Geschlecht als Interaktionsritual

In seinem im Jahre 1977 erschienen Essay „The Arrangement Between the Sexes“ kritisiert Goffman die Sozialwissenschaften, welche bis zu diesem Zeitpunkt die Geschlechterkonstruktion vernachlässigt und kaum erforscht haben. Die Geschlechteridentität gehöre nach Goffman „zu den tiefsten verankerten Merkmalen des Menschen“, sie sei „die elementarste Charakterisierung des Menschen“ überhaupt. (Goffman. 1981:43) Auch schreibt er, dass das Geschlecht als ein zentraler Code diene, auf jenem soziale Interaktionen und soziale Strukturen aufgebaut seien. Die Definition Geschlecht sei ein „erlerntes, diffuses Rollenverhalten“, habe zu einer Stigmatisierung der Wissensproduktion und Erkenntnisgewinnung geführt. Das Essay ist aus Sicht von Goffman daher ein Versuch die bestehende soziale Ordnung bezüglich der Geschlechterkonstruktion zu erklären. (vgl. Goffman 2001: 105)

Ausgangsgedanke

Wird auf die heutigen gesellschaftlichen Strukturen geblickt, ist zu erkennen, dass viele verschiedene Gruppierung ihren Platz in einem gemeinsamen Raum finden. Durch Zuwanderung, Auswanderung, Flucht oder Migration gelingt eine Vermischung und das Zusammenleben von verschiedenen Ethnien in einem Land. Es ist vor allem in Deutschland schwierig, nur von einer ethnisch und kulturell spezifischen Mehrheitsgesellschaft zu sprechen.

Der Ausgangsgedanke Goffmans sind  Industriegesellschaften, in welchen vor allem Männer verschiedener Nationalitäten und somit kulturellen Unterschieden aufeinander treffen. Aber auch andere „Turbulenzen der öffentlichen Ordnung“ werden aufgezählt und resümiert, dass neue ethnische Gruppen und diese Art von Unterschieden seitens der Gesellschaften verkraftet werden können. Im Gegensatz dazu werden die geringen Differenzen des  biologische Aufbaus der Geschlechter zu einem Problem und als Werkzeug der Benachteiligung von der Hälfte der Bevölkerung genutzt. Biologische Unterschiede zwischen Frauen und Männer werden seitens Goffman – im Gegensatz zu beispielsweise Butler – nicht geleugnet und auch als angeboren angesehen. Das Frauen „Kinder gebären können, Kinder stillen können und menstruieren“, während Männer nicht dazu in der Lage sind, liege zwar an dem biologischen Aufbau der Körper. (vgl. ebd. 106f) Das von Frauen erwartet wird, dass sie irgendwann Kinder bekommen oder andere Zuschreibungen, wie die „Schwäche“ und einen sanftmütigeren Charakter, sind die sozialen Folgen dieser Unterschiede. Obwohl in der Moderne durch wenig Aufwand dieser sozialen Folgen durch eine Neuorganisation bewältigt werden können, werden die biologischen Differenzen weiterhin manifestiert:

Nicht die sozialen Konsequenzen der angeborenen Geschlechtsunterschiede bedürfen also einer Erklärung, sondern vielmehr wie diese Unterschiede als Garanten für unsere sozialen Arrangements geltend gemacht wurden (und werden) und, mehr noch, wie die institutionellen Mechanismen der Gesellschaft sicherstellen konnten, daß uns diese Erklärungen stichhaltig erscheinen. (vgl. ebd: 107)

Unterschiede dienen also als ein Instrument, um das bestehende System zu legitimieren, aber auch zu etablieren. Durch die institutionelle Reflexivität versucht Goffman dies ausführlicher zu erklären.

