Gerhart Hauptmann war ohne Zweifel der bedeutendste naturalistische Dichter.

Eine ausschließliche stilistische Zuordnung würde allerdings ignorieren, dass er

auch klassische, romantische, symbolistische und impressionistische Elemente in

seine vielseitige Dichtung mit einbezogen hat.

Biografie Hauptmanns 

Gerhart Hauptmann wurde am 15.November 1862 im schlesischen Ober-Salzbrunn als

Sohn eines Wirts geboren. Nach einer abgebrochenen Landwirtschaftslehre absolvierte

er die Kunst- und Gewerbeschule in Breslau und studierte 1883 in Rom Kunst. 1884

ließ er seine Absicht fallen, Bildhauer zu werden und zog nach Berlin. Im Jahr darauf

heiratete er. Er begann zu schreiben und wurde mit seinen Sozialdramen

„Vor Sonnenaufgang“ (1889) und „Die Weber“ (1893) bekannt. 1912 wurde Gerhart

Hauptmann mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. 1919 bekannte er sich

ausdrücklich zur Weimarer Republik. 1933 zog Gerhart Hauptmann sich für längere

Zeit aus der Öffentlichkeit zurück, versäumte es jedoch, gegen das NS-Regime

Stellung zu nehmen; schlimmer: Er ließ es zu, dass Joseph Goebbels seinen

80. Geburtstag zum Anlass einer offiziellen Ehrung nahm. Gerhart Hauptmann starb

am 6.Juni 1946 in Agnetendorf.

 

 Der Naturalismus 

Der Naturalismus war eine neue literarische Kunstrichtung und Epoche, die kurz vor

dem Regierungseintritt Kaiser Wilhelms des II. , also in der „Bismarck-Ära“.

Diese neue Künstlergeneration strebte eine „Revolution der Literatur“ an, und die

Aufführung  von Gerhart Hauptmanns sozialem Drama, das die moralisch

verkommene Schicht der Neureichen zeigt, führte zu einem Skandal.

Was war neu?

  1. Die naturalistischen Schriftsteller/innen lehnten die bisher anerkannte Literatur

größtenteils ab, da sie ihrer Auffassung nach die Wirklichkeit nicht zeigte, wie sie war,

sondern verklärte und beschönigte. Sie sollten die sozialen Verhältnisse schonungslos

darstellen und damit auch kritisieren.

2. Die meist jungen Künstler wollten ein aufgeklärtes, demokratisches Deutschland

mit einem liberalen kulturellen Leben und lehnten den monarchisch-feudalen, also

rückständigen Obrigkeitsstaat ab, in dem viele Menschen und Meinungen unterdrückt

waren und nur der Adel und die Reichen das Sagen hatten. Viele standen der

verbotenen sozialistischen Arbeiterpartei nahe.

3. Sie befassten sich mit Themen, die anderswo gerne vermieden wurden;

Demokratie, soziale Missstände, Reform des Grundbesitzes und der Schulen,

Frauenemanzipation, die sie der verlogenen Moral und Kultur des selbstzufriedenen

Bürgertums entgegensetzten.

4. Ihr Programm war also die „ungeschminkte Wirklichkeitsdarstellung“. Mit

sozialem und psychologischem Scharfblick enthüllten sie die problematischen

Lebensverhältnisse gerade der kleinen Leute und des Proletariats. Zum ersten

Mal wurde dieses Milieu in der Literatur, v.a. auf der Bühne gezeigt: Verarmte

Landbewohner und durch die Industrialisierung bedrohte Handwerker und

Kleinunternehmer, das Elend der Industriearbeiter in den Großstädten.

 

Mit naturalistischer Objektivität wollen die Autoren die Wirklichkeit erfassen. Sie

entwickeln eine Vorliebe für das analytische Drama und konzipieren ihre Stücke so,

dass bedeutsame Ereignisse aus der Vergangenheit erst langsam und behutsam im

Verlauf der Handlung aufgedeckt werden. Deutlich wird dabei, dass die sozialen

Probleme der Zeit zugleich auf existenzielle Grundprobleme des Lebens verweisen.

