Der Faust-Mythos

Obwohl „Faust. Der Tragödie erster Teil“ von Johann Wolfgang von Goethe das bedeutendste Werk der deutschen Literatur ist, ist das Wissen über die historische Faust-Figur ziemlich mager. Insgesamt wird daher auch von einem Faust-Mythos gesprochen.

Der hauptsächliche Grund für die Entstehung dieses Mythos ist die sehr dünne verlässliche Quellenlage über die historische Faust-Figur. Doch einige Angaben könnten getroffen werden. Faust war schon zu seiner Zeit eine bekannte Persönlichkeit. Obwohl er keinen Doktortitel inne hatte, beschäftigte er sich mit Astrologie, Alchemie und Schwarzmagie. Er versuchte durch rationale Erkenntnisse weltliche Vorgänge zu erklären, die mit dem kirchlichen Weltbild kollidierten. Das war auch der Grund, warum er von Kirchenvertretern als Gotteslästerer angesehen wurde. Auch sein Tod ist bis heute mysteriös. Er starb in seinem Labor durch eine Explosion, welches bei der Durchführung eines Experiments entstand. Die Gesellschaft war der Auffassung, dass sein Tod durch böse Geister oder andere überirdische Wesen herbeigeführt worden war, weil er mit seinen Versuchen Gottes Autorität in Frage stellte. Fraglos beflügelten seine Todesumstände die Mythenbildung um Faust.

Goethes „Faust“ ist nicht das einzige literarische Werk über die Faust-Figur. Schon im 16. Jahrhundert wurde eine erste Abhandlung über Faust verfasst. Vor allem Christpher Marlowes Drama „Die tragische Historie vom Doktor Faustus“ (Originaltitel: The Tragical History of Doctor Faustus, Uraufführung: 1589) beeinflusste Goethes Werk sehr. Weiterhin bearbeiteten eine Reihe von jungen Autoren, die durch die Epoche des Sturm und Drangs beeinflusst waren, die Faust-Figur als literarischen Stoff. Goethes Werk entstand erst Stück für Stück im Anschluss an diese Aufarbeitungen. Zunächst entstand, angeregt durch den Prozess und Hinrichtung der Kindesmörderin Susanna Margaretha Brandt, um 1770 der erste Entwurf Goethes, welcher auch als Urfaust bezeichnet wird. Daraufhin folgte „Faust. Ein Fragment“, welches durch ein paar Ergänzungen zur „Faust. Der Tragödie erster Teil“ wurde.

Zu Faust entstanden auch eine Fülle von Interpretationen, welche sich nicht selten widersprechen. Der Grund dafür liegt vor allem darin, dass je nach Intention und Zeit die Rezeption von Faust sich änderte. Beispielsweise war lange Zeit die Auffassung verbreitet, dass der furchtloser Erkenntnisdrang des Faustes typisch deutsch sei und die deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg „mit dem Faust im Tornister“ in den Krieg gezogen seien. Ferner schrieb Thomas Mann in seinem Roman Doktor Faustus ein Gleichnis auf den Teufelspakt, den die Deutschen mit den Nationalsozialisten eingingen.

Immer noch wird versucht Faust u.a. aus psychoanalytischer und dialektischer Perspektive zu deuten. Ein Ende ist nicht in Sichtweite. Möglicherweise ist es genau dieses Mysterium um Faust, dass so viele Autoren und Kritiker anzieht und höchstwahrscheinlich weiterhin anziehen wird.

 

 

Bild – Quelle:

http://www.christian-von-kamp.de/Faust-Goethe-06.html

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