Institutionelle Reflexivität

Die Geschlechtszuordnung als soziale Klassifikation könne demnach unter keinen Umständen verleugnet werden, jedoch wird der Begriff „Geschlechtsklasse“ als soziologische Kategorie verwendet und nicht etwa als eine Biowissenschaft. Durch die Zuordnung in eine Geschlechterklasse wird der erste Schritt getan: Ein fortwährender Sortierungsprozess beginnt, indem durch die „Zuordnung aufgrund der körperlichen Gestalt […] die Verleihung einer an das Geschlecht gebundenen Identifikationskette“ erlaubt wird. (vgl. ebd: 108) Es werden also aufgrund dimorpher Genitale individuelle Identifikationen erlaubt. Mädchen und Jungen werden „unterschiedlich behandelt, sie machen verschiedene Erfahrungen, dürfen andere Erwartungen stellen und müssen andere erfüllen“. (vgl. ebd: 109) Beide Geschlechter müssen nun in einer geschlechterspezifischen Weise ihre äußeren Erscheinungen, ihr Fühlen und ihr Handeln den Erwartungen anderer anpassen:

„Als Folge davon lagert sich eine geschlechterspezifische Weise der äußeren Erscheinung, des Handelns und Fühlens objektiv über das biologische Muster, die dieses ausbaut, mißachtet oder durchkreuzt.“ (ebd.)

Die soziale Folge der gesellschaftlichen Funktionsweise, d. h. was am Ende als Gesamtprodukt herauskommt, sei das soziale Geschlecht, „gender“ wie es Goffman benennt. Jedoch begründen sich die Unterschiede des sozialen Geschlechts nicht auf Grundlage der Biologie, sondern aufgrund der sozialen Erfahrung, die Mitglieder innerhalb derselben Geschlechtsklassen miteinander teilen.

Dabei scheint jede Gesellschaft ihr eigenes Konzept von Gender zu haben, welche die Idealbilder von Männlichkeit und Weiblichkeit beinhalten:

„Jede Gesellschaft scheint ihre eigenen Konzepte davon zu entwickeln, was das „Wesentliche“ und das Charakteristische an den beiden Geschlechterklassen ist, wobei diese Konzepte sowohl lobens- als auch tadelnswerte Züge einschließen.“ (ebd: 109f.)

Durch die geschlechtliche Zuordnung bestimmter Charaktereigenschaften entsteht ein Legitimationsrahmen für gewisse Umstände. Beispielsweise könne damit verallgemeinert und gerechtfertigt werden, dass Frauen schlechtere Mathematikerinnen sind, dass Männer besser einparken können, etc. Dies wären lauter Vorurteile, die versucht werden, in der Biologie des anderen Geschlechts zu begründen. Die Erklärungen können dabei „sowohl von Betroffenen geliefert werden wie auch von Personen, die sich stellvertretend für Betroffenen bemüßigt tun, Gründe zu liefern“. (vgl. ebd: 110)

Wenn das Individuum sich auf Grundlage der Idealvorstellung bezüglich seiner Geschlechterklasse und den damit verbundenen Normen, sowie der Glaubensvorstellung eine Selbstidentifikation entwickelt, sich dadurch legitimiert und sich angehörig fühlt, kann von „Geschlechteridentität“ gesprochen werden:

„Insoweit nun das Individuum ein Gefühl dafür, was und wie es ist, durch die Bezugnahme auf seine Geschlechterklasse entwickelt und sich selbst hinsichtlich der Idealvorstellung von Männlichkeit (oder Weiblichkeit) beurteilt, kann von einer Geschlechtsidentität gesprochen werden.“ (ebd.)

Der individuelle Genderismus nach Goffman ist die „geschlechtergebundene individuelle Verhaltensweise“ (vgl. ebd: 113), während der institutionalisierte Genderismus beispielsweise die Trennung von Toiletten wären. Die parallele Organisation der Geschlechter wird also als Ausgangspunkt „für die Etablierung einer unterschiedlichen Behandlung“ angesehen und so weiter gehandhabt. (vgl. ebd: 114)

