Die Modeindustrie – Moloch-Monster der Arbeiterinnen

Karyatiden sind vielleicht die ersten Models der Geschichte, weil sie keine Götzenbilder darstellen. Es handelt sich bei ihnen um Säulen in der Form eines weiblichen Körpers. Die Perser nannten Frauen die als Kriegsgut erbeutet wurden Karyatide. Laut Brockhaus Enzyklopädie besteht die Annahme, dass diese Bezeichnung zunächst nur für Tänzerinnen aus der Stadt Karyai benutzt wurde. Später wurde es für alle weiblichen Sklavinnen verwendet. Die männliche Variante dieses architektonischen Elements, also Säulen aus einem männlichen Körper, bezeichnet man als Atlant.

Bildquelle: http://www.stilus.nl/oudheid/wdo/GRIEKEN/KUNST/KARYATID.html
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Für manche ist es immer noch eine ungewöhnliche Vorstellung, wenn man von der Ausbeutung der Models spricht. Denn Paparazzi dokumentieren ihr Leben, Fans vergöttern sie. Sie sind schön und prominent. Worüber könnten sie lamentieren?

Die Siegerin bleibt allein

Bildquelle: http://fashion-design-course.com/blog/
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So ähnlich lautet ein bekannter Roman über das Modebusiness von Paulo Coelho. In der Tat ist der Weg an die Spitze voller Steine für junge Mädchen, die modeln möchten. Die Hetze von einer Agentur zur anderen erfordert eiserne Nerven. Sich mehrmals täglich vorstellen, immer lächeln und freundlich sein, auch wenn der Agent deutlich genervt die Augen verdreht. Das kostet Zeit und Kraft.

[note_box]Der Kleidertrend ging in den letzten Jahren auf internationaler Ebene zu Kleidergröße 30. Jetzt will das französische Parlament Magermodels auf dem Laufsteg verbieten. [/note_box]

Es reicht nicht nur die richtige Köpergröße von über 1,80 m zu haben. Selbst die superschlanken und superschönen Mannequins mit einem makellosen Körper haben nur den Hauch einer Chance. Der Kleidertrend ging in den letzten Jahren auf internationaler Ebene zu Kleidergröße 30. Ist das gesund oder schön?

Eine mögliche Antwort auf diese Frage gibt die französische Nationalversammlung: Am Freitag berieten französische Abgeordnete über einen Gesetzesentwurf, dass die Beschäftigung von mageren Models verbieten soll. Die Regelung ist ein Teil der geplanten Gesundheitsreform im Kampf gegen die Magersucht. Magersucht ist ein ernsthaftes Thema in Frankreich. Den Angaben des sozialistischen Abgeordneten und Berichterstatters Olievier Véran zufolge leben in Frankreich 30.000 bis 40.000 Menschen die an Magersucht leiden. Angesichts dieser Tatsache bezeichnet die sozialistische Gesundheitsministerin Marisol Touraine die Präsentation magerer Models als ein „beunruhigendes Thema“.

[note_box]Wer als Model erfolgreich sein will, kämpft als einsame Wölfin.[/note_box]

Französische Model-Agenturen fürchten um ihre Wettbewerbsfähigkeit, wenn der Passus zum Verbot magerer Models zum Gesetz wird. Das Modebusiness ist knallhart. Die Konkurrenz bewegt sich auch mal an der Grenze zum Gewissenlosen. Castings werden im Treppenhaus abgesagt: “Ach, der Fotograf ist schon weg. Brauchst gar nicht mehr hingehen.“ Sed-Karten werden geklaut oder Modelbücher, die Bewerbung eines Models, werden mutwillig zerstört. Wer als Model erfolgreich sein will kämpft als einsame Wölfin. Wenn man sie als Modesklavinnen bezeichnen möchte, so sind Models wohl die populärsten Sklavinnen der Mode und ganz bestimmt diejenigen, denen es vergleichsweise besser geht unter den Arbeiterinnen der Modeindustrie.

Plötzlich Erwachsen

Child Labour steht an erster Stelle auf der alphabetisch geordneten Themenliste der International Labour Organization (ILO). Jahre lang kämpfte die ILO gegen ausbeuterische Kinderarbeit, also zukunftszerstörende Erwerbsarbeit die 7 bis 17 jährigen Kindern und Jugendlichen aufgedrillt wird. Nicht jede Art von Erwerbstätigkeit unter 18 Jahren gehört zur Kinderarbeit, sondern nur jene die aus rechtlicher und gesundheitlicher Sicht Kindern nicht zumutbar sind. Zu den schlimmsten Formen von Kinderarbeit zählen nach der ILO:

[frame_box]“Sklaverei, Kinderhandel, Schuldknechtschaft und andere Formen von Zwangsarbeit, die Zwangsrekrutierung von Kindern für den Einsatz in bewaffneten Konflikten, Kinderprostitution und -pornographie,unerlaubte Tätigkeiten und jede Arbeit, die ihrer Natur nach oder aufgrund der Umstände, unter denen sie verrichtet wird, voraussichtlich für die Gesundheit, die Sicherheit oder die Sittlichkeit eines Kindes schädlich ist (gefährliche Arbeit).“¹[/frame_box]

Ob als Textilfärberinnen und Textilfärber in Indien und Afrika oder als minderjährige Näherinnen und Näher in Kambodscha und Bangladesch – die Textilindustrie frisst Kinder und Jugendliche in Drittweltländern wie das Moloch-Monster in dem Filmklassiker Metropolis (1927).

