Ein Held aus Fleisch und Blut

Die Phantasie des Menschen erlaubt manch phantastische Erlebnisse, diese sind umso prägender, wenn der Held aus den eigenen Reihen stammt, einer aus Fleisch und Blut ist und nicht aus irgendeinem Comic oder Film.

Meinen ersten Helden traf ich an einem heissen Sommertag. Er saß vor einem alten Steinhaus und flochte einen Korb. Mit seinem weißen Bart und seinen wuscheligen Brauen sah er zwar Heidi’s Großvater dem grimmigen Almöhi zum Verwechseln ähnlich, dennoch traute ich mich nicht ihn direkt anzusprechen. Er war versunken in seine Arbeit und voller Konzentration. Es hatte schon gewisse asketische Züge, so wie er auf seinem selbstgebauten Hocker saß, in der Idylle dieses scheinbar verlassenen Dorfes, sein gesamtes Dasein den Weidenstängen gewidmet, die sich mühsam in die Form eines Korbes biegen ließen. Mein Vater grüßte und umarmte ihn. Lange Zeit war vergangen seit dem letzten Treffen mit seinem Großvater. Er warf einen flüchtigen Blick zu mir. Ich tat so als wäre ich nicht da in dem sich meine Blicke von  ihm flüchteten. „Ist das deine Kleine?“ fragte der alte Mann und mein Vater stellte uns vor.

Er war seltsam und doch interessant zugleich. Er war für mich wie ein Fossil oder eine Statue, die im Museum stehen sollte. Etwas ziemlich Altes und Zerbrechliches, was man heute nicht mehr so braucht. Dennoch war etwas merkwürdiges an diesem Alten. Heute weiß ich, dass es wohl das Band der Verwandtschaft und die Sehnsucht nach Wissen und Erfahrung war, was unsere tiefe Sympathie für einander gebündelt hatte.

Immer bodenständig und dankbar: vom Aussterben bedrohte Tugenden

Als Kind einer Zeit, in der sich alles und jeder vom schnellen Konsum verzaubern lässt, passte der alte Herr einfach nicht in meine bisher gewohnten Erkenntnisse und Strukturen. Seine Langsamkeit und Einfachheit hatte etwas faszinierendes an sich. Ich konnte ihm stundenlang zuschauen und zuhören. Er war nicht sehr redselig, so musste ich mir bei jedem Treffen neue Themen und Fragen überlegen um an neue und interessante Geschichten und Erlebnisse von ihm zu gelangen. Es war wirklich fast so, als sei er aus einem Märchenbuch entsprungen. Ein Held aus Fleisch und Blut. Und ich war auch noch verwandt mit ihm.

Sehr jung hatte er das Haus seines Vaters verlassen. Er hatte nur einen Sack voll Mehl und seine Kleidung am Leib. Das war sein ganzes Hab und Gut. Hungersnöte und Krieg hatte er überlebt. Dem Tod in die Augen gesehen und von vielen geliebten Menschen sehr früh Abschied genommen. Dennoch hätte man, wenn er von seinem Erfolg im Leben erzählte, denken können, er sei Millionär, so dankbar und bodenständig war seine Wortwahl. Ich genoss jedes Gespräch mit ihm, denn er stellte für mich eine Brücke zwischen gestern und heute dar.

Umso trauriger finde ich es, dass viele Kinder und Jugendliche heute ohne diese „Brücken zwischen den Zeiten“ leben. Sie sind fixiert und gefesselt an ihr heute und morgen. Sie sind leider nie in den Genuss lebender Geschichte gekommen und hatten keinen Helden aus Fleisch und Blut vor sich stehen. Eben vielleicht aus diesem Grund fehlt ihnen oft die Begabung zu Träumen, an Wunder zu glauben und die Fähigkeit auf einen anderen Aufzuschauen.

Mein Urgroßvater starb mit knapp 100 Jahren. Die letzten Momente verbrachte er etwa nicht in einem Pflegeheim, sondern bei völligem Bewusstsein in seinem eigenen Haus mit Menschen um sich herum, die über drei Generationen mit ihm verwandt waren. Die letzten Worte, die über seine Lippen gingen waren Gebete, die seinen Dank für dieses Leben wiedergaben.

Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich einen alten weißen Mann, der einen Korb flechtet. Ich lächle ihn an und setze mich zu ihm. Die Sonne strahlt, der Wind weht durch die Blätter der Bäume. Wir reden nicht aber unsere Herzen schlagen im selben Rhythmus.

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