Ich liebe meine Heimat

Vor 24 Jahren kam ich in einem Krankenhaus in Nordrhein-Westfalen auf die Welt. Ich wurde umsorgt von einer Hebamme, vielen Schwestern und netten Ärzten. Ein Polaroid-Foto zeigt, wie mein glücklicher Papa sein erstes Neugeborenes wäscht. Bevor ich zum Kindergarten ging, waren zwei kleine Jungs meine besten Freunde. Wenn sie lieb waren, bekam sie von ihrer Mutter je einen Bifi. Schon mit 5 Jahren lernte ich mit der Fernbedienung umzugehen. Von nun an schaute ich jeden Morgen ungestört Fernsehen, alle Zeichentrickfilme – eben die, die morgens auf deutschen Fernsehsendern liefen.

Mein Lieblingszeichentrickfilm war „Das letzte Einhorn“. Dieser Zeichentrickfilm lief allerdings nur an Feiertagen wie Weihnachten. Im Kindergarten wurde Anne (Name geändert) zu meiner besten Freundin. In der Grundschule war ich leider immer nur die Zweitbeste in der Klasse. Ich habe die Klassenbeste immer bewundert. Schon damals habe ich mich in den Pausen in die Leseecke zurückgezogen und lieber kurze Geschichten gelesen als laut herumzutollen. Anne Steinwart war meine Lieblingskinderbuchautorin. Am liebsten mochte ich das jährliche Wichteln vor den Winterferien. Es gefiel mir immer wieder zu sehen wie sich jemand freute, wenn er die Verpackung des Geschenks öffnete das ich ihm machte. Es folgten der Besuch der Sekundarstufe I und der Sekundarstufe II. Tja und jetzt bin ich Studentin.

Das ist meine kleine bescheidene Lebensgeschichte. Warum ich sie erzähle?

Eben, weil es eine 0815-Biographie ist und damit trotzdem manche Leute verwundern kann. Die mediale Darstellung des durchschnittlichen Muslimen ist nämlich eine ganz andere. Solch eine islamfeindliche Berichterstattung, die Gewalttaten von Terroristen auf die Anhänger einer gesamten Religion verallgemeinert, ist der Wegbereiter der Pegida. Diese einseitige Berichterstattung hat einen hohen Preis. Das zeigt das Ergebnis der aktuellen Trusted Brands Studie: Nur 26% der Deutschen vertrauen noch Journalisten. Dabei fürchten sich Muslime, genauso wie alle anderen Menschen, auch vor Terror und Gewalt. So sehr sich jene Terroristen als Muslime ausgeben mögen, die Muslime distanzieren sich von ihnen. Und zwar in der Mikroebene genauso, also in zwischenmenschlichen Beziehungen, wie auch in der Makroebene, eben durch Verbände und Organisationen. Im unten stehenden Video veranschaulicht Hagen Rether an expliziten Beispielen was ich mit einer Berichterstattung meine, die als Wegbereiter Pegidas verstanden werden kann:

Was Hagen Rether vor 7 Jahren gesagt hat ist immer noch erstaunlich aktuell.

Der durchschnittliche Muslime, die durchschnittliche Muslimin in Deutschland wird in den Medien dargestellt als jemand,

  1. der/die die deutsche Sprache nicht beherrscht und auch gar nicht lernen möchte,
  2. der seine Tochter zur Ehe mit einem Mann zwingt, den sie weder kennt noch mag
  3. der seine Tochter dazu zwingt ein Kopftuch zu tragen (obwohl so viele Mädchen und junge Frauen mit einem Schleier versichern, es aus eigenem und freiem Willen zu tragen)
  4. der gewalttätige Söhne hat, die das Mädchen des Hauses vor jedem Kontakt mit der Außenwelt abschirmen
  5. der seine Frau prügelt, hintergeht und verbal erniedrigt
  6. der ein verdeckter Terrorist ist, also grundsätzlich radikales Gedankengut mit sich trägt.

