Als ich meine alten Unterlagen durchging, traf ich auf zwei Seiten mit der Überschrift: "Erlebniserzählung" für Frau K. und einem Datum, welches fast schon drei Jahre zurückliegt. Da kam auch schon die Erinnerung an mein 13-wöchiges Praktikum an einem vom Land Baden-Württemberg in die Liste der Schulen, an welchen das Praxissemester absolviert werden darf, aufgenommenes Gymnasium. Im Rahmen dieses Praktikums müssen Lehramtsanwärter*innen 100 Stunden hospitieren und mindestens 30 Stunden unterrichten. Am Ende jeder Woche verlangte unsere Ausbildungslehrerin Frau K., dass wir einen Highlight der Woche auf das Papier bringen und bei ihr abgeben. Die "Erlebniserzählung", die ich heute in mein Blog übertragen möchte, beinhaltet meine ersten Eindrücke von dem Phänomen "Lehrerzimmer" und dem Phänomen "Black Box", die in Deutschland noch eine lange Zeit weit entfernt von Transparenz und Chancengleichheit verweilen wird. Ich lade Sie, liebe Leserinnen und Leser, dazu ein, sich einen Eindruck von den Zimmern verborgener Kunst, die Schülerinnen und Schüler zu entertainen, zu disziplinieren und manchmal auch - leider Gottes - zu schickanieren. ...

Bitteschön.

M., den 26. September 2011

"Erlebniserzählung". Für Frau K. - 1. Kapitel. 

(Highlights der Woche)

Eine Woche / eigentlich eineinhalb Wochen sind nun vorbei. Neue Eindrücke, die gemacht werden konnten & alte Meinungen über das "Lehrertum", die sich haben bestätigen lassen. 

Besonders erkenntnisreich war für mich die komischerweise angenehme Mittelstufe. Die Horrorvorstellung, 8.-10.-Klässler seien das reine Grauen, hat sich somit gleich widerlegt. Natürlich zu meiner höchsten Erleichterung! Dem wahren Horror bin ich eigentlich im Lehrerzimmer begegnet. Als Schülerin war ich fest überzeugt davon, dass Lehrerinnen und Lehrer in den Pausen etwas besseres zu tun haben, als zu lästern. Nein. Dem ist nicht bei allen Lehrpersonen so - was ich als unheimlich schade empfinde. (Heute noch!!) 

Aber um auch positive Eindrücke von diesen Architekten von Leben zu erzählen, möchte ich auf die an Inhalten bunte vergangene Woche eingehen: 

Vom szenischen Darstellen des Ludwig XIV. von der Geschichtslehrerin Frau K. hinweg über die bestens improvisierte Stunde einer anderen Kollegin bis zu Lebzeiten der Spartiaten, deren Daumen auch mal vom Lehrer abgebissen wurde, gab es die durchlauchigsten Methoden verschiedener Lehrkörper zu genießen.

Gefreut habe ich mich auch, als ich beobachtet habe, dass die Motivation des Unterrichtens mit steigendem Alter nicht zwangsläufig sinken muss. (Hier kommt es mir so vor, als hätte ich versucht, meine Ausbildungslehrerin, die nicht mehr die jüngste war, zu erheitern :)) ) Der Grad an Lehrerbeteiligung variiert auch stark: Während eine Geschichtslehrerin es schaffte einen Haufen desinteressierter Schülerinnen und Schüler an das Zeitalter des Absolutismus extrem anschaulich heranzuführen oder ein Geschichtslehrer 6.-Klässlern die harte Erziehung in Sparta lebendig machte, saß ein Sportlehrer (in einer Spotstunde (!)) 90 Minuten lang und gab Anweisungen, dass sich die Kinder doch nun endlich mal bewegen sollen. Da fragt man sich, ob es sich lohnt, genau die Fächer zu studieren, auf die man im Grunde gar keine Lust hat. Das Ende kann sehr folgenreich werden, wie ich in der ersten Woche sah... 

Als Abschluss der Woche hospitierte ich in der Kursstufe 2 im Fach Ethik und freute mich auf das Diskussionspotenzial der Schülerinnen und Schüler, die meinem Alter sehr nah waren. Da fühlte ich mich so, als wäre ich selber noch Schülerin und genoss es, dass man nicht all zu jung das Lehramt absolvieren kann.

Heimatgefühle kamen auf, als der aus den Niederlanden stammende Englischlehrer Herr A. im Lehrerzimmer plötzlich mit mir auf Türkisch sprach! (Hier merke ich heute, dass es doch sinnvoll und inklusiv wirken kann, wenn der Lehrer zumindest Grundkenntnisse anderer Sprachen beherrscht. Mein Wunsch ist es, dass es eine Pflichtveranstaltung für alle Lehramtsanwärter*innen geben sollte, die in Migrantensprachen einführt!)

Festzuhalten ist mein erster Eindruck, ob der Job was für mich ist, oder nicht: Und ja, das ist er! Der Lehrerberuf ist mit all seinen Facetten genau das, was ich mir vorstelle. Aber nicht das, was man sich heuchlerisch vorzugaukeln versucht. Sondern wahre Motivation, Fachwissen und das Zwischenmenschliche müssen im Paket sein!

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Foto: benny003.de

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