Feminismus im Islam – ein Interview

Lange, lange ist es her, dass ich was geschrieben habe. Umso mehr freut es mich nun das Interview hochzuladen, welches ich mit der lieben Amina für die neueste Ausgabe der berta* geführt habe. Es geht um Autonomie und wie sie vor allem muslimischen Frauen* abgesprochen wird. Vielleicht kennen das auch einige unter euch, die alltäglichen Konflikte und Auseinandersetzungen mit der eigenen religiösen Identität, den Vorurteile und geführten Diskussionen. Gerne würde wir die Erfahrungen sammeln, die ihr in eurem Alltag diesbezüglich gemacht habt. Also schreibt uns doch einfach unter info@denkerinnen.de oder unten in die Kommentare!


Interview

Safiyye redet über den Kampf der Frauen für eine feministische Auslegung und Interpretation des Korans und die Forderung in muslimischen Ländern die Kultur und die Religion zu trennen. Sie gibt zudem einen persönlichen Einblick darüber, wie sie damit umgeht, wenn ihr Autonomie abgesprochen wird.

 

von Amina Günter

Welche Schlagwörter fallen dir spontan zu Autonomie und Feminismus ein?

Neben Schlagwörter wie Empowerment, muss ich an Körperpolitik denken, die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper. Das beinhaltet neben der erwähnten Selbstbestimmung auch die Kontrolle und den Schutz ihres eigenen Körpers vor Fremdeingriffen. Dabei sind das sowohl innerliche, medizinische Eingriffe, wie Abtreibung, Verhütung mittels Pille usw., als auch die äußerlichen, oberflächlichen Eingriffe, wie die Kleidung, aber auch Verhaltensweisen. Frauen* sollten die Möglichkeit bekommen ohne Fremdbestimmung für sich und ihre Körper die bestmöglichsten Entscheidungen zu treffen.

Welche Ansichten vertritt der islamische Feminismus in Bezug auf die (Wieder) Erlangung der Autonomie?

Vielleicht vorab eine kleine Definition, was der muslimische Feminismus ist. Es ist einer der vielen Feminismen, der für Frauenrechte kämpft und deren Hauptakteure muslimische Frauen*/Feminist*innen sind. Ziel des muslimischen Feminismus ist es, die Gleichheit der Geschlechter im Islam und in der Gesellschaft durch die heilige Schrift zu begründen. Dies ist gleichzeitig ein Kampf mit den patriarchalen Gesellschaften, die ihre Unterdrückung durch die Religion legitimieren und versuchen, die Rechte, die die Frauen* seitens ihrer Religion besitzen, abzusprechen. In den westlichen Ländern sind es eigentlich zwei Gebiete, in denen die Frauen versuchen ihre Autonomie wiederzuerlangen. Zum einen versuchen sie in den eigenen Reihen für ihre Autonomie zu kämpfen, indem sie Zugänge zu Felder, die männerdominiert sind, zu schaffen versuchen. Viele körperpolitische Fragen werden im Islam seitens muslimischer Gelehrten* getroffen, da Frauen bis vor kurzem keine Zugänge zu solchen Positionen hatten. Zum Beispiel wurden viele Koranauslegungen und -Interpretation seitens der Männer verfasst. Vor allem sehr brisante Textstellen, die die Frauen* direkt betreffen wurden auch häufiger zu oberflächlich oder z.T. falsch ausgelegt. Ihre Religion wird also gegen sie verwendet, der Körper als Objekt gehandhabt und darüber hinweg entschieden. Ich denke einer der Ansichten, bzw. gesetzen Ziele ist es, eine erneute Interpretation aus weiblicher* Sicht zu schaffen und somit auch in diesem Feld ihre Autonomie zu erlangen. Eine weitere wichtige Grundlage ist es, vor allem in muslimisch geprägten Ländern, eine strikte Trennung zwischen Kultur und der Religion durchzuführen. Kulturell werden in einigen Ländern, wie Saudi-Arabien oder dem Iran, viele Frauenrechte auf unverständlicher und unlogischer Weise abgesprochen. Dies wird dann mittels der Religion begründet und auch versucht dementsprechend eine religiöse Rechtsgrundlage zu schaffen, in der eben der Koran patriarchalisch ausgelegt wird. Frauen* haben in diesen und vielen anderen Ländern (auch hier im „Westen“) keinerlei Möglichkeiten ihr Leben auf selbstbestimmter Weise zu führen. Dort wo Druck und Zwang herrscht, kann sich keine Persönlichkeit autonom entwickeln. Auf der anderen Seite herrscht in Europa ein massiver Druck auf muslimische Frauen. Sobald es erkennbar ist, dass diese muslimisch ist, wird ihr die Autonomie abgesprochen, ihr wird ein Opferstatus zugesprochen, auf der Intersektionalitätsskala rutscht sie zwei Stufen herunter und Kampagnen für die Befreiung dieser werden gestartet. Sie muss sich jedes Mal neu rechtfertigen und um ihre Autonomie kämpfen. „Ich habe es so gewollt!“, ist oftmals noch nicht mal genug, denn um autonom zu handeln bedarf es einer gewissen Reflexivität und einem Urteilsvermögen, welches ihr auch abgesprochen wird. Möchte die muslimische Frau überhaupt von dem Leben, für das sie sich freiwillig und ohne Fremdbestimmung entschieden hat, befreien lassen? Ich glaube es nicht. Eine Stufe interessanter wird das Ganze, wenn seitens Feminist*innen aus anderen Strömungen ihre Entscheidungen hinterfragt werden. Dies ergibt in meinen Augen keinen Sinn. Wenn Autonomie das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung meint, darf keine Entscheidung, die den eigenen Körper betreffen, von anderen hinterfragt werden. Zwang oder Gewalt war nie die Lösung und wird es auch niemals sein. Auf der einen Seite sollten Muslim*innen reflexiver und kritischer mit ihrer eigenen Religion umgehen können und auf der anderen Seite bedarf es seitens der nicht-muslimischen Menschen ein Verständnis und eine Auseinandersetzung mit Muslim*innen, die kontextgebunden ist.