Die Geschlechterarrangements werden von Goffman auf der Makroebene symbolisch betrachtet. Dabei werden die Frauen als benachteiligte Gruppe angesehen, da sie durch die ausdifferenzierte Rollenverteilung einen erschwerten Zugang zum öffentlichen Raum haben, somit von anderen Frauen isolierter sind und daraus Benachteiligungen, wie z. B. bei der  Bezahlung, entstehen. Goffman analysiert aber nicht, warum die Benachteiligung so groß ist, sondern stellt sich die Frage, in welchen Arrangements dies geschieht. (vgl. ebd: 115) Frauen sind zwar vom Umgang mit ihresgleichen abgeschnitten, profitieren aber aus der Verbindung mit den Männern, woraus sich jedoch ihre Isolation verschärft. Dabei spricht er von dem Ergänzungsritual:

„Um es deutlich zu sagen: Hier kommen Benachteiligte und Bevorzugte vor Ort zusammen, zwei vollständig getrennte Hälften der ganzen Gesellschaft, die sich einander ähneln, was die in ihrer Geschlechterklasse bestehenden Erwartungen, aber auch was die Verpflichtungen über die Geschlechtergrenzen hinaus angeht. (Eine erhebliche Stütze findet dieses Arrangement im Ergänzungsritual: Wenn ein Ehepartner einem bestimmten Mann oder einer bestimmten Frau gegenüber Anerkennung bekundet, so wird sich das auch darauf auswirken, wie sich der andere Ehepartner derselben bestimmten Person gegenüber verhält.)“ (ebd: 118)

Männer signalisieren innerhalb dieses Arrangements durch ihre ritualisierten Gesten, dass Frauen mit Werten wie Mütterlichkeit, Unschuld, Sanftheit usw. idealisiert werden und mythologisiert werden. Frauen teilen diese Wertvorstellung über sich und sehen dies als natürlich an, wodurch das Arrangement der Geschlechter sich begründet. Jedoch scheint es, dass „ein Teil der Bürgerschaft die traditionelle Stellung der Frauen nicht mehr als natürlichen Ausdruck ihrer natürlichen Fähigkeiten“ begreifen. Daraus schlussfolgert sich, dass ohne den Glauben an „natürliche“ Charakterunterschiede das Arrangement der Geschlechter keinen Sinn mehr mache. (vgl. ebd: 119) In dem Arrangement stecken also die Organisation der Geschlechter und der Glaube an die natürliche Ordnung dahinter.

Das Geschlecht als Interaktionsritual

Kann das Geschlecht nun als ein Interaktionsritual verstanden werden ?

Wie beschrieben wurde, sind Rituale sichtbare Ausdrucke, die ohne jegliches Handeln die Auffassung des Individuums bezüglich seinen Geschlechts innerhalb von Interaktionen und innerhalb einer Interaktionsordnung vermitteln sollen.

In dem Alltag finden wir viele verschiedene Handlungen und Handlungsweisen, die rituelle Elemente beinhalten, wie etwa unsere Wortwahl, Gesprächsstil, Gesten, Raumverhalten, Körperhaltung und Intonationskonturen, wodurch SprecherInnen ihre Haltungen bezüglich eines Themas zum Ausdruck bringen. Dabei kämen die grundlegenden Komponenten der Interaktion, die Ehrerbietung und das Benehmen, zum Ausdruck (vgl. Kotthoff 2001: 174).

Innerhalb von Geschlechterarrangements produziert sich die ritualisierte Form von Geschlechterverhalten eigenständig. Im alltäglichen Leben werden die rituellen Unterschiede zwischen den Geschlechtern anhand von Namen, Anredeformeln, Sprechstil, Frisur, Körperpflege und Körperpräsentation ritualisiert. Interessanterweise reichen manchmal äußerlichen Aspekte allein nicht aus, um das Individuum oder seine Beziehung zu anderen zu charakterisieren. Die verschiedenen Möglichkeiten sein Geschlecht als Interaktionsritual darzustellen, variieren zeit- und ortabhängig (vgl. ebd: 175), so ist das Augenbrauen zupfen heute keine weibliche Körperpflege mehr, sowie das Hosentragen nicht mehr als rein männlich definiert werden kann.

