Irren ist menschlich!

Während des achten und dreizeihten Jahrhunderts erlebte die Medizin im Osmanischen Reich ihren Höhepunkt. Zu dieser Zeit wurden „külliye“ gebaut, Gebilde, indem um eine Moschee verschiedene Anlagen wie Krankenhäuser, Hamame, Vorratsräume, Medizinschulen und Küchen gebaut wurden. Einer der ersten Külliye ist die Sultan II. Bayezıd Külliyesi in Edirne.

Das, in der Külliye sich befindende Krankenhaus (darüssifa), wurde 1488 gebaut und diente 400 Jahre lang bis zu dem Russisch-Osmanischen Krieg im Jahre 1877/78. Zunächst wurde das Krankenhaus für jegliche Krankheiten genutzt, später jedoch therapierte man überwiegend nur psychologische, seelische und geistige Störungen. Statt sie anzuketten und verwahrlosen zu lassen, versuchte man die Patienten mit Wassergeräuschen, Musik und schönen Düften zu therapieren.

Die Musiktherapie spielte eine sehr zentrale Rolle. Dabei hatte jede Krankheit ein anderes Maqam, also einen anderen Modus des Musikstückes. Es wurden zum Beispiel Melancholie- Kranke mit Kastenleiern wie Kithara und Lyra und aufmunternden Gesang therapiert.

Die Maqame und ihre psychologischen Auswirkungen:

  1. „rast“ Maqam:               Fröhlichkeit, Heiterkeit
  2. „rehav“ Maqam“:          Gibt dem Menschen die Idee von der Unendlichkeit
  3. „kuçek“ Maqam“:          Traurigkeit, Schwermut
  4. „büzürk“ Maqam“:        Angst
  5. „isfahan“ Maqam:         Selbstvertrauen, Motivation
  6. „neva“ Maqam:              Erleichterung
  7. „uşşak“ Maqam:            Bringt zum Lachen
  8. „zirgüle“ Maqamı:         Dient zum Einschlafen.
  9. „saba“ Maqam:              Mut, Tapferkeit, Tollkühnheit
  10. „buselik“ Maqam:         Kraft.
  11. „hüseyni“ Maqamı:       Gelassenheit.
  12. „hicaz“ Maqamı:            Bescheidenheit.

Auch auf die Ernährung der Patienten wurde geachtet. In den Külliyes gab es dafür eine spezielle Küche, die für die Patienten kochte. Es gab oftmals nur kalorienarme und gesunde Kost, da man glaubte, dass die Nahrung, die man zu sich nimmt, sich ebenfalls auf die Seele und Krankheit auswirkt.

Des Weiteren ist das Krankenhaus wie folgt aufgebaut:

Im ersten Hof gibt es eine Poliklinik,einen Vorratsraum, eine spezielle Diätküche, die Zimmer der Wärter, ein Aufteilungszimmer (hier werden die Patienten ihren Zimmern zugewiesen), die Medizinerküche (dient zur Herstellung der Sirups, die als Medikament benutzt werden)

Im zweiten Hof befinden sich vier Zimmer und zwei halboffene Zimmer. Zwei der Zimmer wurden für die Aufbewahrung der Medikamente, die Restlichen für das Personal freigestellt.

Das sogenannte „Şifahane“ (şifa=Heilung; Hane=Haus) war der Bereich, wo sich die Betten der Patienten befanden. Hier waren die Zimmer, die zu sechst bewohnbar waren, und die „Sofa“s, also halboffene Zimmer, untergebracht. Vier der halboffenen Gästezimmer waren für den Sommer gedacht und das fünfte halboffene Zimmer war für die Musikbühne (dreimal die Woche wurden Konzerte gegeben). Das Ganze war umschlossen von einer Kuppel und in der Mitte befand sich ein Springbrunnen. Der Springbrunnen sollte zur Beruhigung und zur angenehmen Hintergrundmusik dienen. Da die Zimmer alle gut sichtbar und um einen Mittelpunkt herum gebaut wurden, war es auch mit wenig Personal möglich, in Notsituationen einzugreifen und zur Stelle zu sein.

trakya-bayezid-külliye-ic-gorunum
Sifahane
muzikorosu
Musiker, die in der Sifahane dreimal die Woche auftraten.
hasta
Patientenzimmer.
Patienten, welche sich mit Handarbeiten beschäftigen.
Patienten, welche sich mit Handarbeiten beschäftigen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einer der Patienten, der unter chronischen Psychosen leidet.
Einer der Patienten, der unter chronischen Psychosen leidet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommen wir nun zu Europa.