Auf deinem Blog denkerinnen.de schreibst du folgenden Satz: „Es sind jedoch nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die mir meine Autonomie absprechen, mich als unterdrückt und unterwürfig ansehen, mich bemitleiden oder mich nicht als Ansprechpartnerin wahr- oder ernst nehmen.“ Wie gehst du persönlich mit dem Thema Autonomie um?

Es ist für mich immer sehr schwierig die Balance zwischen, „gehe ich jetzt auf die Diskussion ein“ oder „schone mich und meine Psyche auch mal selbst“ zu finden. Wenn ich merke, mein Gegenüber ist eigentlich aufgeschlossen und möchte keine Provokation auslösen, gehe ich oft auf die Fragen ein, versuche es zu erklären. Das ist aber auf die Dauer wirklich sehr anstrengend, obwohl ich auch oft weiß, dass ich womöglich die erste Frau* mit Kopftuch bin, mit der sich diese Person austauscht. Durch das Tragen des Kopftuches, hinterfrage ich es oft, ob ich das Privileg der Autonomie überhaupt besitze, da es mir ständig abgesprochen wird. Meine Entscheidung fiel ziemlich autonom, durchaus sehr freiwillig und auch sehr reflektiert. Ich wusste, dass ich eine Entscheidung traf, die mich mein Leben lang beeinflussen wird, sei es im Alltag, in der Schule/Uni oder später auf dem Arbeitsmarkt. Umso mehr ist es für mich oftmals unverständlich, wieso vor allem Frauen*, die sich selber als Feminist*innen bezeichnen mich im Opferstatus sehen, obwohl ich ihnen manchmal sogar mehrmals erkläre, dass dies ein selbstgewählter Weg ist. Die Problematik und die schwierige Situation rund um das Thema Kopftuch sind mir auch durchaus bewusst und ich würde es nie leugnen, dass ein Zwang weiterhin in gewissen Teilen der muslimischen Community herrscht. Aber genau dieser Teil ist es auch, der die Religion instrumentalisiert, um Kontrolle über andere Individuen zu schaffen. Ich wurde nicht gezwungen, mir wurde mein Gehirn auch nicht gewaschen. Das gibt es wirklich, Frauen*, die aus Überzeugung und Spiritualität Kopftuch tragen. Es wäre so viel einfacher, wenn wenigstens diese Option manchmal mitgedacht und in Erwägung gezogen würde.

 

Das Interview und viele weiteren coolen Artikel findet ihr auch auf dem Blog der berta*, dem Magazin der Studierendenschaft Freiburg.

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