Eltern ihre Kinder früh in den Kindergarten schicken oder sonst dafür Sorge tragen, dass Kinder die Sprache erlernen können. Nur so verfügen sie vor der Einschulung über altersgerechte Sprachkenntnisse. Kinder, bei denen dies nicht der Fall ist, müssen vorschulische Sprachförderung erhalten. Das hat sich inzwischen bewährt. Es ist wichtig, aktiv zu werden, bevor Probleme entstehen.

Jugendliche – egal welcher Herkunft – sind unsere Zukunft

Im Bildungsbereich muss den Übergängen zum Beispiel von der Kindertagesstätte in die Schule oder von der Schule in die Ausbildung besondere Aufmerksamkeit gelten. Dafür gibt es auch volkswirtschaftliche Gründe: diese jungen Menschen sind unsere Zukunft. Es liegt in unserem ureigensten Interesse, ihre Potenziale und Talente zu fördern und zu fordern. Dennoch werden wir allein den Bedarf nicht mit den auf dem heimischen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Kräften decken können. Eine gezielte Zuwanderung von Arbeitskräften für bestimmte Branchen und Bereiche ist zur Erhaltung der Wirtschaftskraft Deutschlands sinnvoll. Bei der Zuwanderung sollte nicht nach Nationalitäten, Herkunftsländern oder Religionszugehörigkeit getrennt werden. In dieser Frage kann es nicht mehr um Herkunft sondern nur noch um Zukunft gehen, also um Qualifikationen und Kompetenzen.

Vielfalt als Chance

Vielerorts zeichnet sich ein Mangel an Fachkräften ab, deshalb müssen die, die zu uns kommen, auch in ihren erlernten Berufen arbeiten können. Die Verfahren zur Anerkennung ihrer beruflichen Qualifikation müssen nicht nur transparenter werden, sondern auch zügiger ablaufen. Bereits erworbene Qualifikationen müssen durch Nachqualifizierung angepasst werden und berufsspezifische Sprach- und Qualifizierungsangebote bereit gestellt werden. Dafür muss man auch hinterfragen, ob die bestehenden Strukturen z.B. in der Pflege und der Gesundheitsversorgung allen offen stehen, egal welcher Herkunft sie sind. So wird es eher möglich, auf den ersten Blick nicht immer sichtbare Barrieren zu überwinden.

Die Geschichte der Gastarbeiter ins Integrationsland: eine Erfolgsgeschichte

War die Einwanderung aus den sog. Gastarbeiterländern eine Erfolgsgeschichte? Ohne die Probleme, die es zweifellos gibt, „vom Tisch wischen zu wollen“, möchte ich diese Frage bejahen. Die Entwicklung zeigt, die Integration ist weiter voran gekommen als manchmal vermutet oder behauptet wird. Integration ist allerdings keine Einbahnstraße. Vor allem muss sich jeder, der in Deutschland lebt, auch mit unserem Land und seiner freiheitlichen demokratischen Grundordnung identifizieren. Die Vielfalt der Menschen in Deutschland und damit die Vielfalt der Gesellschaft, kann sich zum Vorteil aller auf dem Fundament und im Rahmen unseres Grundgesetzes entfalten. Sie ist durch das Grundgesetz gewährleistet und geschützt (Art. 2 GG).

Mehr über Ministerin Aygül Özkan (CDU) auf ihrer Website

www.aygueloezkan.de

Comments

  1. Kerstin says:

    „Jugendliche – egal welcher Herkunft – sind unsere Zukunft“ – dieser Satz sollte von mehr Leuten beachtet und sowohl in der Politik als auch in den Schulen gelebt und umgesetzt werden!

  2. Anna Falusi says:

    „Die Politik war bis in die neunziger Jahre in vielerlei Hinsicht nicht auf Integration, sondern auf Rückkehrförderung ausgerichtet. Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter wurden zwar nach Deutschland geholt, aber überwiegende Meinung war, dass sich Integration mit dem fleißigen Arbeiten an der Werkbank von selbst erledige.“ – endlich spricht das mal jemand aus, denn es wird den Migranten meistens nur vorgeworfen, nichts getan zu haben. Aber was hat Deutschland denn dafür gemacht??

  3. Meryem D. says:

    @Anna, naja, Deutschland ging noch nicht einmal

    wie Frau Aygül Özkan sagt,

    davon aus, „dass sich Integration mit dem fleißigen Arbeiten an der Werkbank von selbst erledig(t)“. Sie gingen von gar keiner Integration aus.

    Auch würde ich gerne von Frau Aygül Özkan wissen, wie Sie das rechtfertigt, dass die CDU erst in diesem Jahr akzeptiert hat, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist? Wie kann das sein? Wollte die CDU die Augen vor verschließen? Oder wie wird es begründet? Das interessiert mich wirklich.

    Aber nichtsdestotrotz finde ich es stark, dass Politikerinnen wie Aygül Özkan es ist, sich trauen, endlich einmal das auszusprechen, was viele wissen, aber für sich behalten! Hauptsache, es wird ab jetzt von Zuwanderung gesprochen, auch wenn es die entsprechenden Gesetze noch nicht dazu gibt.

  4. Sophie Anders says:

    Sehr wichtig und richtig:

    „Vielerorts zeichnet sich ein Mangel an Fachkräften ab, deshalb müssen die, die zu uns kommen, auch in ihren erlernten Berufen arbeiten können. Die Verfahren zur Anerkennung ihrer beruflichen Qualifikation müssen nicht nur transparenter werden, sondern auch zügiger ablaufen.“

  5. Muhamet Idrizi says:

    Der Text ist recht allgemein gehalten. Er impliziert immer noch einen Gedanken der „verwertbarkeit“. Es ist sicherlich nicht die Leistung der CDU gewesen diesen Zustand herbeizurufen, welchen wir haben heute haben. Einzig Rita Süsmuth kann genannt werden als eine integrationspolitischer Sprecherin mit Weitsicht in der CDU. Auch heute ist in Aspekten der doppelten Staatsangehörigkeit die CDU eine Blockadepartei. Minderheiten wie ihre Autorin werden sich im Konservativen Block nicht durchsetzen um eine liberale Haltung herbeizurufen. Viele Migraten die der CDU beitreten haben ebenfalls sehr konservative Ansichten. Es bleibt noch sehr viel zutun.

  6. Es tut einfach sehr gut, hin und wieder einen pragmatischen, optimistischen Text über Integration zu lesen, in dem weder Panik geschürt noch Opferrollen gepflegt werden.

    Und was die Attacken einiger Kommentatoren gegen Frau Özkan als CDU-Politikerin betrifft: Die CDU hat auch die erste Frau zur Vorsitzenden und Bundeskanzlerin erhoben, wogegen andere Parteien jahrzehntelang “theoretisch“ Frauenpolitik betrieben. Und auch die erste deutsch-muslimische bzw. deutsch-türkische Ministerin war und ist Christdemokratin. Wer sich gerne über Vorurteile beschwert, darf also hier auch mal die eigenen überprüfen… 😉

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