Bildquelle: http://ixd-hof.de/blog/2014/02/12/dokumentation-kinderarbeit-in-der-textilindustrie/
Bildquelle: http://ixd-hof.de/blog/2014/02/12/dokumentation-kinderarbeit-in-der-textilindustrie/

 

Wenn jemand arm ist obwohl er arbeitet

…dann nennt man das Ausbeutung. Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter aus Kambodscha oder Bangladesch kommen den meisten in den Sinn, wenn man von Ausbeutung in der Textilindustrie liest. Vor allem durch Skandale, die bei der Produktion von kostengünstiger Kleidung ans Tageslicht kamen: Fabriken stürzen ein, überlebende Näherinnen und Näher arbeiten zu menschenunwürdigen Bedingungen weiter. In Doppelschichten arbeiten meist Frauen für einen Hungerlohn. 90% der Näher in Bangladesch sollen weiblich sein.

[note_box]Näherinnen verlieren ihr Leben und ziehen sich Verletzungen zu, damit wir in Europa unsere Kleidung so günstig kaufen können wie es nur geht.[/note_box]

Wenn die Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter Ermüdungserscheinungen zeigen, werden sie von einer Aufsichtsperson angetrieben. Das heißt es steht jemand da, der die jungen Frauen anschreit, schubst und rüttelt, wenn sie langsamer zu arbeiten scheinen.

Pausen gibt es keine und wenn eine Arbeiterin das WC aufsuchen muss, muss sie erst um Erlaubnis fragen. Trotzdem wird sie genötigt über Stunden auszuharren und ihr Bedürfnis zu unterdrücken. Die Nachfrage nach günstiger Kleidung ist groß und somit auch der Druck auf die Arbeiterinnen und Arbeiter.

[note_box] Wer wenige aber qualitativ hochwertige Kleidungsstücke trägt, ist allemal besser gekleidet, als jemand der zwar jeden Tag etwas anderes trägt, aber dafür in schlechter Qualität.[/note_box]

Die Textilindustrie in Kambodscha beispielsweise macht 80% des Exportes aus. In Bangladesch macht die Bekleidungsindustrie 10% des Bruttoinlandsprodukts aus. 50% der Parlamentarierinnen und Parlamentarier in Bangladesch besitzen Fabriken und 10% von besitzen Textilfabriken. Diese Damen und Herren werden nicht gewillt sein, Rechte für Arbeiterinnen einzuführen, so auch nicht europäische Unternehmerinnen und Unternehmer. Seit Jahrzehnten lassen sich Arbeiterinnen und Arbeiter in Europa nicht mehr ausbeuten. Daher ist der ausländische Markt, mit ausländischen Arbeiterinnen und Arbeitern die Mehrwert schaffen, unverzichtbar für die Global Player.

Also liegt es zuletzt in der Hand der Konsumentinnen und Konsumenten, das System der Ausbeutung zu stoppen. Wer wenige aber qualitativ hochwertige Kleidungsstücke trägt, ist allemal besser gekleidert, als jemand der zwar jeden Tag etwas anderes trägt, aber dafür in schlechter Qualität. Es gibt auch Alternativen wie vegane Kleidung. Denn nicht nur Menschen beutet die Modeindustrie grausam aus, sondern auch Tiere. Einen interessanten Artikel darüber hat Katre Kant geschrieben.

Anmerkungen:

Kleinere Verbesserungen wurden am 7.04.2015 um 00:08 Uhr vorgenommen.

¹ ILO, Das Vorgehen gegen Kinderarbeit forcieren. Gesamtbericht im Rahmen der Folgemaßnahmen zur Erklärung der IAO [ILO] über grundlegende Prinzipien und Rechte bei der Arbeit, Genf 2010, S.28.

Quelle des Beitragsbilds:

https://www.hna.de/welt/frankreichs-nationalversammlung-will-mager-models-auf-laufsteg-verbieten-zr-4879304.html

Quellen:

http://karyatide.com/karyatide-brockhaus.htm

http://www.youtube.com/watch?v=ferDjkS6b9Y

http://ixd-hof.de/blog/2014/02/12/dokumentation-kinderarbeit-in-der-textilindustrie/

Comments

  1. Also sind die Magermodels sozusagen die Spitze des Eisbergs. Vielleicht sitzen am Grunde dieses Berges Arbeiterinnen aus Bangladesh, die ebenfalls kleine Kleidergrößen tragen – sie allerdings hungern nicht einem mehr oder weniger selbstgewählten Schönheitsideal hinterher, sondern aus Not und weil sie viele Familienmitglieder miternähren müssen.

    Das Problem ist, dass auch Markenhersteller in Schwellenländern produzieren lassen – zum Teil durchaus hochwertige Ware. Wer macht sich die Mühe, die Textilfabrik ausfindig zu machen, in der das neue blaue Kleid gefertigt wurde? Und die Arbeitsbedingungen in genau dieser Fabrik zu recherchieren?

    Ein weites Feld. Mein persönlicher Ausweg: Ich kaufe viel second hand. Hat auch weniger Schadstoffe. Aber meine Hände ich Unschuld wasche ich deswegen trotzdem nicht, klar.

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