Ein Mensch ist nämlich niemals ein Individuum; man sollte ihn besser ein einzelnes Allgemeinwesen nennen. (Sartre)

Es ist interessant sozialgeschichtlich auf den Grund der Biographien zu gehen.. als ich meine Notizen dazu sah, wollte ich diese unbedingt mit der Welt der Denkerinnen und ihren LeserInnen teilen!

 

Eine Begriffsdefinition

Biographie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Lebensbeschreibung. Der Terminus tauchte eigentlich sehr spät, und zwar 500 nach Christus auf und ging erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts in den europäischen Sprachgebrauch ein. Neben der Darstellung eines Lebens bzws. eines Individuums, gibt es auch noch das Phänomen einer Autobiographie.. während es doch für viele sehr schwierig zu sein scheint, über sein eigenes Leben zu berichten.

Die Geburtsstunde der Biographie

Sehr wichtig ist die Entstehungshistorie.  Eine Phase, in der das Individuum gegenüber der Gesellschaft eine größere Rolle zu spielen begann, gebar die Biographie und wurde während des Hellenismus und der römischen Zeit gestillt. Und es entstanden mit der Zeit immer mehr Biographien von Dichtern, Philosophen und Herrschenden.

Später dann, im europäischen Mittelalter - einem anderen Mittelalter wird man ja nicht unbedingt gelehrt - entstanden dann Biographien von Märtyrern und Heiligen. Meist sehr legendenhaft mit didaktischer Funktion.

Profane Biographien, die der Demonstration des Exemplarischen dienen sollten, entstanden dann während der Karolingerzeit.

Selbstbewusstsein erlangte sie aufgrund des vermehrten Interesses am individuellen Menschen während der Renaissance und dem Zeitalter des Humanismus. Das ging soweit, dass auch zum ersten Mal Autobiographien entstanden.

Erst im 18. bzw. 19. Jahrhundert etablierte sie sich als historiographisches Genre. Menschen begannen erstmals die Biographie als solches wahrzunehmen,  zu definieren, darüber zu reflektieren und vielleicht auch zu pulverisieren.

Ab dem 19. Jahrhundert verbreitete sich das Biographieren, bis sie die ersten Probleme der Geschichte zu tragen hatten. So wurde sie dann im und vor allem in den 1970ern von einzelnen Personen zu Gunsten der Kollektiv- und Typenbiographie vernachlässigt. Auch entstand das Problem, dass man entdeckte, dass durch Biographien die Geschichte nur auf wenige Persönlichkeiten reduziert wurde, was den vergangenen Tatsachen gar nicht gerecht ist. So wurden Biographien vor allem von Historikern abgelehnt, obwohl in der breiten Masse der Öffentlichkeit ein großes Interesse an Biographien existent war und ist. So begannen Historiker Biographien in einen Gesamtkontext zu stellen und fingen an, zu erforschen, weshalb einzelne Biographien dennoch von hoher Bedeutung zur Erklärung von Massenphänomenen sein können.

Es wurden keine herausragenden Personen mehr aufs Blatt gebracht, sondern man stellte nur noch Zusammenhänge zwischen Individuen und der Gesellschaft her. Nicht mehr die Einzelperson war von Bedeutung, sondern nur noch diese Zusammenhänge.

So entstand die "sozialhistorische Biographieforschung". Es begannen nun Forschungen über:

a) Primärgruppen und Sozialisationsformen,

b) Sekundärgruppen - also Gesamtgesellschaften mit materiellen, institutionellen und ideologischen Rahmenbedingungen,

c) die Verarbeitung gesellschaftlicher Erfahrungen, autobiographischen Selbstentwürfen und psychischen Krisen, sowie Krankheiten.

Sartres Flaubert ist ein Beispiel hierfür.

Jedenfalls wurde die Biographie somit immer abhängiger von vielen anderen Forschungsfeldern.

Das ganze Bestreben nach dem Sinn von Biographien erweiterte sich so stark, weil man daran zu glauben schien und scheint, dass dadurch Defizite einer Gesellschaft leichter zu diagnostizieren und zu beheben seien. Denn nichtsdestotrotz gelten Biographien als wertvolle Interpretationen der Zeit!

Insbesondere sind Biographien von Menschen, die was bewirkt haben von hoher Relevanz - wenn man deren Werke verstehen und interpretieren möchte.

Kein Walt-Disney Film ist ohne die Biographie Disney's zu verstehen.

Und genauso sollte auch die Evolutionstheorie ohne die Biographie von Darwin nicht versucht werden, zu verstehen.

Genauso ist es mit Karl Marx. Und genauso ist es bei anderen Theoretikern, Künstlern, Philosophen, Theologen usw. usf.

Denn so, wie Biographien wertvolle Interpretationen der Zeit sind, sind sie auch eine Methode, um zu entdecken, inwiefern sich Werk mit "Schöpfer" decken und welche Intentionen hinter den Werken stecken. Es ist nicht nur das Produkt relevant, sondern auch die Absicht, dieses Produkt zu erschaffen - nicht zuletzt um der Authentizität und der Seriosität der Inhalte willen.

Würde ich doch Theorien von Menschen dreimal überdenken, die hier und da die Aussage fallen ließen, dass sie gerne Lügen in die Welt setzen möchten, um zu schauen, wie die Umgebung reagiert.

...

*** Literaturhinweise zur weiteren Vertiefung:

  • Eliot, Marc: Walt Disney. Genie im Zwielicht, München 1994.
  • Gestrich, Andreas (Hg.): Biographie - sozialgeschichtlich, Göttingen 1988.
  • Jordan, Stefan (Hg.): Lexikon Geschichtswissenschaft. Hunderte Grundbegriffe, Stuttgart 2002, Seite 44-48.

 

/Fotoquelle: dertrendsetter.de /

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