Kindheit im Dioarama- Durs Grünbein liest in der #Schirn

Durs Grünbein kann man sich ohne das Diorama nicht denken. Dioramen bewunderte er schon als 6-jähriger Bub in Dresden. Und zwar im Naturkunde Museum. Mit seinem Opa. Und vor lauter Vorfreude lief er schon los, obwohl der Opa, noch an der Museumskasse stehend, das Wechselgeld noch nachzählte. Dem Enkel kam das Diorama so wirklich vor. Natürlich würde er eines Tages Naturwissenschaftler werden, nach Afrika gehen und all die Tiere in ihrem natürlichen Habitat erleben. Das war für ihn selbstverständlich. Es kam anders.

In meiner Kindheit gab es eine Zeit, da drängte ich jeden zweiten Tag meinen Opa dazu ins Museum zu gehen. – Durs Grünbein

Durs Gründbein brach das Studium der Theaterwissenschaft ab und reiste durch Europa, Südostasien und die Vereinigten Staaten. Er ist als Dichter, Übersetzer, und Essayist tätig und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Georg-Büchner-Preis.

Im Diorama findet die Apotheose der tierhaften Allgegenwart nach Nietzsche statt. – Durs Grünbein

Im Nachhinein betrachtet, sieht er sehr wohl, wie verschieden das Diorama auf ihn und auf seinen Opa wirkte. Als er all die Dinge sah, den Pharao, das Mammut und den Schmetterling, von der andern Seite der Glasscheibe aus, meinte er, dass sie gleich anfangen würden sich zu bewegen. Ihm war so, als hätte er tatsächlich gesehen, wie die Flügel des Schmetterlings leise gebebt hätten, wie in Erinnerung an die alten Tage. Mit Sound versetzt wirkte es noch viel lebendiger. Sound spricht er mit „Z“ aus. Der Opa jedoch wusste, dass es sich um ausgestopfte Tiere handelte. Dioramen verraten auch viel über ihre Entstehungszeit, zum Beispiel das Wissen, dass man über die Tierwelt hatte oder eben nicht hatte und die Tierdarstellungen vermenschlichte.

Die Vision des Untergangs

Ihre Schönheit bezieht das Diorama durch die Vision des Untergangs. – Durs Grünbein

Das Diorama beflügelte seine Phantasie und seine Worte. Für ihn begann ein unablässiges Schreiben, mit dem er nie aufgehört hat. Er sieht es ganz realistisch, wenn er sagt, dass das Diorama bescheiden wirkt, neben den special effects der digitalen Medien. Doch auch digitale Medien sind vom Diorama beeinflusst. Genauso wie die goldenen Zeiten von Hollywood im Diorama stattfanden. Kafkas Verwandlung ist ein dioramischer Text. Und auch die DDR war ein Diorama.

Die Mauer war ein Zeitwall. Jeder westliche Beobachter hatte das Gefühl als würde man 50 Jahre zurück gehen. – Durs Grünbein

Bevor er den nächsten Abschnitt liest, teilt er eine weitere Anekdote. Für eine Fotosession stand Durs Grünbein auch mal auf der anderen Seite der Glasscheibe, im Diorama. Das war etwas ganz Besonderes.

Warum eigentlich? Warum haben sich so viele Künstler mit dem Diorama auseinander gesetzt? Das Diorama mag alt sein, doch der Effekt ist kein Alter. Es ist der Versuch etwas stillstehen zu lassen. Durs Grünbein veranschaulicht es durch eine persönliche Erfahrung. Er hat keinen Fernseher, aber einen Beamer. Damit projiziert er Filmklassiker auf die Leinwand. Das Schönste ist für ihn, das Anhalten des Films und dann studiert er regelrecht den Film, sagt er. Dann erinnert er sich an die Dioramen in Venedig, an die Verlebendigung der Tiere und an die Pestdioramen aus Florenz und Neapel. Er hat seine Dioramen immer wieder besucht und Gedichte zu den Tieren geschrieben, aber auch zu großstädtischen Situationen in denen sich Menschen nicht anders verhalten als die Bewohner eines Zoos. Wie sie zur Mittagszeit zur Fütterung in der nächsten Gaststätte laufen. Und sich manchmal aufführen wie im Affenhaus. Und jetzt liest er vor und wir hören zu und er überzieht und wir genießen und fragen uns: Was würde nicht alles fehlen, gäbe es das Diorama nicht.

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