Da die Ausführung der Rituale auf kulturellen Regeln basiert, kann das Individuum von diesen Abweichen und somit die Interaktionsordnung mehr oder minder zu einer Irritation führen. Möglicherweise kann diese Irritation ebenfalls zu einer Veränderung führen. Ein mögliches Beispiel wäre hierbei das Tragen von Kurzhaar-Frisuren oder Hosen, die kulturell und in der Interaktionsordnung dem männlichen Geschlecht zugeschrieben worden sind. Trägt eine Frau nun eine Kurzhaar-Frisur oder Hosen, wird sie anfangs möglicherweise nicht als weiblich wahrgenommen, da sie nicht dem weiblichen Ritual entspricht und in Interaktionen somit als solche nicht wahrgenommen werden kann. Mit der Zeit jedoch führt diese Irritation zu Veränderung der Organisation, welches heute beobachtet werden kann. Frauen mit Kurz-Haarfrisuren werden nicht mehr als etwas Irritierendes aufgefasst.

Wird die Kopräsenz der Körper bei der Ritualisierung betrachtet, ist in der Gegenwartsgesellschaft deutlich zu erkennen, dass durch die vermeintliche Schwäche der Frau und ihrem Kleidungsstil, Gefahren für ihren Körper stärker vorhanden sind. Wenn sich Frauen selbstbewusster und reizender kleiden, werden sie von dem Interaktionspartner als mögliche Sexualpartnerin wahrgenommen, obwohl sie durch ihr rituelles Auftreten dies nicht beabsichtigt hat. Durch die offene Bekleidung entsteht absurderweise für den Interaktionspartner eine Legitimationsgrundlage. Der standardisierter Spruch „Wenn sie nicht belästigt (oder im schlimmeren Fall vergewaltigt) werde wollte, hätte sie sich nicht so kleiden müssen.“ wird dadurch als Rechtfertigung anerkannt –  was mit einem gesunden Menschenverstand nicht zu vereinbaren ist! [#NEINheißtNEIN]

Durch die Medien und Werbungen werden vor allem die Alltagsrituale des institutionellen Genderismus weiterhin stereotypisiert. Werden Werbungen näher betrachtet und analysiert, wird festgestellt, dass Frauen immer unterlegener und unwissender dargestellt werden. Desweiteren werden sie auch häufig innerhalb häuslicher Einrichtungen platziert und inszeniert. (siehe dazu: Analyse von Kotthoff, S. 180-191]

Es kann also zusammenfassend gesagt werden, dass das Geschlecht als ein Interaktionsritual aufgefasst werden kann. Die Rituale der Geschlechter müssen nicht immer bewusst sein, sollten aber bewusstseinsfähig sein. Wir kleiden, sprechen und präsentieren uns nach einem Ideal, welches uns von klein auf vermittelt wird. Es sollten jedoch die veralteten Merkmalszuweisungen und vor allem die erwähnte Arrangements, die auf Grundlage der biologischen Unterschiede gegründet, legitimiert und manifestiert werden, überdacht werden. 

Literatur:

Goffman, Erving (1981): Geschlecht und Werbung, Frankfurt am Main: Suhrkamp (Übers. Von 1979 durch Günter Radden)

Goffman, Erving (2001): Interaktionsordnung, in: Erving Goffman: Interaktion und Geschlecht, 2. Auflage, Frankfurt am Main & New York: Campus (Übers. Von 1977 Hubert Knoblauch), S. 50-104

Goffman, Erving (2001): Das Arrangement der Geschlechter, in: Erving Goffman: Interaktion und Geschlecht, 2. Auflage, Frankfurt am Main & New York: Campus (Übers. Von 1977 Hubert Knoblauch), S. 105-158

Kotthoff, Helga: Geschlecht als Interaktionsritual? in: Erving Goffman: Interaktion und Geschlecht, 2. Auflage, Frankfurt am Main & New York: Campus (Übers. Von 1977 Hubert Knoblauch), S.159-194

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