Begegnen können sich Alberto Giacometti und Bruce Nauman nicht mehr und sie sind sich auch noch nie begegnet. Aber ihre Werke können es. In der Schirn Kunsthalle Frankfurt begegnen sich die Werke dieser beiden Künstler zum ersten Mal in einer Ausstellung und treten in einen Dialog. Das Erstaunliche: Sie sind denkbar verschieden und doch so ähnlich. Beide Künstler drücken Angst und Isoliertheit auf ihre Weise aus, einer von der Figur ausgehend und einer vom Raum. Gerade die Diskrepanzen erzeugen ein Fünkchen das so spannend ist, um dann wieder in einen versöhnlichen Moment zu münden. Da ist zum Beispiel Homme qui marche von Giacometti, ein schreitender Mann, ausgemergelt bis auf die Knochen.

Homme qui marche

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© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Der Schreitende ist nur 28 cm breit, aber beeindruckende 1,90 m hoch. Das Gesicht deutet einen Hauch von Hoffnungslosigkeit an. Die Oberfläche ist rau so, als hätte sich der Raum eingefressen in die Plastik und sie zu dem zerdrückt was sie nun ist. Die unebene Oberfläche erzeugt aber auch eine Unschärfe. So sehr man sich ihr nähert, die Plastik bleibt fern, da unscharf. Der Sockel ist fast verhöhnend schmal im Vergleich zur überproportional langen Figur. Der Mann, der schreitet, schreitet eigentlich nicht. Er will schreiten, doch seine großen Füße sind verschmolzen, eins geworden mit dem Boden. Weder die schmalen gelenklosen Beine, noch der Leib können die verschmolzenen Füße vom Boden lösen und so steht der schreitende Mann zwischen seinen Betrachtern, gefangen in einem Moment zwischen Wollen und Nicht-Können.

Die NZZ in einem Nachruf über Giacometti: "Kein Bildner der Gegenwart - Picasso ausgenommen - hat so unmittelbar, so anschaulich und in der Anschaulichkeit so erschütternd das Lebensgefühl des modernen Menschen zur Darstellung gebracht."

Corridor with Mirror and White Lights

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Bruce Nauman, Corridor with Mirror and White Lights, 1971 © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Elf Jahre nach dem Homme qui marche von Giacometti hat Nauman sein Corridor with Mirror and White Lights konzipiert. Ein schmaler Gang, der nie zu enden scheint. Für den Endlos-Effekt sorgt ein schräg gestellter Spiegel am Ende des Gangs. Diese Figur beengt und isoliert seine Betrachter. Die meisten Leute schauen kurz in den Korridor und entfernen sich fluchtartig. Daran kann man die starke Wirkung erkennen. Es scheint, als sei der Korridor gemacht für Homme qui marche und auch die Höhe von 3 m stimmt. Bei der Breite von 17,8 cm des Gangs, wird Giacomettis Homme qui marche wohl kaum hinein passen. Das würde auch ihn beengen und seinem ohnehin mageren Leibchen keinen Raum zum Atmen lassen und dann scheint es doch wieder ein Segen zu sein, nicht zu schreiten.

DIE ZEIT (4.2.1994) über Nauman: "Vielleicht führt keiner so deprimierend die ewige Wiederkehr des Gleichen vor. Was den Fortschritt der condition humaine angeht, scheint Bruce Naumans Pessimismus unheilbar."

Finden Sie und Du weitere Werke in der Ausstellung, die zueinander passen? Teilt sie mit uns unten in den Kommentaren. Die Giacometti-Nauman Ausstellung läuft bis zum 22. Januar 2017 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt.

Alberto Giacometti wurde im Oktober 1901 in der Schweiz, als Sohn des bekannten Malers Giovanni Giacometti, geboren. Seine erste künstlerische Anleitung bekam er von seinem Vater und besuchte die Ecole des Beaux-Arts in Genf, die er allerdings nach drei Tagen verließ, um die Ecole des Arts et Métiers zu besuchen. Giacometti war einer der führenden surrealistischen Plastiker. Viele seiner Ölbilder und Zeichnungen vernichtete er, weil sie seinen Ansprüchen nicht gerecht wurden. Seine stilistische Handschrift erkennt man an überproportionierten mageren Figuren mit unebener Oberfläche. Im Mittelpunkt seiner Kunst steht der Mensch, seine Ängste und seine Verlorenheit. Alberto Giacometti gehört zu den bekanntesten Bildhauern der Klassischen Moderne.

Bruce Nauman wurde vierzig Jahre später, 1941, in Indiana (USA) als Sohn eines Ingenieurs geboren. Er studierte Mathematik und Physik, anschließend Bildende Kunst. Er lehrte am Art Institute in San Francisco und an der University of California. Naumans Markenzeichen ist, dass er kein Markenzeichen hat. Statt einer erkennbaren Handschrift, widmet er sich immer neuen Werkblöcken zu. Unabgeschlossenheit und das Fragmentarische ziehen sich durch sein Werk und Isolation und Angst. Auch in den Dramen von Samuel Beckett, ein Zeitgenosse und Freund Naumans, geht es um bis zur Absurdität verzerrte Isolation. Naumans Arbeiten konnte man unter anderem im New York Museum of Modern Art (MoMA), im Zürcher Kunsthaus, auf der documenta, im Guggenheim Museum Berlin und in der Kunsthalle Hamburg sehen. 2015 war er im Kunstkompass des Wirtschafts-Magazins Capital auf Platz zwei der weltweit gefragtesten Künstler. Nauman gehört zu den Pionieren der Konzeptkunst. Heute lebt er auf einer abgelegenen Farm in New Mexiko mit seiner Familie.

Weitere Links:

http://www.schirn.de/giacometti_nauman/digitorial/de

https://denkerinnen.de/philosophie-kunst-und-kultur/

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