Wenn wir in diesen Tagen die Zeitung aufschlagen, begegnen uns Überschriften wie „die neuen Väter in Teilzeit“, „Mädchen lernen besser, Jungen steigen auf“, „die Lüge von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Die positive Abstimmung der Iren über die „Ehe für alle“ wirft auch in Deutschland die Frage auf, welche Privilegien eine Eheschließung mit sich bringen sollte und was eigentlich Familie ausmacht. Die „Aufschrei-Debatte“ über Sexismus in Beruf und Alltag sowie die Diskussion um die Frauenquote zeigen, dass die Themen Rollenverteilung und Geschlechtergerechtigkeit aktuell sind wie eh und je. Und weil es ein relevantes Thema in Gesellschaft und Politik ist, beschäftigt es natürlich auch mich als Ministerin für Schule und Weiterbildung – denn unter anderem sind auch die Bildungsstätten ein Ort, wo der Blick auf die eigene Geschlechterrolle und die Art, damit zu leben entwickelt wird. 

Unser Schulgesetz gewährleistet für alle das Recht auf schulische Bildung, Erziehung und individuelle Förderung, unabhängig vom Geschlecht. Aber wir sehen – sobald wir über das Schultor hinausblicken –, dass Mädchen und Jungen im weiteren Leben oft doch nicht gleich weit kommen: Mädchen wählen nicht selten Berufe, die durchschnittlich geringer bezahlt werden, und Familiengründung hat oft den Preis der beruflichen Stagnation. Wir sehen auch, dass die jungen Väter in unserer Gesellschaft oft Männlichkeitsbilder und -erwartungen erfüllen müssen, die ihnen viele Optionen der gleichberechtigten Lebensgestaltung – zum Beispiel bei einer familiengerechten Berufsgestaltung versperren.

Gleiche Chancen – den Grundstein legt auch die Schule

Es ist bedenklich, wenn aus der Unterscheidung Mädchen/Junge, die niemand in Frage stellt, Ungleichheiten in den Chancen und deren Wahrnehmungsmöglichkeit entstehen. Rosa und Blau sind kein Problem, es sind nur schöne Farben – sie werden erst dann zum Problem, wenn sie eine oder sogar beide Seiten einschränken.

Das Drehbuch dazu schreibt natürlich nicht nur die Schule, aber sie ist für die Kinder und Heranwachsenden ein ganz wichtiger Einflussfaktor. Vom ersten Schultag bis zum Abitur haben sich Lehrerinnen und Lehrer bemüht, neben der Wissensvermittlung, Jungen und Mädchen auch die beschriebenen Rollenerwartungen an die Geschlechter und ihre Folgen für die ganz persönliche Lebensgestaltung der und des Einzelnen überhaupt bewusst zu machen: Sie haben den Kindern und Jugendlichen beispielsweise die Werte des Grundgesetzes für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft vermittelt, also auch die Gleichberechtigung von Frau und Mann, und dabei ihre aktuellen und künftigen Möglichkeiten und Rollen in Partnerschaft und Familie einbezogen. Die Lehrerinnen und Lehrer waren für die Kinder und Jugendlichen selbstverständlich auch männliche und weibliche Rollenmodelle, moderne, aber manchmal auch die alten – denn natürlich sind unsere ca. 180.000 Lehrerinnen und Lehrer in Nordrhein-Westfalen ein Abbild unserer Gesellschaft.

Schule hat einen wesentlichen Einfluss darauf, dass Mädchen und Jungen gleichberechtigt und chancengleich in die Welt nach der Schule entlassen werden. Die Basis für die Arbeit in der Schule besteht darin, dass für alle Beteiligten der „Diagnoseblick“ für die Erkennung von Ungleichheiten geschärft sein muss: Braucht das konkrete Mädchen, der konkrete Junge eine bestimmte Unterstützung, um ihre oder seine Potenziale unabhängig von den gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen entfalten zu können? Lehrkräfte sollen mit professionellem Wissen über die Geschlechtersozialisation ausgestattet sein. Deshalb ist die geschlechtersensible Bildung Bestandteil der Lehrkräfteausbildung und der Fortbildung für Lehrkräfte. Und auch von den Leitungskräften, die maßgeblich für die Entwicklung von Schule sind, verlangen wir Genderkompetenz.