Die ersten Spezialanstalten der Weltgeschichte wurden im 12. Jahrhundert in Damaskus, Kairo und Granada gebaut. Laut der Berichte wurden die Patienten gut gepflegt und human behandelt. Es gibt auch andere Beispiele, wie das Frankfurter „Stocke“, die Lübecker Dorenkiste oder das Bethlehem Hospital in London. Hierbei möchte ich anmerken, dass die Anstalt 1377 gegründet wurde und erstmals im Jahr 1700 die Geisteskranken als Patienten bezeichnet wurden. Einigen Meinungen nach wurden die Irrenhäuser auch nur gegründet, um die psychisch kranken Menschen aus dem Stadtbild zu entfernen und somit die städtische Ordnung und „Sicherheit“ aufrecht zu erhalten. In diesen Irrenhäusern wurden aber nur den körperlich kranken Menschen geholfen, denn man wusste immer noch nicht wie man mit den psychisch Kranken umgehen sollte. Die „Harmlosen“ wurden in solchen Häusern aufgenommen, während die schwer Kranken, aggressiven und unruhigen Patienten außerhalb der Stadt in Holzkästen eingesperrt wurden. Diese lebten dann auch in unwürdigen Verhältnissen, falls man das in dieser Situation noch als leben bezeichnen kann. Diejenigen die untypische Bewegungen und Handlungen aufwiesen, wurden ebenfalls angekettet und in der Stadtmitte zur Schau ausgestellt- man empfand das als komisch.

Die Zustände im Mittelalter sind uns allen aus unseren Geschichtsbüchern bekannt. Menschen, die psychologische Störungen aufwiesen, seien vom Teufel oder einem bösen Geist besessen. Damals hatte die Bevölkerung keine anderen Erklärungen für solche Krankheitsbilder, wie sie ein Epileptiker oder Schizophrener aufweist. Also versuchte man die Seele zu retten, kettete den angeblich Besessenen tagelang an und versuchte mit Bibelversen den Teufel zu vertreiben. Oftmals starben sie an Unterernährung und Wassermangel.

Im Hochmittelalter wurden die Geisteskranken auch von der Inquisition verfolgt, da vor allem die katholische Kirche glaubte, diese Menschen können Gehilfe Satans sein und durch sie könne der Satan Böses anrichten. Die Verbreitung dieses Gedankenguts führte letztendlich dazu, dass die Menschen in einer gewissen Selbstjustiz die Menschen verbrannten, die scheinbar solch eine Hexe oder ein Zauberer zu sein schienen. Man muss sich das mal vorstellen! Eine Familie sitzt am Tisch und plötzlich wird ein Angehöriger als Ketzer bezeichnet, aus dem Haus gerissen und in der Öffentlichkeit verbrannt. Oftmals wurden sie auch vorher grausam gequält und zu einem Geständnis gezwungen. Eine weitere Methode für die Austreibung des Teufels oder des bösen Geistes war ein Loch in die Schädeldecke zu bohren. Man musste also die Schädeldecke öffnen in einer Zeit, wo es a. keine Narkose und b. keine ausreichende Hygiene gab. Die Schmerzen und die Angst eines Betroffenen sind unvorstellbar.

Die Zeiten haben sich geändert. Mittlerweile sind die besten Psychiatrien und Krankenhäuser in Europa und Amerika. Menschen, die psychisch krank sind werden nicht mehr verfolgt und umgebracht (Gott sei Dank!). Aber was vom Osmanischen Reich und seinem ruhmvollen Tagen zurückgeblieben ist, sind (leider!) nur die Museen und die Geschichtsbucheinträge.

Hoffen wir, dass wir nie wieder so eine dunkle Zeit wie die im Mittelalter in Europa erleben.

Möge die Vernunft, die Liebe und die Gutmütigkeit gewinnen!

 

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