Frauenstimmen im Netz

Der Einfluss nationaler Kontexte in Deutschland, der Schweiz, den USA und Großbritannien

Von Stine Eckert

Stine Eckert hat vor kurzem ihre Doktorarbeit zu Frauenstimmen im Netz an der Universität von Maryland erfolgreich verteidigt. Ab August 2014 forscht und lehrt sie als Juniorprofessorin am Institut für Kommunikationswissenschaften an der Wayne State University in Detroit. Sie forscht zu „neuen” Medien und Gender, Minderheiten, nationalen Kontexten und Demokratie. Sie ist Gründerin von Wikid GRRLS – Teaching Online Skills for Knowledge Projects. Das Projekt bietet kostenlos selbst entwickelte und geteste Lehrpläne, um mit Spaß vor allem Mädchen die Nutzung von Wikis zu lernen. Mehr zu Stine Eckert | @stineeckert

10. Juni 2014

Erst im März schwärmte Tim Berners-Lee vom „Zauber des offenen Netzes” und der Macht, die das Netz uns gibt, alles sagen, entdecken und kreieren zu können. Anlass war der 25. Geburtstag des World Wide Webs. Doch nach einem Vierteljahrhundert ist das offene Netz zumindest teilweise entzaubert. Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass weltweit immer noch eine Mehrheit von 60 Prozent bisher nicht das Privileg gehabt hat, das Internet auszuprobieren. In demokratischen Ländern mit hoher Internetverbreitung und -nutzung, wie Deutschland, der Schweiz, den USA und Großbritannien, ist zu beobachten, dass soziale Hierarchien und nationale Kontexte mitbestimmen wie und welche Frauenstimmen im Netz gehört werden.

Für meine Studie sprach ich in ausführlichen Interviews mit 109 Bloggerinnen und Onlineautorinnen in Deutschland, der Schweiz, den USA und Großbritannien. Auf ihren Blogs und Webseiten schreiben sie, zumindest teilweise, über Frauen-, Familien-, Elternpolitik, zu (anderen) feministische Themen und weiteren gesellschaftlich und politisch relevanten Themen. Die Teilnehmerinnen waren 22 bis 69 Jahre alt. Vier von fünf waren weiß. Fast drei Viertel gaben an, heterosexuell zu sein. Rund zwei Drittel waren Mütter. Einige Bloggerinnen gaben eine Behinderung an. Zwei Autorinnen hatten eine transidente Vergangenheit. Mehr als drei Viertel hatten einen Universitätsabschluss. Die Studie ist nicht repräsentativ für alle Bloggerinnen und Onlineautorinnen, aber bietet durch das offene Gesprächsformat reichhaltige, tiefe Einblicke in die Erlebnisse von Bloggerinnen und Onlineautorinnen mit verschiedenen Hintergründen. In Deutschland sprach ich mit 37, in der Schweiz und Großbritannien mit jeweils 19 und in den USA mit 34 Frauen.

Während in Deutschland, Großbritannien und den USA eine große Anzahl und Bandbreite von Frauenstimmen in Blogs und auf Webseiten aus ihren verschiedenen Perspektiven schreiben, waren die Anzahl und Bandbreite von Bloggerinnen in der Schweiz begrenzt. Auch in westlichen Demokratien beeinflussen nationale und kulturelle Kontexte die Bloglandschaften in verschiedenen Ländern.

In der Schweiz (in der ich mich auf die Deutschschweiz und deutschsprachige Blogs konzentriert habe) waren vor allem Blogs, Webseiten und Perspektiven vertreten, die eine traditionelle Rollenverteilung bezüglich Geschlecht und Familie thematisierten. Progressive oder feministische Stimmen waren in der Minderheit und Anfeindungen ausgesetzt. Vor allem Blogs oder Webseiten auf denen es um Mutterschaft aus einer weißen, heteronormativen Perspektive ging, waren dominant. Die Situation von Frauen, Partnerschaften, Familien und Mutterschaft aus Perspektive von lesbischen Beziehungen oder so genannten „Regenbogenfamilien” waren dagegen so gut wie kaum vorhanden. Das unterschied die Schweiz von den anderen drei Demokratien. In Deutschland, Großbritannien und den USA gab es auch eine Vielfalt an lesbischen, gleichgeschlechtlich-partnerschaftlichen und feministischen Perspektiven und Blogs, die nicht um Mutterschaft kreisten. Gleichzeitig gab es in diesen drei Ländern auch Blogs und Webseiten, in den Vollzeitmütter und/oder Hausfrauen aus der Perspektive einer traditionelle Rollenverteilung schrieben und sich auf Mutterschaft und Familie konzentrierten.

