Oft wird der islamischen Welt vorgeworfen, sie hätte die Aufklärung verpasst. Sie sei nicht modern und Muslime hätten es nicht geschafft, den "Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit" zu finden. Wenn man Kants Aufsatz über die Aufklärung liest, merkt man ja auch, dass Aufklärung eng mit dem Begriff der Moderne verbunden ist. Und dass er in erster Linie „sapere aude“ ist. Also den Mut zu haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Haben das Muslime einfach mal nur verpasst, sich des eigenen Verstandes zu bedienen?

Mit der Aufklärung erst kam das Denken?

Mit dem Zeitalter der Aufklärung kam im Westen der Humanismus, die Emanzipation, die Vernunftsphilosophie, die Religionskritik, der aufkommende Marxismus. Und auch das Denken überhaupt. So wird das jedenfalls fast schon vermittelt. Aber eigentlich ist dem nicht so. Philosophen oder Philosophien gab es vorher schon. Und das auch schon in der arabo-islamischen Welt. Letztendlich heißt „Philosophieren“ ja auch laut dem Duden „sich mit philosophischen Problemen beschäftigen; über ein Problem nachdenken, über etwas grübeln und darüber reden“.

Immanuel Kant

Immanuel Kant

Nicht mehr "Was ist?", sondern "Was können wir wissen?"

Was sich jedoch im Denken seit „der“ Aufklärung geändert habe, sei nicht mehr die Frage danach, was existiere, sondern, was wir überhaupt wissen können - die Erkenntnis des Begrenzten ist nun neu. Wobei Platon ja auch schon Sokrates diese Erkenntnis in den Mund legt. Sokrates soll ja auch schon gesagt haben: Ich weiß, dass ich  nichts weiß.“ Ich denke, das Wichtige an der Moderne war die Kritik der Moderne, das Kritische Hinterfragen der Moderne und ! die Reflexion – von welchen man ausgeht, dass diese vorher nicht so im Fokus lagen. Und von denen man ausgeht, dass sie in der arabo-islamischen Welt nicht im Fokus liegen.

Reflexion im Islam

Doch dadurch, dass in islamischen Quellen zahlreich die Aufforderung kommt,

dass man nachdenken solle, das Gelesene nicht nur aufgenommen, sondern verstanden und dann zum Leben erweckt werden solle, in dem das Gelesene umgesetzt wird (tasavvur), man also lebende Bücher, Lexika und dann letztendlich Schöpfung sein solle, kann ich dem nicht zustimmen. Dem Lesen, der Bildung und der Reflexion wird ein hoher Stellenwert zugemessen.

Interessant finde ich genauso das Bestreben mancher Menschen aus dem arabo-islamischen Raum, die zwanghaft versuchen, in der arabo-islamischen Philosophie das Zeitalter der Aufklärung zu finden. Jedoch funktioniert das nicht, da sich das Denken und die Philosophien seit der Entstehung des Islam geprägt von diesem in ihrem Rahmen bleiben. Das heißt aber nicht, dass sie die Aufklärung verpasst hat. Das heißt lediglich, dass sie eine Aufklärung, wie sie es im christlichen Europa notwendig war, nicht benötigte.

Lichtmetaphorik Aufklärung und Islam

Sie benötigte keine Sonne, die nun aufgehen sollte, um die Menschen zu erleuchten. Denn laut verschiedener Islamdenker, sei der Islam selber wie die Sonne. Durch nichts lasse sie sich löschen. Er sei wie der Tag, an welchem man sich durch das Verschließen der Augen selber die Nacht erschaffe. Es wird im Islam auch immer wieder auf die Logik und die Potentiale des Verstandes hingewiesen und dass wenn man diese nutzt und diese Welt, welche als Erfahrungswelt beschrieben wird, aus der Perspektive des Korans studiert, sich Horizonte erweitern können. Allgemein ist die Lichtmetaphorik, die in der Aufklärung vorkommt, auch in der arabo-islamischen Welt existent und gängig - wobei Metaphoriken mit dem Licht auch keine Erfindung des Islams sind. Schon Platon verwendet dies in seinem Höhlengleichnis.

Aufgeklärt - von Anfang an

Es gab also in der arabo-islamischen Welt keine Veränderungen des Glaubens, was die Menschen mundtot und gedankentot machte. Es gab auch keine Islamisierung im Sinne der Christianisierung, dass jeder konvertieren musste, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob das denn nun die Religion war, für die man sich wirklich bewusst entschied. Ganz im Gegenteil. Es gab seit der Entstehung ein Nebeneinander von Religionen in islamisch regierten Gebieten – egal ob zu Zeiten des Propheten oder der Kalifen oder der Umayyaden. Besonders deutlich wird das in der Zeit der andalusischen Umayyaden, die in Spanien einen herzlichst offenen, gebildeten und toleranten Eindruck hinterließen. Solange der Islam nicht (!) unbedingt politisiert wird und man nicht versucht, ihn aus eigenen Machtinteressen heraus zu instrumentalisieren, ist er jedem willkommen und ihm ist jeder willkommen. Egal ob man Christ, Muslim, Jude, Kommunist, Atheist, Idealist, Schamanist, -ist, -ist, -ist ist.

 

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