„Lehrer haben vormittags Recht und nachmittags frei“, heißt eines der Vorurteile, die man gegenüber Lehrerinnen und Lehrern hat. Außerdem hört man oft, dass Menschen, die diesen „pädagogisch wertvollen“ Beruf ausüben, viel zu viel Geld verdienen, als sie Zeit investieren. Und die meisten Urlaubstage hätten Lehrerinnen und Lehrer auch. Dieser Text soll keineswegs jetzt darlegen, dass die Klischees wirklich nur Klischees sind (das haben nämlich Quarks & Co vom WDR bereits getan[1]). Dieser Text soll vielmehr eine besonders wichtige Aufgabe von diesen Lehrenden aufzeigen: und zwar des Diagnostizierens.

Wenn das Wort Diagnose fällt, wird dieser Aufgabenbereich nicht sofort mit dem Beruf des Lehrenden in Verbindung gesetzt. Es fällt einem eher der Beruf des Arztes ein. Jedoch vergibt der Lehrkörper ebenso tagtäglich Noten und bewertet über die Jahre hunderte von Schülerinnen und Schülern nach eigenem Ermessen, ohne wirkliche Kontrolle und ohne jegliches Qualitätsmanagement, total auf sich alleine gestellt. So soll dieser Text als Appell an all diejenigen Personen gelten, die sich schleunigst diagnostische Kompetenzen erwerben sollten, um bei der Nachprüfung der Urteilsbildung durch Evaluation auch bestanden werden kann und das Land nicht ohne Lehrkörper da steht. Denn ich kann mir gut vorstellen, dass man bald an Schulen – wie auch mittlerweile sonst in fast jedem Beruf - immer mehr evaluieren, analysieren, pulverisieren und Qualität managen wird.

Der Grund, weshalb ich vor allem auf diagnostische Kompetenzen eingehen möchte, ist die Subjektivität und damit die Fehleranfälligkeit im Bewerten. Genauso wie die Wahrnehmung ein Produkt einer Beobachtung ist und demnach fehleranfällig, ist das Urteilen genauso ein Produkt einer Beobachtung. Wenn man sich diagnostische Kompetenzen aneignen möchte, gehört es dazu, dass man sich beim Urteilen klar macht, welche Fehler beim Erstellen von Diagnosen gemacht werden können, bzw. beim Urteilen zu vermeiden sind.

Gründe für den Lehrerberuf

Der Lehrerberuf ist ein vielbesetzter Beruf. Lehrerinnen und Lehrer sind entweder wie Gärtner oder wie Bildhauer. Sie bestimmen u.a. die Zukunft des einzelnen Schülers. Es gibt verschiedene Motivationsgründe, aus denen Abiturienten das Lehramtsstudium wählen. 75% der Studierenden wollen Lehrer werden, weil sie mit Kindern und Jugendlichen umgehen wollen. Andere Motive sind die a) Familienverträglichkeit: Der Lehrerberuf lässt sich gut mit Familiengründung vereinbaren, b) Erleben von Sinn: weil es dem Leben einen Sinn gibt, c) Herstellendes Machen: um andere Menschen zu formen, um die Gesellschaft zu verändern oder eben d) weil man Freude an sozialen Kontakten hat. Aus spiritueller Sicht kann man den Lehrerberuf auch als Prophetenberuf sehen. Die Tätigkeit, die die Propheten „hauptberuflich“ ausgeübt haben, war auch das Lehren. Aus welcher Motivation man auch immer Lehrer wird, eins fragt man sich als Schüler immer: Sind Lehrerurteile, Notenvergabe und Mitarbeitsnoten wirklich objektiv? Welche Urteilstendenzen im Lehrerurteil gibt es? Was sind die Gründe für die Fehleranfälligkeit im Urteilen? Und welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit „gerechtes“ Urteilen vonstatten läuft, jedoch aus welchem Grund diese Kriterien nicht immer erfüllt werden oder erfüllt werden können. Welche Urteilsfehler sind zu vermeiden?

Urteilstendenzen im Lehrerurteil ´

Im Hinblick auf das Urteilen der Lehrer in der Schule gibt es unterschiedliche Urteilstendenzen im Lehrerurteil. Zum Einen gibt es die Tendenz zur Mitte. Dabei werden extreme Urteile vermieden. Es ergibt sich eine Tendenz, im mittleren Bereich zu Urteilen. Auf der anderen Seite gibt es die Tendenz zu extremen Urteilen. Das ist das Gegenteil zur zentralen Tendenz. Urteile in der Mitte der Notenskala oder innerhalb vorgegebener Antwortmöglichkeiten werden vermieden. Eine weitere Urteilstendenz ist der Milde-Effekt. Hier werden die Schüler durchweg günstiger beurteilt, als es von der Sache her angemessen wäre, bzw. günstiger, als sie von Vergleichspersonen (anderen Lehrkräften) beurteilt werden.[i]

Der Referenzfehler stellt eine weitere Tendenz dar. Anstelle der Orientierung an einem objektiven Kriterium (welche Lernziele wie gut erreicht wurden, welche Kompetenzen beherrscht werden) orientiert sich die Lehrkraft an einer anderen Bezugsnorm, etwa an der Leistungsposition innerhalb der Klasse. Dies erschwert die Vergleichbarkeit von Noten über Parallelklassen hinweg oder macht sie gar unmöglich.[ii]

Der Halo-Effekt, auch Hof-Effekt oder Heiligenschein-Effekt genannt, ist die fünfte Tendenz, die es gibt. Aufgrund nur weniger Hinweisreize (Aussehen, Kleidung, Dialekt, Sprachherkunft) wird in wertender Weise auf globale Merkmale der Schülerpersönlichkeit geschlossen.[iii]

Beim logischen Fehler ist es so, dass von der Ausprägung eines bestimmten Schülermerkmals (z.B. Aufgeregtheit in Leistungssituationen) auf ein anderes Schülermerkmal geschlossen wird, ohne dass dies empirisch gerechtfertigt wäre. Ein häufig vorkommendes Beispiel ist hier, dass SchülerInnen mit besonders guten mathematischen Kompetenzen schlechte sprachliche Kompetenzen zugeschrieben werden. [iv] Es gibt verschiedene Erklärungen, warum Urteilsfehler gemacht werden. Wie es dazu kommen kann, dass manche Lehrkörper meinen, „dumme Eltern haben dumme Kinder“, soll in Teil II von „Lehrerinnen und Lehrer bei der Urteilsbildung" berichtet werden.

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