,,Wann wirst du endlich heiraten?" ,,Die Zeit wirds zeigen", antworte ich und meine Verwandtschaft starrt mich verständnislos an.  Die obligatorische Frage  nach dem, den meine Familie, Verwandten und Bekannten für den Heilsbringer halten. Keiner kennt ihn, aber sie alle wissen: Er wird mich glücklich machen! Aber noch wichtiger: Er wird vor allem meinen Bauch rund machen. Zum Leidwesen meiner lieben Mama ist mein Bauch aber in meinem Alter längst noch nicht rund, also zumindest nicht die Sorte rund, die mich laut  Familie,  Verwandtschaft und Bekanntschaft auch glücklich machen wird. Niemand kennt dieses Wesen, das aus diesem vermeintlich runden Bauch austreten wird, aber sie wissen: Es wird mich glücklich machen!

Dass ich gerade eigentlich ganz glücklich bin ohne winzige Personen in mir oder männlichen Personen über mir oder unter mir kann meine Umwelt gerade nicht so ganz nachvollziehen.  Es ist für sie, als fehle mir  etwas zur Vollkommenheit. Dass ich nicht an Vollkommenheit in diesem Leben glaube und trotzdem ganz happy bin mit dieser spannenden Unvollkommenheit namens Leben, wird für viele meiner Mitmenschen ein Rätsel bleiben.
,,Hörst du nicht die biologische Uhr ticken", fragt er. ,,Nö", antworte ich und versuche mit dem langen Löffel die letzte Haselnuss aus meinem Eis zu poolen. Aber ich habe es generell nicht so mit Uhren. Ich höre meinen Wecker grundsätzlich nicht, deshalb stehen in meinem Zimmer drei. Zur Vorlesung komme ich gewöhnlich zu spät, meine Unterlagen verschicke ich  immer auf den letzten Drücker. Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, wundere ich mich stets wieso alle Menschen an mir so vorbeirasen als würden sie vor etwas Schaurigem flüchten  und wenn man mir drei Wege zu einem bestimmten Ort vorschlägt, wähle ich intuitiv stets den längsten aus. Man verstehe mich nicht falsch: Es ist nicht meine Absicht! Aber es scheint irgendwie meine Natur zu sein. Und manchmal muss ich über mich schmunzeln, wenn ich mich auf meinem Rad in den Gerüchen des Frühlings verliere oder in der Vena suborbitalis meines Gegenübers.
,,Du bist eine Frau", sagt meine Mama zu mir. ,,Da könntest du recht haben" , antworte ich. Übersetzt heißt ihr Satz: ,,Du hast eine begrenzte Anzahl an Eizellen, während der Mann noch in hohem Alter sein Gut verteilen kann." Manchmal wäre ich wirklich gerne ein Mann, dann zum Beispiel, wenn ich in der Toilette im Zug der deutschen Bahn stehe und verstört auf diese zivilisationsbeleidigende Kloschüssel schaue; Abstand und Zielsicherheit bräuchte man in solch einer Situation.
... Abstand und Sicherheit .... zwei Merkmale, die uns Frauen gut täten, so meine ich. Abstand vor den Erwartungen der anderen, Abstand vor der Angst, dass die Zeit ein Feind sei und das Alter das Ende! Sicherheit und Vertrauen in uns selbst und in das Leben an sich, egal in welcher Form es sich zu präsentieren wagt ... und zu welcher Uhrzeit.
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