Die Gründe für die Bloglandschaft in der Deutschschweiz liegen, wie mir Teilnehmerinnen beschrieben und Studien zeigten, in der Geschichte, der Kultur und der aktueller politischen Atmosphäre des Landes was Frauenrechte und Genderpolitik anbelangt.

Um das häufig genannteste Beispiel herauszugreifen: erst 1971 erlangten Frauen in der Schweiz das Wahlrecht auf Bundesebene. Die Schweiz war damit eines der letzten Länder in Europa, welches das Wahlrecht für Frauen einführte. Noch 1990 musste der Kanton Appenzell Innerrhoden gerichtlich dazu gebracht werden, Frauen das Wahlrecht zu geben. (Im Vergleich: in Deutschland und Großbritannien erlangten Frauen 1918 und in den USA weiße Frauen 1920 das Wahlrecht. Afro-amerikanische Frauen sowie spanischsprachige Filipinas und Puerto Ricanerinnenen erlangten das Wahlrecht in den USA in den 1960ern und 1970ern.)

Immer wieder beschrieben Teilnehmerinnen auch eine Kultur in der Schweiz, die Zurückhaltung und Bescheidenheit im öffentlichen Raum als angebracht sieht und Menschen, vor allem Frauen, die als Individuum hervorstechen als eher unangebracht. Eine 36-jährige, weiße Bloggerin beschrieb dies so:

„Es ist eine Erziehungsfrage. Mein Vater würde sagen, dass Schweizer sehr bescheiden über sich reden. Man tut sein Licht immer ein bisschen unter den Scheffel. Das kriegen Männer und Frauen mit. Leute, die selbstbewusst und laut auftreteten, die nimmt man schon mal weniger ernst oder findet sie peinlich.”

Besonders Frauen, die sich in der Öffentlichkeit äußern, müssen mit Anfeindungen kämpfen. Zum Beispiel eine weiße, 45-jährige Autorin und Mutter war überrascht davon, wie sehr Genderthemen „hochkochten,” als sie anfing darüber zu bloggen:

„dass es da jedes Mal wieder crasht und dass es da wirklich immer noch ein wahnsinnig tiefsitzendes Unbehagen gegenüber Frauen gibt, die sich öffentlich äußern. Man solle uns die Kinder wegnehmen. Wir seien verantwortunglos, wir sollten die Klappe halten und wir schrieben nur, weil wir wahrscheinlich keinen Mann abkriegen. Das hat mich schon überrascht wie im neuen Jahrtausend immer noch diese wahnsinnige chauvinistische Kultur im Untergrund ganz, ganz, ganz mächtig ist.”

Mehrere Bloggerinnen sprachen auch die aktuelle politische Lage an, die zusammen mit Geschichte und Kultur im Moment zu einer besonders konservativen Atmosphäre beiträgt, die sich nur langsam ändere. Bloggerinnen sprachen vor allem die im Parlament starke, konservative Schweizerischen Volkspartei (SVP) an, die mit nur rund 11 Prozent den geringsten Anteil an Frauen aller Parteien im Schweizer Parlament aufweist. Die SVP befürwortet eine Familienpolitik, die wenig staatliche Unterstützung bietet. Bloggerinnen beschrieben, dass es nicht genügend (bezahlbare) Kindergärten gibt, Mütter mit mehreren Kindern oft zu Hause bleiben müssen und Teilzeitarbeit sowie Vaterschaftsurlaub für Männer kaum möglich ist. Die erst diesen April kritisch diskutierte sexistische Bemerkung des Schweizer Außenministers Ueli Maurer (SVP) zeigt diese konservative Einstellung beispielhaft. Maurer fragte auf einer Veranstaltung zu einem neuen Kampfjet: „Wie viele Gebraucht-Gegenstände, die 30 Jahre alt sind, haben Sie noch zuhause?“ Und gab dann gleich seine Antwort: „Bei uns sind das nicht mehr viele, außer natürlich die Frau, die den Haushalt schmeißt.“ Andere Parteimitglieder unterstützten Maurer.

Zudem fingen unter allen Bloggerinnen in meiner Studie Frauen in der Schweiz im Schnitt etwas später mit dem Bloggen an als in den anderen drei Ländern. Die Internetnutzung in der Schweiz weist (ähnlich wie in Deutschland) immer noch eine Lücke auf bezüglich der Geschlechter: 85 Prozent aller Männer, aber nur 74 Prozent aller Frauen sind online.. Das schlägt sich auch in der Nutzung sozialer Netzwerke nieder: während 46 Prozent der Männer bloggen, tun dies nur 34 der Frauen in der Schweiz.

