Gedanken – Memoiren einer Nacht

Es war einmal eine junge Frau, die gerne bei einem Freund übernachtete, weil dort einfach immer etwas los war. Ein paar Freunde (die Zusammensetzung war im Grunde immer verschieden, manchmal waren auch Leute da, die man bisher noch nie gesehen hat), Filme, natürlich Alkohol und viel Spaß und Unterhaltung.

Es war mal wieder so ein Tag, es waren nicht so viele Freunde da, aber genug, um ’nen Film zu schauen, Späße zu machen. Wie immer trank auch die junge Frau mit, war ja irgendwie Normalität. Und irgendwann gingen dann alle schlafen. Es gab immerhin ein Bett, in das bis zu 3 Personen passten, eine Couch für noch mal 2 und der Boden blieb bei denen, die zu langsam waren. Natürlich war die junge Frau immer schnell und klug genug, um sich einen Platz im Bett vor allen anderen zu reservieren, in dem man selbst zu dritt (ohne sich auch nur annähernd zu berühren #EineArmlänge ) ausreichend Platz hatte. Natürlich passiert unter Freunden auch nie irgendetwas, denn man ist müde und schläft demnach einfach – fertig.

Nicht so an diesem Tag, denn da legte sich einer dieser Freunde, die die Frau vorher nur durch Erzählungen kannte, der mit dem Plan gewappnet war, den Alkohollevel der Frau auszunutzen – nicht aggressiv, aber machte es das besser?

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Schlafen konnte sie nicht mehr, aus Angst, der Typ würde es nochmal versuchen.

Bitte, das muss vorbeigehen.

Er glaubte sie stimulieren zu können, indem er ohne zu fragen begann ihren Schambereich zu reiben. Sie war wie gelähmt. Passierte das wirklich? War wirklich jemand so dreist, einfach mit so etwas anzufangen? Wo sie so viel Vertrauen zu jemandem benötigte um überhaupt freiwillig mit jemandem intim zu werden? Sie hätte einfach etwas sagen können, aber als sie das versuchte, konnte sie das nicht. Sie war wie gelähmt, bewegte sich nicht. Stattdessen schloss sie die Augen und redete sich ein, das würde Vorbeigehen. Bitte, das muss vorbeigehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit, nachdem der Besagte ihre Hand nahm und immer wieder gegen sein Genital drückte, nahm sie all ihren Mut zusammen und drehte sich weg. Bereit zuzuschlagen, wenn der Kerl es nochmal versuchte. So weit, so gut. Die junge Frau hatte einen Weg gefunden die Situation in den Griff zu kriegen. Schlafen konnte sie nicht mehr, aus Angst, der Typ würde es nochmal versuchen. Hätte er nicht wenigstens fragen können, ob das für mich in Ordnung geht?

[info_box]Sie weinte sich noch Tage später in den Schlaf, weil sie sich selbst dafür hasste, dass sie erst so spät eingreifen konnte.[/info_box]

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Und es war ihr unheimlich peinlich, so peinlich, dass sie schnellstens nach Hause fuhr und dort in ihrem Zimmer weinte.

Jahre später…

Erst ein paar Jahre später wurde ihr klar, dass es nicht ihr Fehler war und dass es diesen Prinzen niemals geben wird. Sie war damals starr vor Angst und Entrüstung und konnte sich nicht wehren, aber es war gut, dass sie dennoch eingreifen konnte. Aber es war nicht gut, sogar unverzeihlich, dass ein vermeintlicher Freund -denn erst mal zählte sie alle zu Freunden, die sich dem Freundeskreis anschlossen- ihren Zustand unter Alkohol und Starre ausgenutzt hatte – für eigene Zwecke. Um zu sagen „ich hatte noch mit einer mehr was laufen“. Sie wusste, dass ihre anderen Freunde nicht wissen konnten, wie weh es tat, wenn sie sich darüber lustig machten, denn sie hatten nur die Seite der Eroberung gehört. Sie wussten nicht, wie lange die junge Frau mit sich selbst kämpfen musste, weil sie die Schuld bei sich selbst suchte. Und wem hätte sie das schon anvertrauen können? Es war schließlich ihre Schuld. Und sicher würden das andere genauso sehen. Jahre vergingen und der Vorfall war mehr oder minder vergessen. Zumindest lebte sie jetzt damit.

[info_box]Sollte nicht jede Frau unterstützt werden, egal wer der Täter war?[/info_box]

Weitere Jahre später, Fremde belästigen und nötigen Gruppenweise viele Frauen und bestehlen sie. Wahrscheinlich sind es nordafrikanische Männer, vermutlich sind sie noch nicht lange in Deutschland. Die Presse geht nur noch auf einige Aspekte der Taten ein: Die vermeintliche Rasse der Männer. Wie Frauen sich besser schützen. Dass das eine völlig neue Art der sexualisierten Gewalt ist.

Wie geht es den Frauen?

Die junge Frau macht sich zwangsläufig Gedanken darüber. Sie fragt sich, wie es den Opfern geht. Bekommen sie Hilfe? Werden sie gut umsorgt? Haben sie Leute um sich herum, die ihnen jetzt beistehen? Oder fühlen sie sich allein? Wie werden sie damit umgehen können? Werden sie damit abschließen können? Da viele von ihnen Anzeige erstattet haben, wie werden sie damit klarkommen, dass sie die Ereignisse immer und immer wieder vor Augen führen müssen? Wie kommen die Frauen damit klar, dass ihnen indirekt vorgeworfen wird, dass sie sich falsch verhalten haben? Und wie fühlen sie sich, da sie von der Presse instrumentalisiert werden für eine völlig andere Debatte a la sexuelle Übergriffe passieren erst, seit Flüchtlinge da sind?

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Sie wusste, dass ihre anderen Freunde nicht wissen konnten, wie weh es tat, wenn sie sich darüber lustig machten, denn sie hatten nur die Seite der Eroberung gehört.

Was der jungen Frau aber auch durch den Kopf geht:

Wieso ist das schlimmer, als das, was ihr selbst passiert ist? Wenn Menschen aus dem Umkreis das machen, ist das etwas, was man auf die Frau schieben kann? Ist die Frau dann selbst Schuld, weil es war kein Flüchtling, sondern ein deutscher Bekannter und sie hätte ja auf Alkohol und übernachten verzichten können? Hat sie sich vielleicht doch zu freizügig angezogen?

Was macht diese schrecklichen Taten schlimmer, als das, was sie selbst erlebt hat? Wieso wird hier mit zweierlei Maß geurteilt? Wieso ist es schlimmer, wenn man als Flüchtling Frauen verachtet, als wenn man als Deutscher Frauen verachtet? Hat sie sich nun doch falsch verhalten, oder hätte sich der Kerl auch benehmen können? Sollte nicht jede Frau unterstützt werden, egal wer der Täter war?

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