Aufgrund meines Studiums muss ich mich mit Soziologen (!) auseinandersetzen, welche mich erstaunlicherweise auf mein jetziges Thema gebracht haben. Ich stellte für mich die Behauptung auf, dass die Frankfurter Schule (ich wählte diese bewusst, da ich in Frankfurt aufgewachsen bin) keine weibliche Soziologen, weder in der ersten noch in der letzten Generation, hatte.

Kurz zur Frankfurter Schule: Man bezeichnet damit eine Gruppe von Menschen, die ihren Zentrum in Frankfurt haben und dort auch 1924 das Institut für Sozialforschung gegründet haben. Die Mitglieder knüpfen an den Theorien von Hegl, Freud und Marx an und werden als Vertreter der Kritischen Theorie verstanden. Die bekanntesten Soziologen der Frankfurter Schule sind Jürgen Habermas, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

Zurück zu der Frage nach den Soziologinnen. Ich versuchte mir mögliche Gründe zu überlegen und sie nach dem Realitätsgehalt zu überprüfen.

Soziologie nennt man den Teil der Wissenschaft,  welche die Gesellschaft erforscht und berührt. Und Frauen sind ein Teil der Gesellschaft. Liegt es etwa daran, dass es nicht in ihrem Interessenfeld liegt? Oder hatten sie nie die Gelegenheit dazu, sich in einem männerdominierten Bereich zu behaupten? Die Gründung des bekanntlichen Institutes der Franfurter Schule war 1924. Man könnte, nein man müsste!, die Fragestellung auch dem historischen Kontext zuordnen.

Das Jahr 1924 war in vielen Hinsichten eine Phase in der Weimarer Republik,  die unruhig und  instabil verliefen. Einige Beispiele um die Situation besser zu verstehen: In jenem Jahr wurde die NSDAP gegründet; Hitler wurde angeklagt, nach einem kurzen Aufenthalt in einer Haftanstalt kam er frei; bei den Reichtagswahlen bekommen die radikalen Parteien (die Kommunisten sowie Nationalsozialisten) die Mehrheit der Stimmen. Man merkt also, dass die Säulen der Weimarer Republik langsam anfangen zu wackeln, da das Volk und andere Akteure mit der jungen Republik unzufrieden sind. Man neigt dazu in die Extremen auszuweichen, welche verschiedene Ansichten im Hinblick auf die Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten der Persönlichkeit für die Frauen haben. Da man aus dem heutigen Standpunkt weiß wie das Ende der Weimarer Republik ausgegangen ist, sollte man die nationalsozialistische Ideologie auch in Betrachtungsweise ziehen.

Es ist kein Geheimnis, dass die nationalsozialistische Ideologie eher die Frau in den Hintergrund der Gesellschaft gedrängt hat. Man hat versucht die typische Rollenverteilung aufrechtzuerhalten, die Frau ist für die Erziehung der Kinder und für den Haushalt zuständig, während der Mann das Geld verdient. Da erkennt man, dass die Frau sehr eingeschränkt in ihrem Tun und Lassen ist. Jedoch sollte man auch anmerken, dass zu Zeiten der Gründung des Institutes und der Frankfurter Schule es eben noch die Weimarer Republik gab mit ihrer Verfassung und ihren Rechten. Also müsste man auch hier nachhacken und sich anschauen, wie denn allgemein die Rechte der Frauen in der Republik aussahen? Es war eine relativ junge und unerfahrene Republik mit einer ebenfalls jungen Verfassung. Eigentlich die erste Verfassung in diesem Format und diesem Ausmaß.

30. November 1918 wurde die Weimarer Verfassung erlassen. Mit dem Inkrafttreten jener, bekommen Frauen zum ersten Mal in der deutschen Geschichte das aktive und passive Wahlrecht. Ein Jahr später, von der Verfassung vom 01.08.1919, gilt im Art. 109 Abs. 2 "Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben Rechte und Pflichten". Somit sind die Frauen und die Männern gesetzlich gleichgestellt.

Betrachtet man die allgemeine Situation und die Rolle der Frau, erkennt man, dass diese aufgrund der neu gewonnenen Rechte und der Eröffnung neuer Möglichkeiten eine neue, noch unvorstellbare Lebensplanung ausführen konnten. Diese Möglichkeit bot sich aber nur für einen kleinen Teil der Frauen an. Diese waren eher jung und ungebunden.

Das Bild, die „Neue Frau“, wurde im Kaiserreich zunächst nur in der Literatur thematisiert. Mit diesem Typus bezeichnet man die Protagonistin die ihr Leben eigenständig plant, über sich bestimmt und aktiv ist. Man hatte in der Weimarer Republik die Möglichkeit dieses Bild umzusetzen. Akademikerinnen, Künstlerinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen und Tänzerinnen einer kleinen elitären Bevölkerungsschicht waren jene Protagonistinnen. Diese wollten nicht dem Lebensstil ihrer Mütter folgen, sondern eigenständig im Beruf und in der Beziehung sein. Zwar sind diese nur ein kleiner Teil der Bevölkerung gewesen, aber es gab also auch Akademikerinnen, welche sich einen neuen Lebensstil aneignen wollten.

Dass Soziologie, bzw. konkreter die kritische Theorie, nicht in dem Interessenfeld der Frauen liegt bezweifle ich ebenfalls.

Ich sehe also keine Gründe für das Nicht-Vorhanden sein, einer Soziologin in der Frankfurter Schule. Vor allem Frankfurt gilt als eine der Hochburgen der Soziologie und dass hier keine weibliche Denkerin vorhanden ist, enttäuscht mich, denn als Studentin und als Privatperson möchte man Vorbilder im eigenen Bereich sehen, die einen ermutigen.

---

Weitere Artikel:

Share

Tags: , , , ,