Das Chaos in mir

Es regnet. Noch nie zuvor habe ich den Regen so genossen. Meine Hände sind weit nach vorne ausgestreckt, ich spüre jeden einzelnen Regentropfen auf meiner Handinnenfläche. Es fühlt sich beinahe wie kleine Stiche an. Regenstiche. Tief atme ich die Luft ein. Wie lange ist es schon her, dass ich den Moment nicht genossen habe. Zu lange. Der Alltag verschwindet aus meinem Kopf. Jetzt bin nur noch ICH da. Ich und der Regen. Und ich dieser erdige Geruch in der Luft, den ich tief einatme. Als würde ich zum ersten Mal im Regen draußen stehen und diesen Geruch wahrnehmen. Dieser Geruch fasziniert mich jedes Mal aufs Neu. Wieso fühlt der Mensch sich so verbunden mit der Erde. Wahrscheinlich weil er irgendwann auch zu Erde wird?

Ich bleibe kurz mitten auf der Straße stehen. Schaue um mich. Hastig rennen Menschen an mir vorbei. Sie entfliehen dem Regen. Ja, normalerweise hätte ich das auch gemacht. Bloß schnell weg. In diesem Moment kommt es mir aber lächerlich vor. Warum sollte ich fliehen. Oder vor was sollte ich fliehen. Allgemein habe ich das Gefühl, dass in der letzten Zeit alles viel zu schnell und fluchtartig passiert. Manchmal fühle ich mich schon gar nicht mehr wie ich. Ja, wer war ich den bloß nochmal?
Die vergangenen Wochen ziehen an mir wie ein Filmband vorbei. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte die Welt anhalten, „Stop“ schreien.
Es passiert so viel. Viel zu viel. Viel zu schnell. Und vieles passiert so unüberlegt. Es passiert einfach. Und da ist er wieder.
Der Alltag, Uni, Familie, Freunde, Verantwortungen, Erwartungen.
Um mir fällt auf, heute fliehe ich nicht vor dem Regen, um Erwartungen zu erfüllen, um Verantwortungen gerecht zu werden, die mir über den Kopf steigen.
Heute fliehe ich nicht vor dem Regen um Uni-Aufgaben zu erledigen, um irgendwelchen Bafög-Kram abzugeben, um mir Gedanken über Beziehungen zu machen, die so oder so zum Scheitern verdonnert sind.
Heute fliehe ich vor allem, um nicht vor dem Regen zu fliehen. Ich fliehe vor allem, aber nicht vor dem Regen. Heute fliehe ich nicht. Denn ich beschließe loszulassen. Nicht alles zu Kontrollieren, alles unter Sicherheit zu wissen. Mir keinen Druck zumachen, weil jenes nicht gemacht wurde, oder weil dieses nicht meinen Vorstellung gerecht passiert. Vielleicht denke ich, sollte ich aufhören mich an meinen negativen Seiten aufzuhängen. Und wenn wir schon beim hängen sind, auch sollte ich aufhören anhänglich zu sein. Ich gehe meinen Weg und wer mag, kann mir Gesellschaft leisten. Jedoch werde ich auf niemanden mehr warten. Warum auch?!?
Heute beschließe ich, heute, wird alles anders. Heute ist vielleicht der erste Tag vom Rest meines Lebens..

[Am Ende möchte ich doch sagen, dass ohne das anregende Therapie-Gespräch mit fünf besonderen Menschen diese Gedanken nicht mögliche gewesen wären. Also DANKE! Und ein ganz besonderen Dank möchte ich der Ältesten widmen: Manche Menschen sind wahrlich ein Segen!]

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