Ich habe während des Abitur sogar einen Jungen im Bio-Grundkurs kennen gelernt, der es kaum glauben konnte, dass ich keinen Bruder habe. Geht’s noch?! Egal welcher Herkunft jemand ist, alle Menschen haben 46 Chromosomen. Auch Muslime, woraus man schließen kann, dass nicht alle muslimische Familien einen Sohn haben müssen. Vor allem keinen gewalttätigen, zumal der Islam die Gewalt verbietet, also bitte.

Nicht nur für mich, auch für meine Freunde und für alle Menschen die ich sonst kenne, war es immer schon wichtig die deutsche Sprache zu beherrschen.

Wir sind auch Kinder dieses Landes. Menschen die den Duft nach dem Regen lieben. Menschen die ihre Heimat lieben. Menschen, die eine Ausbildung oder ein Studium absolviert haben. Menschen die selbst und deren Eltern seit Jahren in das Sozialversicherungssystem miteinzahlen.

Insofern wärmt Pegida nur Themen von gestern wieder auf. Mit Argumenten von vorgestern. Und dem Denken aus dem letzten Jahrhundert. Naja, vielleicht sind die gar nicht so dumm wie gedacht. Peter Tauber, Generalsekretär des CDU, analysiert in seinem Blog mit welchen Mitteln Pegida verzerrt und dabei Nazivokabular benutzt. Doch wovon sich Pegida vor allem nährt ist Unwissen. Unwissen über das stigmatisierte Andere, den Islam.

Schon Ulrich Beck war der Auffassung, dass wir in einer Gesellschaft leben, die unserem Denken weit voraus ist. Ja, unsere Lebenswirklichkeit ist unserem Denken voraus. Wir leben moderner als wir denken. Deutschland ist nicht mehr nur ein Einwanderungsland. Deutschland ist ein Teil der Weltgesellschaft. Und die Welt besteht aus verschiedenen Nationen. Dass sich Menschen unterschiedlicher Nationalitäten treffen ist natürlich für diese globale Gesellschaft. Es waren deutsche Politiker, die mit den anderen EU-Ländern für die Aufhebung der Grenzen gestimmt haben. Es wandern nicht nur Menschen anderer Nationalitäten in Deutschland ein. In andere Länder wandern Deutsche ein. Zum Beispiel in Spanien, in Mallorca, in die Türkei oder in Kanada. Pegida kann man als das Symptom einer Ratlosigkeit deuten. Der Ratlosigkeit, die entsteht, wenn man einer fremden Kultur begegnet.

Und so bleibt mir zu sagen: Ich liebe meine Heimat. Ich liebe mein Deutschland.

 

Quelle des Beitragsbilds:

http://lafeo.de/shopping/homestyles/salonloewe-fussmatte-sld0086-050×075-heimat-50×75-cm::1023.html

 

Quellen:

http://blog.petertauber.de/?p=2330

Comments

  1. Danke für diesen tollen Beitrag, Serife!

    Ich habe mich vor 25 Jahren intensiv mit dem Thema Heimat im Studium beschäftigt – und seltsam, nichts ist selbstverständlicher und wenig ist leichter geworden.

    Meist wird das Fremde oder fremd Wirkende viel stärker wahrgenommen als das Gemeinsame – weil es spektakulärer, aufregender ist. Doch diese Sichtweise trennt anstatt zu einen.

    Und Du hast Recht: Unsere Lebenswirklichkeit ist unserem Denken voraus. Zum Beispiel wird die Realität der Flüchtlinge, die übers Mittelmeer kommen, nicht wirklich angenommen. Obwohl sie da sind, immer neue, Tausende. Trotz hoher Verluste, trotz vieler Toter kommen sie weiter, setzen sich in übervolle Boote und hoffen auf eine Chance, sich wieder Heimat zu schaffen.

    Wir sollten nicht die Achseln zucken, sondern die Arme heben.

    Margit Schlesinger-Stoll

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