11.30. Deutschland. Während ich im Wartezimmer meiner Hausärztin darauf warte aufgerufen zu werden, fallen in Frankreich Schüsse. Tödliche Schüsse. Die Zeitschrift in der Praxis ist auch nicht mehr die Aktuellste, denke ich mir noch und lese mir durch, wie Angelina Jolie es mal wieder geschafft hat alle Herzen zu erobern. In Paris, in der Redaktion der Satire Zeitschrift Charlie Hebdo und auf offener Straße, sterben  12 Menschen, darunter auch zwei Polizisten. Einer von ihnen war, wie später bekannt wurde, Muslim. 12 Leben, die einfach ausgelöscht worden sind, während ich gemütlich dasitze und darüber nach denke,was ich wohl im Laufe des Tages noch so zu erledigen habe. Als ich die Praxis verlasse ist es 12.30 Uhr. Ich steige in meinen Wagen und fahre nach Hause. Währenddessen, sind die Eilmeldungen überall auf der Welt schon eingetroffen. Als ich  daheim dann endlich meinen Twitter-Account öffne und die ersten Eilmeldung lese, fahre ich erschrocken zusammen und denke mir: "Der Muslim war's!"

Flashback: 11. Klasse an einem deutschen Gymnasium. Geschichtsunterricht. Thema: Nationalsozialismus. Der Lehrer fragt in die Runde: "Fühlt ihr euch schuldig, für die Taten, die damals begangen wurden? Würdet ihr sagen, dass es richtig ist, die Generationen danach immer noch zu beschuldigen und die Verantwortung auf diese abzuwälzen?" Empörte Gegenstimmen melden sich. "Nein, warum denn?" sagt einer und die andere "Nur weil die Mist gebaut haben, werden wir bestimmt nicht die Verantwortung übernehmen." Ich? Ich bin das Migrantenkind, die Ausländerin, die mit dem Kopftuch. Der Lehrer nimmt mich noch nicht einmal wahr. Aber ich habe auch was zu sagen und bestätige die Aussagen meiner Mitschüler. Mag sein, dass ich keine "deutschen" Vorfahren habe, dennoch ist das mein Heimatland und die Geschichte betrifft mich ebenfalls. Warum sollten sich meine Mitschüler für eine Tat schuldig fühlen, die sie nicht begangen haben? Warum sollten sie sich von  einer Ideologie distanzieren, die sie nicht einmal teilen? Um sich zu distanzieren müsste man Nähe fühlen. Wenn man keine Nähe zu etwas aufbaut, kann man sich logischerweise auch nicht distanzieren.

Zurück zum Thema: Meine Kolleginnen und ich verurteilen die Anschläge in Paris zutiefst. Ohne wenn und aber. Wir trauern mit den Familien und denken an die Opfer. 12 Menschen sind gestorben, abertausende verletzt. Menschen, die im Namen einer Religion töten, wie es Breivik 2011 getan hat, haben die Religion nicht verstanden. "Wer einen Menschen tötet, der tötet die ganze Menschheit", "Du sollst nicht töten" , "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Religion bedeutet Frieden, Liebe und noch vieles mehr. Es wird Zeit, dass wir aufhören Menschen aufgrund ihrer Nationalität, Religion oder Hautfarben abzustempeln und gemeinsam gegen Extremismus, Rassismus und Gewalt vorzugehen. 

Die Meinungs-/Pressefreiheit sowie die Religionsfreiheit sind die wichtigsten Grundsteine einer Demokratie. Voltaire sagte einst: "Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, dass Sie Ihre Meinung frei äußern können." Ja, es gibt viele Meinungen, die wir nicht teilen, vieles auch wo wir uns vielleicht angegriffen fühlen, jedoch ist das kein, absolut kein Grund Menschen zu töten und das schon gar nicht im Namen einer Religion. Wer gibt dir denn bitteschön die Freiheit, jemandem das Leben zu nehmen?

Besonders möchte ich in diesem Beitrag jemanden erwähnen, der ebenfalls an diesem Tag verstorben ist: Ahmed Merabat. Polizist. Er wurde auf offener Straße buchstäblich hingerichtet, als er versuchte die Terroristen aufzuhalten, um keine weiteren Menschen zu gefährden. Merabat war Muslim. Wie kann es also sein, dass man seinem eigenen Glaubensbruder in den Kopf schießt? Spätestens hier sehen wir doch, dass diese Terroristen überhaupt nichts mit der Religion zutun haben, dass man wegen ihnen keine ganze Religion in den Dreck ziehen kann.

Übrigens empfand ich folgenden Tweet ebenfalls ziemlich gut:

Wie schon gesagt: Selbst, wenn es einem nicht passt, dass man sich über die eigene Werte lustig macht, sollte man dafür kämpfen, dass sein Gegenüber diese weiterhin artikulieren darf.

Zuletzt: Ich kann mich nicht von etwas distanzieren, zudem ich  nie Nähe empfunden habe. Und ich trage nicht die Verantwortung für die schlimmen Dinge, die jemand anderes getan hat. Es leben 1,5 Mrd. Muslime auf der Welt und ich bin nicht für deren Handlungen verantwortlich, so wie meine 'deutschen' Freunde nicht  für den Holocaust verantwortlich sind.
Aber ich bin sichtbare Muslimin. Seit 2 Tagen steige ich in die S-Bahn und befürchte von irgendwem blöd angemacht zu werden. In meinem Heimatland. In dem Land, wo ich aufgewachsen bin, auf wessen Straßen ich zum ersten mal Fahrrad gefahren bin,  hingefallen bin und mir die Knie aufgeschlagen hab. In dem Land, wo ich Freundschaften für die Ewigkeiten aufgebaut habe, die nicht an den Hindernissen der Diversität hängen geblieben sind. In dem Land, wo ich gerne bin, wo ich gerne bleiben möchte und wo ich bleiben werde!

Beitragsbild: https://twitter.com/vballochtoon/status/552908320508743680/photo/1

Share

Tags: , , , , , , , , ,