Liebe Leserinnen und Leser, liebe Denkerinnen,

als ich im Mai 2012 als erste türkeistämmige CDU-Abgeordnete in den nordrhein-westfälischen Landtag zog, war die Freude groß. Groß bei Freunden, meiner Partei, meinen Unterstützern, natürlich bei mir selbst und meiner Familie. Aber am allergrößten war sie bei meinen Eltern. Also bei denjenigen, die sich als Gastarbeiter mit harter mühsamer Arbeit ein Leben in Deutschland aufgebaut haben und alles dafür taten, dass ihre Kinder eine gute und solide Ausbildung bekommen können. Sie legten großen Wert darauf, dass ich der deutsche Sprache mächtig wurde und damit die Chancen in Deutschland, vor allem die beruflichen Zukunftschancen ergreifen konnte. Doch bei all den Wünschen, die sie für mich hatten – „Unsere Tochter soll Ärztin werden. Oder Anwältin.“ – hätten sie sich eins am allerwenigsten erträumen können: Das Kind einfacher Arbeiter aus der Türkei als Volksvertreterin im Düsseldorfer Parlament. Doch damit nicht genug: Ihre Tochter ist heute für viele ein Vorbild gelungener Integration. Zu Recht?

Deutschland – offensichtlich ein Integrationsland

Das Thema Integration ist in aller Munde. Und es gibt wohl kaum ein anderes Thema, das nicht größere Emotionen und teils auch Meinungsunterschiede hervorbringt. Eigentlich ist dies nicht verwunderlich, schließlich ist die Geschichte seit jeher von Zuwanderung geprägt und keineswegs ein neues Phänomen. Auch nicht für Deutschland. Wenn wir uns das Thema Integration ein wenig genauer betrachten und überlegen, wen wir meinen, dann sind es nicht mehr die polnischen Zugewanderten, die ins Ruhrgebiet kamen und unter Tage ihr Auskommen zu sichern. Es sind vor allem die Gruppen der Türken, Araber und Menschen aus Russland oder den ehemaligen Sowjetrepubliken. Auch die Armutszuwanderung aus Rumänien und Bulgarien, besonders die Lage der Roma wird aktuell diskutiert. Aber es soll in diesem Blog-Beitrag nicht um eine Definition der Gruppen gehen, sondern um die Frage: Integration – was ist das?

Bedeutung von Sprache und Arbeit

Über die Fragestellung, was denn nun Integration genau sei, gibt es viele Abhandlungen, wissenschaftliche, politische und persönliche. Ich möchte hier meinen Standpunkt darlegen und gleich mit der Tür ins Haus fallen: Ich verstehe unter Integration vor allem zweierlei: Sprache und Arbeit. Das mag auf den ersten Blick ein wenig zu kurz gegriffen sein. Vielleicht wird der ein oder andere bei dieser Darlegung einiges, was sie oder er sofort mit der Thematik assoziiert, vermissen. Ich halte es für nicht richtig, die Integration mit Illusionen zu überfrachten und ein Integrationsverständnis zu kreieren, dem kaum jemand standhalten kann. Damit tun wir weder den Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, noch der Integrationspolitik einen Gefallen. Wir dürfen und sollten keine unterschiedlichen Maßstäbe anlegen.

Akademiker vs. Arbeiter?

Ganz konkret etwa beim Beispiel Bildung. Braucht es einen Hochschulabschluss um integriert zu sein? Ich meine nein. Der Besitzer des Döner-Imbiss um die Ecke ohne Schulabschluss, der erfolgreich seinen Laden führt oder der Kioskbetreiber mit mindestens 12 Stunden Arbeitsschicht, die beide der deutschen Sprache mächtig sind – sind sie weniger integriert, als die Gesichter in den Hochglanz-Integrationsbroschüren mit v.a. Akademikerberufen? Natürlich nicht!

Deshalb: Sprache und Arbeit sind die beiden ausschlaggebenden Werkzeuge, um an dieser Gesellschaft teilzuhaben. Es ist nicht das Bildungsniveau, das Rückschlüsse auf den Integrationserfolg gibt.

Partizipation

Ein anderes Beispiel ist das der politischen Partizipation, etwa der Beteiligung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bei Wahlen. Die Formel: wer wählen geht ist angekommen und integriert in Deutschland, halte ich für zu kurz gegriffen. Bei den letzten Landtagswahlen in NRW 2012 gingen rund 40% der Wahlberechtigten nicht zur Wahl. Bedeutet das, dass alle Nicht-Wähler nicht integriert sind, nur weil sie sich gegen einen Wahlgang entschieden haben? Als Politikerin fordere ich jeden auf, seiner Bürgerpflicht nachzukommen und seine Stimme an der Wahlurne abzugeben. Denn unsere Gesellschaft lebt von der Partizipation. Auch setze ich mich für die Einbürgerung ein. Aber ich kann niemandem den Vorwurf machen, er sei schlecht integriert, wenn er sich aus persönlichen Gründen gegen eine Einbürgerung entscheidet – ich selbst habe mich erst mit 30 dazu entschlossen – oder von seinem Wahlrecht nicht Gebrauch machen will.

Zuwanderer: die schlechteren Bürger

Sprache und Arbeit – das sind Faktoren, auf die sich die Integrationspolitik vor allem konzentrieren muss. Das heißt nicht, dass wir alles andere wie bessere Bildungsabschlüsse, Eingliederungshilfen für Neuzugewanderte oder auch vor allem Felder in der Gesundheits- und Pflegepolitik ignorieren können, sondern nur: Lasst uns dieses Thema ideologiefreier angehen. Nicht selten habe ich den Eindruck, als ginge es vor allem darum, aus dem Zugewanderten einen besseren Bürger zu machen. Das kann nicht unser integrationspolitischer Ansatz sein. Wir müssen alle Anstrengungen darauf verwenden - durch Politik und Gesellschaft - Angebote vor allem für die frühe Sprachförderung bereitzustellen. Deshalb waren Schritte wie die Sprachstandsfeststellung bei Vierjährigen auch wichtige für die Integrationspolitik.

„Zerrüttete Familienverhältnisse“ vs. „Integrationsdefizite“

Aber wir müssen auch aufhören mit doppelten Maßstäben zu messen: Bei Kindern ohne Zuwanderungsgeschichte sind es die „zerrütteten Familienverhältnisse“, bei Kindern mit Zuwanderungsgeschichte die „Integrationsdefizite“. Es ist allen Akteuren mittlerweile mehr als bekannt, dass es vor allem die sozialen Missstände sind, die einer Teilhabe an der Gesellschaft im Wege stehen.

Meine Bitte und Forderung zugleich: Faire Maßstäbe anlegen und trotzdem Probleme benennen! Und ein bisschen mehr Fairness steht nicht nur Feldern wie dem Sport gut zu Gesicht, sondern auch der Integration in Deutschland! Packen wir es gemeinsam an, denn das Team gewinnt.

P.S. Zu der Frage im ersten Absatz: Es ehrt mich natürlich als Vorbild gesehen zu werden. Fakt ist aber, ich bin kein bisschen besser integriert als die 18jährige Auszubildende bei Aldi, die jeden Tag ihrer Arbeit nachgeht.

Mit herzlichem Gruß

Ihre

Serap Güler

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Mehr über Landtagsabgeordnete Serap Güler (CDU) auf ihrer Website

http://www.serap-gueler.de/

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