Doch bisher gibt es kaum wissenschaftliche Studien, die sich detailliert mit der Verschränkung von Geschlecht und anderen Dimensionen der Identität sowie der Nutzung von sozialen Medien in der Schweiz beschäftigen. Ich hoffe, meine Doktorarbeit kann zu diesen Themengebieten einen Beitrag leisten.

Während es in Deutschland, Großbritannien und den USA eine ähnliche Vielzahl und Vielfalt an Bloggerinnen und Online-Autorinnen gab, so zeichneten sich auch in den diesen Bloglandschaften bestimmte Muster ab.

In Deutschland fiel auf, dass fast alle Bloggerinnen und Online-Autorinnen in den alten Bundesländern oder Berlin wohnten. Natürlich gibt es auch Bloggerinnen in den neuen Bundesländern. Doch in zwei weiteren Studien zu Blogs in Deutschland (zu politischen Blogs und zu muslimischen BloggerInnen [1]), die ich in den vergangenen Jahren durchführte, war es ebenfalls auffallend, dass es kaum (prominente) BloggerInnen in den neuen Bundesländern gab. Einige wenige Bloggerinnen gaben an, aus der ehemaligen DDR zu stammen und dass Ihnen diese Herkunft wichtig ist. Nichtsdestrotrotz kommen die allermeisten Stimmen im Netz in Deutschland, von Frauen wie Männern, aus den neuen Bundesländern und von Menschen die dort aufgewachsen sind. Dies spiegelt die fortwährenden Folgen der Wende und der Wiedervereinigung wider: den Niedergang der Wirtschaft in den neuen Bundesländern und die damit verbundene Binnenmigration gerader junger Menschen (die sich tendentiell eher mit sozialen Medien beschäftigen) in die alten Bundesländer für Studium, Jobs und besseren Verdienst. Erst 2012 hörte diese Abwanderung weitgehend auf. Zudem liegen die neuen Bundesländer in der Internetnetzung an letzter Stelle. In allen neuen Bundesländern nutzen immer noch weniger Menschen das Internet als in den alten Bundesländern (eine Ausnahme ist das Saarland). Diese Entwicklungen tragen zum Fehlen von Stimmen im Netz von Frauen in den neuen Bundesländern bei.

In Großbritannien fiel vor allem eine große Anzahl an Kampagnen und Aktionen auf, die Frauen mit Hilfe von Blogs, Twitter und Webseiten gestartet und erfolgreich durchgeführt haben: zur Aufklärung zu sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung, gegen die Beschuldigung von Opfern von (sexueller) Gewalt in Medien und Gesellschaft (victim blaming), gegen Werbekampagnen die junge Mädchen sexualisieren, gegen die Kommerzialisierung von Geburtstationen im Krankenhaus, gegen Alltagssexismus, gegen nackte Photos von Frauen in Tageszeitungen, gegen die offene Auslage von pornografischen Heften in Supermärkten und für das Abbildern von Frauen auf englischen Geldscheinen. Dies sind nur einige Beispiele. Aktivistinnen nutzen soziale Medien intensiv, um ihre Proteste zu organisieren und zu verbreiten und konnten so in vielen Einzelfällen Erfolge verzeichnet. Unter ihnen sind viele Mütter, die sich in mehreren Netzwerken austauschen und Kampagnen entwickeln, die sogar in die Politik und in den Wahlkampf hineinwirken. Auch Teenager beteiligen sich an solchen Aktionen. Sie haben sich an Schulen und in Universitäten zusammengeschlossen, beispielsweise in der Twitter Youth Feminist Army. Sie geben minderjährigen Frauen eine Stimme in der Gesellschaft und werben für einen „coolen” Feminismus, der „fun” bringt.

Vor allem in Großbritannien, aber auch in den USA, sind auch die Möglichkeiten größer als in Deutschland und der Schweiz, mit Blogs direkt Geld zu verdienen. Dies gilt vor allem für Mütter und/oder Hausfrauen, die über Elternschaft und Familie schreiben. Zwar hat keine Bloggerin berichtet, davon reich zu werden, aber sie trugen mit dem Bloggen zum Haushaltseinkommen bei, dass überwiegend ein Partner oder eine Partnerin erarbeitete. Bloggerinnen, die sich auf kommerzielles Bloggen spezialisierten, bekamen kostenlose Proben, die sie dann entweder für den Sachwert oder für Geld auf ihrem Blog beschrieben und bewerteten. So konnten sich einige Bloggerinnen Dinge oder sogar Reisen leisten, die sie sich sonst nicht ohne Weiteres gekauft bzw. organisiert hätten. Diese direkten kommerziellen Möglichkeiten durch Bloggen gab es so in Deutschland und der Schweiz kaum. Dort berichteten Bloggerinnen eher von indirekten finanziellen Vorteilen z.B. dass sie beruflich von ihrem Blog oder ihrer Webseite profitieren.

