Du hast keine Chance, nutze sie!

Seit kurzem frage ich mich, ob der fatalistische Pessimismus, den die Mitarbeiter der Agentur für Arbeit an den Tag legen, nicht die eigentliche Hürde zum erfolgreichen Start ins Berufsleben darstellt. Dies tue ich, seitdem ich das Angebot der Agentur auf dem Campus in Anspruch genommen habe.

Ich bin gestern für meinen Master nach Bremen gezogen, heute war Vorlesungsbeginn. Alles war neu und chaotisch, ich tüftelte parallel an meinem Stundenplan und neuen Freundschaften. Um wenigstens meinem Stundenplan einen zukunftsträchtigen Touch zu verleihen, stattete ich der Berufsberatung der Agentur für Arbeit einen Besuch ab. Voller Motivation und in der Gewissheit das Erwachsenste und Vernünftigste seit langem zu tun, nahm ich mit fast stolz geschwellter Brust auf der anderen Seite des Schreibtisches platz.

Als ich den Raum nach ungefähr einer Stunde verließ, hätte ich eigentlich direkt unter dem Türspalt durchkriechen können – zumindest war mir danach zu Mute.
Laut Berater bin ich im Prinzip für keine der ausgeschriebenen Stellen ausreichend qualifiziert. Aber wie kann das sein? Ich habe zwei Fächer studiert, die sowohl Naturwissenschaften als auch Geisteswissenschaften umfassend abdecken, habe gute Noten, bin um die halbe Welt gereist, habe mich von der Notaufnahme bis auf die Bohrinsel durch gejobbt und kann von mir behaupten, dass ich auch sozial ziemlich gut aufgestellt bin. Wie kann es also sein, dass ich so gut wie keine Wertigkeit für den deutschen Arbeitsmarkt habe?

Das Zauberwort lautete hier: „Referenzen“. Erfahrungen sind nichts wert, solange eine Firma nicht ihren Stempel darunter setzt. Sprachkenntnisse werden nicht anerkannt, wenn man nicht über ein teures Zertifikat verfügt und Auslandsaufenthalte scheinen nur dann bereichernd, wenn man diese als fleißige Biene hinter irgendeinem Schreibtisch gefristet hat. Du musst dich als Mensch messbar machen, so dass man schnell und effektiv abgescannt werden kann, wie ein Produkt dessen Preis im direkten Vergleich mit einem ähnlichen Fabrikat seiner Sorte steht. Alle Leistungen werden generalisiert. Obwohl stets die Rede von „soft skills“ und „Individualität“ ist, müssen diese Fähigkeiten scheinbar doch quantifizierbar sein, um diese dann mit dem passenden Gütesiegel versehen zu können.

Auf meinem Heimweg entwickelte sich aus meiner Niedergeschlagenheit die pure Wut.

Ich war wütend auf den Berater. Dieser Fremde, der mir innerhalb einer Stunde all meine Erfolge und erreichten Ziele genommen hat und mich mit dem Prädikat „ungenügend“ erneut an den Start stellte. Aber vor allem war ich wütend auf mich selbst. Ja genau! Wütend darauf, dass ich so lange meine Augen vor der Realität verschlossen habe. Alles was mir in dem Gespräch gesagt wurde, war schließlich nichts Neues. Ich wollte es scheinbar einfach nur nicht wahrhaben.

Als ich also nach diesem ereignisreichen Tag im Dunkeln nach Hause radelte, fragte ich mich, ob ich wohl eines Tages mit dem Gefühl im Bauch nach Hause kommen würde, etwas geschafft zu haben. Das Gefühl einfach alles richtig gemacht zu haben und dass alle mit mir zufrieden sind. Ich verfolgte diesen schwermütigen Gedanken für ungefähr einen Kilometer, bis ich an der Ampel einen Entschluss fasste!

Ich beschloss ab jetzt nicht mehr mitzuspielen. Ich nehme nicht mehr Teil an diesem kranken Wettbewerb, den man nie gewinnen kann. Ich lasse mir nie wieder von Fremden meine Leistungen und Erfahrungsschätze wegrationalisieren. Ein neues Selbstbewusstsein machte sich bemerkbar. Mein Mut, sich ausschließlich auf meine Talente und Leistungen zu konzentrieren, kehrte zurück.

Mir wurde klar, dass sich weder der diffuse Arbeitsmarkt noch der einzelne Arbeitnehmer generalisieren lässt. Ich werde mich in Zukunft nicht mehr von aufgeblasenen Anforderungsprofilen abschrecken lassen, sondern selbstbewusst die Initiative ergreifen und mein Können unter Beweis stellen. Gradlinigkeit, Verstand, Fleiß und ein gutes Bauchgefühl waren stets meine Gefährten zum Erfolg. Also sollen auch in Zukunft Fixsterne und Bauchgefühle meine Berater in den wichtigen Entscheidungen sein. Zukunftsängste und lähmende Minderwertigkeitskomplexe haben ab jetzt hier keinen Platz mehr. Ich stieg vom Fahrrad und fühlte mich bereit. Bereit dazu, mich jeder Herausforderung zu stellen. Als ich meinen Mantel an die Garderobe hängte, atmete ich tief durch und dachte mir: „Mensch heute hast du wirklich mal was geschafft!“

Comments

  1. Annenass says:

    Ein toller Text über die Kunst des „Verlierens“. Hoffentlich kann ich bald mehr Texte von Dir lesen 🙂

  2. Voegelchen says:

    Du sprichst so vielen Leuten in der gleichen Situation aus der Seele und verteilst dabei eine große Portion Motivation! Mehr davon 🙂

  3. Michele Sryk says:

    Interessant auf alle Fälle! Jedoch, entschuldige bitte. Habe es leider doch nicht ganz verstehen können. Zwei Fächer studiert, die sowohl Naturwissenschaften umfassen? Geographie oder Germanistik? Kann mich jetzt nicht so ganz entscheiden.

    1. Mareike Kalbitz says:

      Danke für deinen Kommentar,

      Ich habe einen 2-Fach Bachelor absolviert. In diesem Zusammenhang habe ich Geographie mit einem physischen Schwerpunkt studiert und in der Germanistik geschichtliche und kulturwissenschaftliche Aspekte Vertieft. Daraus ergibt sich die Schilderung, dass ich jeweils ein Fach im naturwissenschaftlichen-, bzw. im geisteswissenschaftlichen Bereich abgeschlossen habe.
      Ich hoffe ich konnte deine Frage beantworten 🙂

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