Türkei. In den letzten Tagen wird oft über Istanbul und den sich dort ablaufenden Protesten berichtet. Es geht sogar so weit, dass Taksim mit Tahrir verglichen wird und ein türkischer Frühling prognostiziert wird. Was mich hierbei am meisten interessiert sind die Leserkommentare der online Medien. „Der Diktator der AKP wird wie Mubarak abgesetzt“, „endlich wehrt sich die demokratische Hälfte“, „die aufgeklärten Demonstranten sagen ‚one Minute’ zum Premier“ etc.

Dabei wird die AKP beschuldigt seine Wählerstimmen durch Kühlschränke und Nudeln erworben zu haben, und dass die Hälfte der türkischen Bevölkerung sowieso bildungslos sei. Rechtspopulismus kann leider bei den Kommentaren noch nicht verspamt werden. Was ich mich frage, geht es wirklich um die 13 Bäume? Wieso demonstriert das Volk nicht, wenn es um das Leben von mehreren hundert Menschen geht? Und wie kommt man auf die Idee Parallelen zu den arabischen Revolten zu ziehen? Erdogan wurde demokratisch gewählt? Ist man unzufrieden mit ihm, wählt man ihn nächstes Jahr nicht! Ist doch einfach? Oder nicht? Also stellt sich immer noch die Frage, was bewegt diese Menschen dazu, sich so stark durch einen überheblichen Regierungschef provozieren zu lassen? Von der Entfernung ist es einfach zu kritisieren. Vor allem ist es auch sehr einfach vor der anderen Haustüre zu kehren. Also rufe ich kurz dazu auf vor der eigenen Haustüre zu kehren. Der Schauplatz ändert sich, wir befinden und nun in Deutschland, Frankfurt am Main.

Als ich letzten Samstag mit dem Fahrrad an den Main fahren wollte, war mir noch nicht bewusst, was mich dort erwarten wurde. Schon als ich an der alten Oper von Polizisten angehalten wurde und dem am Himmel auffällig fliegende Helikopter bemerkte, hätte ich es mir eigentlich erdenken können, doch fuhr ich unwissend weiter bis ich vor der Europäischen Zentralbank. Wie mit einer Zeitmaschine in eine andere Zeit versetzt, befand ich  mich fast an einem  Kriegsschauplatz. Der ganze Bereich war von Drahtseilzäunen umrahmt, dahinter unzählige Polizisten, dessen Gesichter nicht erkennbar waren, da sie Masken trugen. Einige hielten ganz eng am Körper Leinen, an dessen anderem Ende respekteinflößende Hunde mit Maulkörben standen. Was war los? Wurde ein Terrorist gefunden? Wurde ein Attentat entlarvt und diesem nun entgegengewirkt durch eine große Operation? Nein. Es ging um die ‚gefährlichen’ Anti-Kapitalismus Demonstranten. Ich dachte mir "was passiert hier nur?" Es wird normgerecht demonstriert, oder? Das Bild der unzähligen Polizisten, den ganzen Main entlang angereihten Polizeibussen und dem banalen Sachgehalt einer Anti-Kapitalismus Demonstration passte irgendwie nicht in den Gesamtzusammenhang. Irgendwie kam mir das Ganze zu theatralisch, das Ganze zu überspitzt, zu übertrieben aufgefahren vor.

Liebe Leserinnen und Leser, an diesem normalen Samstagnachmittag hatte man direkt einen Einblick in den Polizeistaat. Alles wird kontrolliert, wenn es sein muss durch Maschendrähte und Panzer, welche die Demonstranten mit Wasser bespritzen sollen. Also existieren dieselben Maßnahmen wie bei den Demonstrationen in der Türkei. Jedoch ist doch Deutschland eine demokratische Republik.

Die Bürger Deutschland nehmen an der Politik teil, wie die Bürger der Türkei. Womit man zum Thema politischer Partizipation käme. Genau einer Woche vor diesen ganzen Ereignissen nahm ich an einer Infoveranstaltung der CDU zum Thema politischer Partizipation teil. Über die Hälfte der Teilnehmer waren Deutsche mit Migrationshintergrund. Nachdem der Redner einiges aus dem Alten Testament zitiert hatte und sehr oft das Wort Gott und Staat in den selben Sätzen verwendet hatte konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und fragte „Entschuldigen Sie meine so forschte Frage, zudem muss ich gestehen kenne ich das Parteiprogramm der CDU nicht gut, jedoch kam in diesem Vortrag sehr oft der Begriff ‚Gott’ vor, erstens: befinden wir uns nicht in einem säkularen Staatssystem? Zweitens: wie hätte Ihr Vortrag ausgesehen, wären Ihre Zuhörer Agnostiker oder Atheisten? Ich unterstelle Ihnen somit vor den Wahlen die strategische ‚Gott-Karte’ vor potentiellen Wählerstimmen eingesetzt zu haben!“ Zur Aufklärung, viele dieser Zuhörer hatten ein offensichtlich religiöses Weltverständnis, so fand ich diese Rede einfach zu künstlich. Leider bekam ich hierauf keine Antwort. Das Problem was ich in dieser ganzen Thematik sehe ist, dass auf der einen Seite die Politikverdrossenheit der Bürger sehr stark kritisiert wird, soweit, dass sogar einige Länder kritisiert werden keine Zivilgesellschaft zu besitzen. Doch möchte man sich niveauvoll informieren, bekommt man keine Information, sondern nur ein maßgeschneidertes Märchen, um seine nötigen Wählerstimmen zu gewinnen.

Geht man demonstrieren wird man von Zähne fletschenden Hunden eingeschüchtert. Was ist richtig? Demonstrieren? Die Demonstrationen niederschlagen? Nicht am politischen Geschehen teilnehmen? Und wenn man teilnehmen sollte, wie soll es einem denn gelingen, wenn man wie kriminelle Verbrecher behandelt wird, wenn man doch dabei nur an einem sonnigen Samstag an den Main fahren will? Ich denke vieles erscheint nicht so wie es wirklich ist, und hinter vielen dieser Aktionen steckt mehr dahinter als vielen Bürgern überhaupt kenntlich ist. Doch ist mein Apell an alle zuerst seine eigenen Probleme zu lösen, bevor man die Defizite anderer kritisiert. Denn auch wenn diese stark zu verurteilen sind, heißt es nicht dass man das Recht dazu hat, wenn man sich selbst in einer ähnlichen Situation befindet.

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