Frauen können kein Mathe – ist doch klar!

Die Auswirkungen von Stereotype Threat

„Frauen können kein Mathe“. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann oder wo ich diesen Satz zum ersten Mal gehört habe. Aber seine Existenz schien etwas ganz Selbstverständliches an sich zu haben, ähnlich wie „die Sonne ist gelb“ und „der Himmel ist blau“. Nur von der Wahrheit des Satzes war ich nicht überzeugt. Ich lebte mit diesem Satz und mit so vielen anderen, welche als Vorurteile in der Gesellschaft kursieren, aber sie schienen keine Konsequenzen zu haben. Bis ich Nachhilfe in Mathematik gab. Meine Nachhilfeschülerin wurde von ihren Freunden, ihren Eltern und Lehrern immer wieder damit konfrontiert, dass sie – aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Sprachbegabung – nicht in der Lage sei, mathematische Aufgaben zu lösen. Dies war allerdings nicht der Fall, wie ich schnell feststellen konnte. Ich erinnere mich an die Stunden, die ich damit verbracht habe, neben ihr zu sitzen und ihr zu sagen, dass es keinen Grund gibt, warum sie nicht genauso gut in Mathematik wie in Sprachen sein könne. Es war schön und traurig zugleich, zu sehen, wie sich ihre Leistungen durch gute Zusprache verbesserten. Schön, weil es nicht an ihren Fähigkeiten lag und traurig, weil die Konsequenzen von Vorurteilen hier so deutlich sichtbar wurden.

Selbst erfüllende Prophezeiung

Vorurteile sind erlernt, wir übernehmen sie aus der Gesellschaft in der wir leben. Das diese beträchtliche Konsequenzen für die betroffenen Gruppen haben können, ist keine neue Erkenntnis. Den Begriff der selbst erfüllenden Prophezeiung haben die meisten schon gehört; hierbei führt der Glaube an ein Vorurteil zur Bestätigung desselben. Nicht anders erging es meiner Nachhilfeschülerin, es wurde von ihr erwartet schlecht abzuschneiden und warum sollte man die Erwartungen anderer enttäuschen?

Doch was ist mit denjenigen, die meinen, immun gegen Vorurteile zu sein? Frauen, die beispielsweise hervorragend in Mathematik sind und nicht an diese glauben? Sollten nicht solche Personen vor Leistungseinbußen geschützt sein? Was die meisten nicht wissen: Genau dann, wann man in einem Gebiet besonders erfolgreich ist, bzw. einem gute Leistungen in diesem Gebiet wichtig sind, schlägt das Phänomen des Stereotype Threat (STT) zu.

Stereotype Threat (STT)

„Stereotype Threat bezeichnet das Phänomen, dass das Aktivieren negativer Stereotype in Leistungssituationen zu reduzierten Leistungen führen kann.“ (Martiny & Götz, 2011, S. 153)

Wichtige Einflussgrößen sind dabei die Aufgabenschwierigkeit, sowie die Identifikation mit der Gruppe und mit der Domäne; d.h. dem Gebiet in dem die Leistung erbracht werden soll (Martiny & Götz, 2011). Werden beispielsweise Frauen, denen eine gute Leistung in Mathematik sehr wichtig ist, vor einem Mathematik-Test mit dem Stereotyp „Frauen können kein Mathe“ konfrontiert, so schneiden sie signifikant schlechter ab, als Frauen in einer Kontrollgruppe (Cadinu, Maass, Rosabianca & Kiesner, 2005). Dabei genügt es nur anzudeuten, dass es einen Unterschied in der Leistungsfähigkeit gibt, ohne explizit auf das Stereotyp hinzuweisen.

Die Konsequenzen die Stereotype Threat für die betroffenen Personen hat, sind vielfältig. Dabei wird zwischen kurz- und langfristigen Auswirkungen unterschieden. So sinken zum einen die Leistungen in der momentane Leistungssituation, zum anderen kann STT zur Disidentifikation und Vermeidung der Domäne führen. Im Bezug auf Frauen und Mathematik, bedeutet dies, dass sich Frauen nicht mehr mit dem Fach identifizieren, was bis hin zu einer Vermeidung sich überhaupt mit Mathematik auseinander zu setzen führen kann.

Wie fatal sich Stereotype Threat auf die schulische Laufbahn auswirken kann demonstriert eine Studie von Osborne und Walker (2006). Die Studie zeigte, dass gerade diejenigen afro-amerikanischen Jugendlichen, „die sich zu Beginn der Studie am stärksten mit der akademischen Domäne identifizieren und die besten Leistungen zeigten, nach zwei Jahren auf einer weiterführenden, ethnisch gemischten Schule am wahrscheinlichsten die Schule abbrachen.“ (zit. nach Martiny & Götz, 2011, S.167)

Düstere Aussichten also? Für mich zeigen die Studien vor allem eines deutlich: Der Einfluss von Vorurteilen hat nicht zu unterschätzende Konsequenzen, die ein gesellschaftliches Umdenken dringend notwendig machen. Dies gilt insbesondere für den schulischen Bereich. Auch wenn der Einfluss von STT selbst vor Harvard Mathematikstudentinnen (Good, C., Aronson, J., & Harder, J. A., 2008) keinen Halt macht, so ist meiner Meinung nach die Schule der wichtigste Ort an dem angesetzt werden sollte.

(In der Arbeit von Schofield et al. (2006) wird beispielsweise die Problematik, die Stereotype Threat für Kinder mit Migrationshintergrund hat ausführlich behandelt und dabei auch Gegenmaßnahmen, welche Lehrer ergreifen können, vorgeschlagen.)

Wenn ich an meine eigene Schullaufbahn zurück denke, fällt mir mein Mathelehrer ein, der bei einer Besprechung meinte, er hätte keinerlei Zweifel daran, dass ich Mathematik studieren könne. Eine Aussage, die ich nie vergessen habe.

Literatur

Cadinu, M., Maass, A., Rosabianca, A., Kiesner, J. (2005).  Why Do Women Underperform        Under Stereotype Threat? Evidence for the Role of Negative Thinking. Psychological    Science,16, 572-578.

Good, C., Aronson, J., & Harder, J. A. (2008). Problems in the pipeline: Stereotype threat and women’s achievement in high-level math courses. Journal of Applied Developmental Psychology, 29(1), 17–28.

Martiny, S.E. & Götz, T. (2011). Stereotype Threat in Lern- und Leistungssituationen:             Theoretische Ansätze, empirische Befunde und praktische Implikationen. In M. Dresel & L. Lämmle (Hrsg.) Motivation, Selbstregulation und Leistungsexzellenz             (Talentförderung – Expertisenentwicklung – Leistungsexzellenz, Bd. 9, S.153-177).   Münster: LIT.

Osborne, J. W., & Walker, C. (2006). Stereotype Threat, Identification with Academics, and Withdrawal from School: Why the most successful students of colour might be most likely to withdraw. Educational Psychology, 26(4), 563–577.

Schofield, J.W., Alexander K., Bangs R. & Schauenburg, B. (2006). Migrationshintergrund,         Minderheitenzugehörigkeit und Bildungserfolg. Forschungsergebnisse der     pädagogischen, Entwicklungs- und Sozialpsychologie, AKI-Forschungsbilanz 5.

Text vom 30. April 2014

Comments

  1. Katalin Schmidt says:

    Ein sehr fundierter Text!! Danke für die hilfreichen Literaturhinweise!!

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