Pädagogisches Prinzip in Nordrhein-Westfalen ist die „reflexive Koedukation“, also die gemeinsame Unterrichtung von Jungen und Mädchen. Allerdings profitieren Mädchen und Jungen in unterschiedlicher Weise davon. Das Schulgesetz hat, wie eingangs genannt, als wesentliche Leitidee die Verbesserung der individuellen Förderung. Hierzu gehört auch, tendenziell unterschiedliche Lernausgangslagen und Neigungen von Mädchen und Jungen einzubeziehen mit dem Ziel, ungeachtet der bestehenden geschlechterbezogenen Rollenerwartungen ihrer jeweils eigenen Begabungen und Interessen individuell angemessen zu fördern.

Familienarbeit als Stolperstein für Frauen und Männer – auf unterschiedliche Weise

Ich freue mich sehr darüber, dass Mädchen und Jungen inzwischen gleichermaßen zu guten Schulabschlüssen kommen. Die Gesamtschau zeigt aber, dass Mädchen ihren „Schulvorteil“, d.h. mit gleich guten Abschlüssen ausgestattet zu sein wie die Jungen, oft nicht in die Arbeitswelt mitnehmen. Dort schränken Zuschreibungen als Frau oder Mann zum Teil erheblich ein. Und weil in den „Frauenberufen“ in der Regel immer noch weniger verdient wird, ist die Entscheidung darüber, wer sich später beruflich einschränkt und die Kinder betreut, leider oft zwangsläufig.

Dass sich Familienarbeit auf die zwei Geschlechter aufgeteilt hat, war keine zwingende Voraussetzung, sondern einfach eine aus biologischen Zusammenhängen gebastelte Zuschreibung über Jahrhunderte und Jahrzehnte hinweg: Die Frau bringt die Kinder zur Welt, also bleibt sie auch bei ihnen. Hier entstehen durch gesellschaftliche Zuschreibungen aus biologischen Unterschieden Einschränkungen für die Geschlechter, und zwar für beide! Für die Frau in der Arbeitswelt und für den Mann in Bezug auf die Familie. Denn natürlich sind auch viele Männer durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen dazu gezwungen, sich vor allem ihrem Beruf und weniger ihrer Familie zu widmen.

Das darf aus Gerechtigkeitsgründen nicht passieren, es darf aber auch beispielsweise aus wirtschaftlichen Gründen nicht passieren. Unser Land kann es sich mit Blick auf den demografischen Wandel schlicht nicht mehr leisten, auf einen Großteil seiner gut ausgebildeten Fachkräfte, zu denen immer mehr Frauen gehören zu verzichten.

Damit will ich nicht gegen Wahlfreiheit zwischen Familie und Beruf sprechen, sondern für eine Wahlfreiheit - die aber auch eine echte Wahlfreiheit sein muss.

Schule als Ort, wo Wahrnehmungsroutinen bewusst gemacht werden

Als Schulministerin sehe ich es auch als meine Aufgabe dafür zu sensibilisieren, dass die Wahrnehmungsroutinen gegenüber Mädchen und Jungen, Männern und Frauen, in denen die Schule natürlich nur ein Element unter anderen ist, bewusst werden, damit niemand eingeschränkt und in ihren oder seinen Möglichkeiten beschnitten wird. Was wir verstehen, können wir auch besser beeinflussen. Dabei geht es nicht darum, bestimmte Lebensentwürfe vorzuschreiben, sondern darum, dass selbstbestimmte Entscheidungen getroffen werden können, bzw. welche Folgen bestimmte Entscheidungen haben.

Daran, wie es zukünftig weitergeht, arbeitet jede und jeder von uns mit - auch Sie und Ihr! Sorgen wir alle dafür, dass junge Männer und Frauen in der Zukunft – so wie es das Grundgesetz vorsieht – gleichberechtigt durchs Leben gehen können.

Quelle des Beitragsbilds

http://www.schulministerium.nrw.de/docs/bp/Ministerium/Ministerin/Fotos/2015/2015_06_15_Beratungsstelle/index.html Zugriff am 21. Juli 2015 um 15:07 Uhr

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