In den USA herrschte die größte Vielfalt in Bezug auf Ethnien. Frauen of color waren dort am meisten vertreten, vor allem Afro-Amerikanerinnen, aber auch Latinas. Diese Bloggerinnen waren Wissenschafterlerinnen, Studentinnen, (arbeitende) Mütter, Journalistinnen oder Aktivistinnen; oft waren diese Identitäten miteinander verschränkt. Sie bilden, ähnlich wie in der US-amerikanischen Gesellschaft, einen eigenen Referenzbereich; es gibt weniger Verbindungen zwischen Bloggerinnen of color und weißen Bloggerinnen als innerhalb der jeweiligen Kohorte. Auch unter feministischen Bloggerinnen gibt es Spannungen zwischen schwarzen und weißen Autorinnen, die in Blogs und Nachrichtenmedien thematisiert werden. Im Vergleich dazu waren in der Schweiz, Deutschland und auch Großbritannien weiße Stimmen in der überwiegenden Mehrheit und women of color oder Frauen mit Migrationshintergund online wenig zu finden, obwohl es sie auch dort in den Bevölkerungen gibt.

Egal in welchem Land, Bloggerinnen und Onlineautorinnen betonten immer wieder wie wichtig Solidarität unter Frauen im Netz ist. Jede Frauenstimme im Netz ist wichtig. Denn ob Deutschland, Schweiz, USA oder Großbritannien – in allen vier Demokratien sind Frauen in den traditionellen (Nachrichten-)Medien als Journalistinnen und Produzentinnen unterrepräsentiert. Auch in Medieninhalten werden Frauen, je nach Genre, meist stereotypisch verzerrt oder nur in kleiner Zahl dargestellt. Ganz zu schweigen von der Unterrepräsentation von Frauen in – vor allem höheren – Positionen in Politk, Wirtschaft und Wissenschaft. Wenn mensch den Blick auf die Verschränkung von „Frau-Sein” mit anderen Identitätsmerkmalen (Ethnie, Sexualität, Behinderung, formelle Bildung usw.) lenkt, sieht es noch düsterer aus mit der Repräsentation und Präsentation von Frauen als Macherinnen in (Nachrichten-)Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Die Demokratien haben noch viel Arbeit vor sich, um demokratischer zu werden. Frauen, die sich öffentlich online zu ihren Themen äußern und somit die Palette an politische relevanten Themen und Perspektiven verbreitern, leisten dazu einen wichtigen Beitrag.

Tipps fürs Bloggen und Schreiben im Netz für NeueinsteigerInnen und alle, die dazu lernen möchten, habe ich in einem Leitfaden zusammengetragen. Nach Veröffentlichen des Leitfadens kam Kritik in einem Post auf Femgeeks auf. Ihr findet den Post hier. Ich persönlich sehe das nicht so. Mehrere Studien zeigen was Frauen im Netz passieren kann (siehe weiter oben und Quellen). Das bedeutet nicht, dass diese Studien die Frauen dafür beschuldigen. Im Gegenteil, sie stellen die Situation dar, wie viele Frauen sie beschreiben, dokumentieren das Geschehene und zeigen Strukturen auf, so auch meine Studie. Der Leitfaden vermittelt den aktuellen Forschungsstand zu Erfahrungen von vielen, verschiedenen Frauen im Netz und macht darauf aufbauend verschiedene Handlungsvorschläge.

Quellen und weitere Literatur:

Eckert, S. & Chadha, K. (2013). Muslim bloggers in Germany: an emerging counterpublic. Media, Culture & Society 35(8), 926-942. URL: http://mcs.sagepub.com/content/35/8/926.abstract

Eckert, S., & Chadha, K., & Koliska, M. (2014). Stuck in first gear: the case of the German political “blogosphere.” International Journal of Communication, 8, 628-645. URL: http://ijoc.org/index.php/ijoc/article/view/1931


[1] Von denen sehr viele türkische Wurzeln hatten und selbst oder durch ihre Familie mit der Geschichte der GastarbeiterInnen im ehemaligen Westdeutschland verbunden sind.

Comments

  1. […] In Deutschland fiel auf, dass fast alle Bloggerinnen und Online-Autorinnen in den alten Bundesländern oder Berlin wohnten. Natürlich gibt es auch Bloggerinnen in den neuen Bundesländern. Doch in zwei weiteren Studien zu Blogs in Deutschland (zu politischen Blogs und zu muslimischen BloggerInnen [1]), […]

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