Wozu eine Buchmesse, wenn es keinen Marcel Reich-Ranicki mehr gibt. Der große Kritiker, der die Kultur des Kritisierens in die Literaturwissenschaft gebracht hat. Der, dessen Exil ihn zu dem machte, als welcher er vor nicht allzu langer Zeit gestorben ist. Marcel Reich-Ranicki. Ein Mensch, wie es sonst seinesgleichen nicht leicht zu finden ist. Jüdischer Abstammung. Geflohen vor Nazis. Sich gefunden in Büchern. In deutschen Klassikern. Herangewachsen in seiner Welt der Literatur. Und ein Ende als großartiger Literaturkritiker, welchen Deutschland sich so zu eigen gemacht hat, wie es sonst kein zweites Mal auf der Welt als Ironie des Schicksals vorkommen vermag.

Durch seine Gabe der Kritik wurden viele Bücher zu dem, was sie heute sind. Wenn er Bücher gelobt hat, wurden sie tausendfach verkauft. Im Falle der Kritik, hundertfach. Und bei keiner Erwähnung eines Werkes, wurde dieses wenig bis gar nicht verkauft... So misst sich die Bedeutung seines Feedbacks - ob gut oder schlecht, kam es der Autorin/dem Autoren immer auf jeden Fall zu Gute, wenn Ranicki deren/dessen Werk zum Thema machte.

"Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen", lautet ein Zitat von ihm, an welchem man merkt, wie er zu Menschen steht, die auf Teufel komm raus unbedingt schreiben wollen. Meinen, schreiben zu müssen. Meinen, schreiben zu können.

Günter Grass mochte er gar nicht. Versteht sich von alleine. "Seine letzten Bücher sind so misslungen, dass er jetzt kaum noch Chancen auf den Nobelpreis hat", sagte er über ihn, vor der Vergabe des Nobelpreises 1997. Zwei Jahre danach bekam Grass ihn trotzdem. Und vielleicht auch deswegen. Komischerweise scheint Ranicki nach der Vergabe des Nobelpreises an Grass 1999 seine Meinung über Grass doch geändert zu haben: "Wenn ein deutscher Schriftsteller ihn erhalten sollte, und dies habe ich schon vor Jahren immer wieder gesagt, dann ist Grass der Richtige gewesen", ließ er verkünden.

Und dass er 90 Jahre alt wird, hätte er niemals gedacht:

"Als meine Frau und ich uns mit zwanzig Jahren kennengelernt haben, war es sehr unwahrscheinlich, dass wir überleben. Wenn wir uns vorgestellt haben, wie wird das sein, wenn wir achtzig sind ... oh Gott! Aber neunzig? Neunzig! Schrecklich, schrecklich."

Ja. Das ist Marcel Reich-Ranicki. Gewesen. Schade, dass es ihn nicht mehr gibt. Zwar gut, dass die Buchmesse trotzdem stattfindet, aber sie findet ohne Seele statt. Einem solchen guten Kritiker wird Deutschland nicht so einfach wieder begegnen. Auch wenn die Gründe, die ihn zu dem machten, was er war, nicht die angenehmsten, ganz und gar schlimmsten Umstände waren - gut, dass die Deutsche Literaturgeschichte einen Menschen wie Ranicki festhalten kann.

In diesem Sinne: viel Spaß und Kritik auf der Buchmesse. Vielleicht wird sie einen neuen Ranicki gebären.

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(Alle Zitate von Ranicki sind vom SPIEGEL ONLINE übernommen)

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/Fotoquelle: Süddeutsche Zeitung/

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