Das Gefühl der Unvollkommenheit

Die zwei Spitzen unserer Fäden müssen sich treffen. Die eine Spitze ist die Kindheit, die andere soll der Lichtblick in die Zukunft sein. Um an die zweite Spitze anzukommen fantasieren, vergegenwärtigen wir von früh bis spät. So in etwa, „Angenommen, ich wäre von dem ganzen Prüfungsstress befreit und mit der Schule fertig, dann wäre alles so wie ich es gerne gehabt hätte“.

Für die, die keinen erfolgreichen Abschluss gehabt haben geht der Faden bedauerlicherweise verloren. So befürchten sie es zumindest. Und für die, die einen erfolgreichen Abschluss absolvieren konnten, ist der Faden immer noch nicht an der anderen Spitze angelangt, denn jetzt ist das nächste Ziel das Studium. Wir ziehen in der Abiturphase auch das Studium in Betracht:“ Ich brauche nur noch den gesicherten Studiumsplatz, dann geht’s mir echt super“. Allein das ist nicht ausreichend. Es fehlt immer noch etwas. Das Mangelgefühl platzt immer wieder auf. Man fühlt sich mitten in einem endlosen Herbst.
Diese beiden Spitzen müssen endlich einen Knoten aus sich machen. Aber wann?

In der Ferne lässt sich ein Licht herausstechen. Die Ehe. Das ist es, was uns schon immer gefehlt hat. Unsere bessere Hälfte, die uns vervollständigt. Ein Haus, was mir gehört, ein Leben, das zwischen meinen Händen fliest, das ist also meine Rettung? Jetzt ist der Zeitpunkt, wo uns alle vier Wände begrüßen. Das gewisse etwas fehlt und fehlt immer noch.

Ist es nicht die Zeit, die wir nur für uns allein benötigen? Finden wir überhaupt noch Zeit für uns?
Nach der Rente, haben wir nichts mehr, für das wir streben und Elan leisten müssen. Ist das nicht die große Leere, vor der wir uns immer gescheut haben?
Oder vielleicht brauchen wir noch am besten ein Haus am Meer, einen riesen Garten, mit großem Teich und toller verschiedenster Arten von Fischen? Was nun?
Der Tod klopft leise an die Tür. Es fehlt etwas.
All die Bedürfnisse, die wir bis zu diesem Augenblick erfüllen konnten, haben es nicht geschafft die beiden Spitzen der Fäden zu verbinden.

Weil dieses Leben nicht das fundamentale Leben ist, sondern ein Leben voller Schatten… Unsere zwei Spitzen werden sich im Jenseits, vor dem Eingang des Paradieses verbinden. Und zwar unermesslich, unendlich, unter der Bedingung nicht zu zerreißen…

Comments

  1. Buri says:

    Das ewige Suchen nach der Vollkommenheit hast du mit schönen Beispielen den Lesern näher gebracht. Deine Darstellung, dass der Mensch ständig auf der Suche ist, um sich selbst zu vervollkommnen ist sehr gut gelungen. Ich bin begeistert von deinem Schreibstil und wünsche dir noch viel erfolg beim Verfassen anderer Texte.

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