Das künstlerische Hauptmerkmal des Naturalismus ist eine präzise Wiedergabe der

Alltagssprache. In den Äußerungen der Figuren spiegeln sich die soziale wie die

geografische Herkunft, Bildungsvoraussetzungen und Sprachgewandtheit, Alter und

Geschlecht. Um möglichst nahe an das tatsächliche Sprachverhalten der Menschen

heranzukommen, setzen die Autoren Dialektmerkmale, Redensarten, Satzfetzen und

sogar Stammeln ein. Das Versagen der sprachlichen Kommunikation ist ein wesent-

liches Kennzeichen des Naturalismus.

 

Der Sekundenstil

Sekundenstil nannten Arno Holz und Johannes Schlaf eine Erzähltechnik, die eine

Kopie der Wirklichkeit ermöglichen sollte.  Mit diesem Erzählstil sollten auch kleinste

Bewegungen und  intimste Empfindungen minutiös erfasst und nachgebildet werden können.

Es gibt vier verschieden Arten dieses Stils.

 

Dialekt: Mundart, mundartlich. Bezeichnung für eine sprachgeografisch bestimmbare Ausdrucksweise.

Soziolekt: Sprachgebrauch einer sozialen Gruppe, oder Schicht. Bezeichnung für eine schichtspezifische Ausdrucksweise.

Idiolekt: Wortschatz und besondere Ausdrucksweise eines bestimmten Menschen. Bezeichnung für eine personenbezogene Ausdrucksweise.

Psycholekt: Sprachverhalten eines Menschen infolge seiner gerade gegebenen Emotionslage („ruhig“, „erregt“).

Bezeichnung für die affektgesteuerte Unterschiedlichkeit individueller Sprechakte.

 

Worum geht es in diesem Drama ?

Im Ort Witzdorf besucht Loth seinen alten Schulfreund Hoffmann, der in eine reich

gewordene Bauernfamilie eingeheiratet hat. Der Reichtum entstand durch die

entdeckten Kohlevorkommen in Schlesien. Loth ist ziemlich arm, so dass er

Hoffmann sogar um Geld bitten muss. Loth, der Sozialreformen für nötig hält, ist in

diese Gegend gekommen, um über das Leben der Bergleute zu schreiben. Hier

entsteht ein Konflikt mit Hoffmann, der dies nicht gutheißen kann. Als Loth sich nun

mit Hoffmann und auch anderen Familienmitgliedern unterhält, erfährt er wie

die Verhältnisse in der Gegend sind. Der übermäßige Alkoholkonsum ist ein sehr

großes Problem, aber auch sexuelle Zügellosigkeit, die in Ehebruch und Kuppelei

gipfeln. Dies bekommt er u.a. mit, als er eines morgens sieht, wie Wilhelm Kahl aus

dem Zimmer seiner Tante, Frau Krause kommt. Helene, die in einem Pflegeheim

aufgewachsen ist und eine „pudere“ Welt kennt, findet in Loth eine Person, die die

hiesiegen Zustände auch inakzeptabel findet. Die beiden verlieben sich. Doch für

Loth kommt nur eine Frau in Frage, die einwandfreies Erbgut besitzt. Helenes

Schwester Martha erwartet ein Kind. Aus diesem Grund kommt Dr. Schimmel-

pfennig ins Haus, der ein alter Studienfreund von Loth ist und ihm in seiner

Grundeinstellung ähnlich gesinnt ist. Schimmelpfennig verrät Loth, wie die

wahren Verhältnisse in diesem Haus sind und Loth beschließt das Haus zu

verlassen. Da Loth nur eine gesunde Frau aus gesundem Hause heiraten will, schreibt

er ihr einen Abschiedsbrief und verschwindet. Kurz darauf berichtet Helene Hoffmann,

dass das Kind tot geboren wurde. Danach findet sie den Abschiedsbrief und begeht

Selbstmord.

 

Die Uraufführung von Vor Sonnenaufgang 1889 mündetet in einem Skandal

und bedeutete den Durchbruch der naturalistischen Bewegung. Vor dem düsteren

Hintergrund der Kohlengruben und ihrer Arbeiter scheint sich eine Familientragödie

abzuspielen. Doch zur Tragödie im klassischen Sinn kommt es nicht mehr, da die

Figuren zu eigenständigem Handeln nicht imstande sind.

 

„... das beste Drama, das jemals in deutscher Sprache geschrieben wurde.“

Arno Holz

 

Share

Tags: , ,