Das Märchen vom „Wiedereinstieg in den Beruf von Müttern“

 

 

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Dies ist ein Auszug eines Selbstversuchs einer Mutter mit zwei Kindern und ihrer Tragikomödie diese in der Kita und im Hort unterzubringen

 

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In den Medien klingen die Statements der Politiker immer ziemlich simpel: Liebe Mütter bitte scheut euch nicht, geht doch bitte alle wieder arbeiten, wir helfen euch!

Na dann kann ja eigentlich nix mehr schief gehen, denke ich mir als Mutter von zwei Kindern und kremple mir die Ärmel und mache mich auf den Weg zum Chef. Ich bin so bereit wie nie zuvor. Mutter sein ist das tollste auf der Welt, ohne Zweifel, aber ich arbeite nun mal auch gerne, und dieser Drang ist in den letzten sechs Jahren irgendwie immer stärker geworden. Naja, also erst mal zum Chef und abchecken ob das noch geht. Nach kurzem Gespräch über Möglichkeit, Nachfrage, Angebot, Nutzenkalkül ist die Sache erledigt. „Das schlimmste ist erledigt“ denke ich mir und werde in kürze noch merken, dass dem absolut nicht so ist!

Gesetzliche Verpflichtung zur Kindertagesbetreuung von Berufstätigen- was ist das?

Vom Chef in die Kita, wo man mich ja schon kennt, weil meine Ältere schon dort „Kunde“ ist. „Hallo und blabla- benötige den bereits zugesagten Platz nun früher- weil Arbeitsstelle -und gesetzliche Zusicherung- und sowieso nicht anders möglich- da keine andere Betreuungsalternative…“. „Erstmal tief Luft holen“ denkt sich die Kita-Leitung, das sehe ich ihr absolut an. Ok, kann sein, dass sie vielleicht einen schlechten Tag hat oder so. Dann aber die Überraschung: “Sie sind nicht die erste und sicher nicht die letzte aber ich kann ihnen nicht helfen. Wir müssen bei dem eigentlichen Termin bleiben, seien sie froh, dass sie überhaupt einen Platz haben!“ Aha! Aber gestern noch im TV sprach doch der nette und fürsorgliche Politiker, dass uns Frauen geholfen werde. Es kann sich also nur um ein Missverständnis halten.  Mit ganz viel Argumentation, einem Gefühls-Spagat mit doppeltem Salto, einigen wir uns auf einen Kita-Start, zwei Wochen vor dem eigentlichen Beginn. Ob das ausreicht? Nein, denn ich habe bereits angefangen zu arbeiten, keine Oma in der Nähe, oder aber auch Nachbarin, die sowieso zu Hause ein Kind betreut etc. Also schnell sämtliche Webseiten für Kinderbetreuung abarbeiten und eventuell nach einer tollen Marry Poppins Ausschau halten.

Tagesmütter sind rar, und viele noch frustrierter als die eigentlichen Mütter selbst

Nun habe ich ein Kind, dass erst in ca. acht Wochen einen Kitaplatz hat, einen Job, aber keine Betreuung . Als ob das nicht schon genug Problemstellung ist, bekomme ich einen netten Brief von der Schule, die mit ihrem tollen Betreuungskonzept auf der Homepage wirbt, dass meine Tochter leider keinen Hortplatz hat. Wie darf ich das jetzt verstehen? Nach ungefähr 50 Telefonaten stehe ich mit folgenden Fakten da: Wir haben in unmittelbarer Nähe keinen Hortplatz. Die Schule geht jeden Tag von 8-11:30 Uhr. Zwischen Arbeitsplatz und Schule liegen insgesamt 30km. Ich bin bereits von zwei Tagesmüttern am Tag des Arbeitsantritts im Stich gelassen worden. Außerdem arbeite ich nicht lang genug, um für diejenigen Tagesmütter die in Frage kommen könnten, lukrativ erscheinen zu können. Alle klagen über schlechte Bezahlung, mangelnde Altersvorsorge, Urlaubsgeld oder gar Krankengeld. Die Gesetzgeber sind nur verpflichtet für die Jüngere eine Betreuung zu organisieren, nicht jedoch für die Ältere. Der Gesetzgeber erwartet also, dass man im Falle eines Falles, in der ersten Klasse in der Lage sein müsste,nach der Schule mit dem Schlüssel um den Hals, sicher über Straßen zu gehen und nicht mit Fremden zu reden und zu Hause anzukommen.

Fazit

Mein Selbstversuch ist sehr lang und extrem ernüchternd. Deutschland hat das Problem mit der Kinderbetreuung von berufstätigen Müttern nicht im Griff. Plätze sind rar, Betreuer überfordert, Mütter ernüchtert. Ich wundere mich gar nicht mehr über die Weggabelung Karriere links-Familie rechts, an der wahrscheinlich alle Frauen dann mal vorbeischlendern. Ich bin alle Betreuungsinstanzen und die übergeordneten Einrichtungen durchgewandert, das heißt von der Kita, zur Tagesmütterbörse bis zum Stadtschulamt. Am Ende bleibt die Ungewissheit, sehr viel Mitleid und noch viel mehr Wut. Wut darüber, dass man als Frau und Mutter im 21. Jahrhundert immer noch diskriminiert wird.

Fotoquelle: http://www.hamburg.de/familie-beruf/3123358/berufsrueckkehrer/

 

Comments

  1. Ich teile diese Ernüchterung und Wut. Als Alleinerziehende hast du dann noch mit weiteren Hindernissen zu kämpfen, falls einen überhaupt jemand einstellt. 🙁

    Viele Grüsse, Christine

  2. Wow! Dieser Bericht trieb mir schon fast die Tränchen in die Augen, denn das kenne ich LEIDER nur zu gut. Teilweise geht einem in solchen Situationen echt der Kackstift. Besonders dann, wenn man Alleinerziehende ist.

    Lieber Gruß,
    Aada

  3. Johanna says:

    Das ist leider Realität. Vielfach erlebt. Und selbst wenn man einen Platz bekommt… die meisten Angebote gehen bis 16:30. Und danach? Vollzeit arbeiten? Nur wenn man das Kind herumreicht.
    Aber Fakt ist auch: Bei uns in der Kita sind mindestens die Hälfte der Kinder von ALG II – Beziehern. Es ist ist ein inoffizieller Trick. Gehe zum Jugendamt, sag du bist überfordert und dann bekommst du einen Platz (der dir finanziert wird). Sehr zum Leidwesen von Müttern/Vätern die arbeiten müssen/wollen. Für alleinerziehende heißt es so oft… Hartz IV statt arbeiten mangels Betreuung.

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