LehrerInnen und Urteilsbildung – Teil II

Der Lehrerberuf – ein wie im Teil I schon erwähnter attraktiver Beruf mit der wichtigsten Aufgabe, was die Zukunft von Kindern bestimmt: die Urteilsbildung. Auch ein Abriss über Urteilstendenzen von Lehrkörpern wurde im ersten Teil dargelegt, wonach sich die Frage stellte, inwiefern es erklärbar ist, dass Urteilsfehler überhaupt gemacht werden. Wie kommen Lehrerinnen und Lehrer darauf, dass dumme Eltern dumme Kinder haben müssen. Hier die Antwort und noch weiteres wissenswertes über die diagnostische Kompetenzen und die Urteilsbildung durch Lehrkräfte.

Haben dumme Eltern auch gleichzeitig dumme Kinder? 

Es gibt verschiedene Erklärungen, warum Urteilsfehler gemacht werden. Das Linsenmodell von Brunswik liefert eine Erklärung dafür, warum Urteilsfehler entstehen.

Um bei den SchülerInnen ein verborgenes Merkmal wie beispielsweise Intelligenz erkennen und darüber urteilen zu können, nimmt man proximale Merkmale, also beobachtbare Merkmale. Dazu gehören u.a. das Verhalten, die Mimik, Gestik, biologische Merkmale, ‚Elternhaus, Ergebnisse von Tests und andere Auffälligkeiten, die das Erledigen der Hausaufgaben oder deren Ordnungsbefinden betrifft.

Nach solchen oder ähnlichen Kriterien entsteht letztendlich ein Lehrerurteil. Da der Zusammenhang zwischen den proximalen Merkmalen und des hypothetischen Konstrukten (hier: Intelligenz) nicht perfekt ist, können sich hier Urteilsfehler einschleichen.[i]

So kann es vorkommen, dass Kinder, die zurückhaltend und still sind, als ängstlich bezeichnet werden. Genauso können Fehlurteile gemacht werden, indem ein enger Zusammenhang zwischen geordnet scheinendem Elternhaus und Intelligenz gesehen wird. Meistens hat man als Lehrer nicht genügend Einblick, wenn es um familiäre Angelegenheiten geht. So darf man sich auch nicht irren lassen, wenn man auch nur über den Bildungsstand der Eltern informiert ist. Intelligente Kinder haben nicht zwangsläufig besonders gebildete Eltern. Aber es gibt auch Manipulationen, die von äußeren Einflüssen ausgehen. Wenn Aussagen Anderer hinzukommen, hat man als LehrerIn eine ganz andere Wahrnehmung, als wenn man ohne jegliche Vorkenntnisse auf eine Klasse zugeht.

Ein Psycho-Test mit Ratten

Am Rosenthal-Effekt kann man sehr gut erkennen, inwiefern Beurteilungen von außen Einfluss auf das eigene Urteilen haben kann und dadurch Urteilsfehler entstehen.

An einem konkreten Beispiel soll dieser Effekt zum Vorschein gebracht werden. Es gibt zwei Gruppen. Beiden Gruppen werden Ratten gegeben. Der Gruppe A wird gesagt, dass sie besonders dumme Tiere bekommen werden. Der Gruppe B wird vermittelt, dass sie besonders kluge Tiere erhalten werden. In der Realität gibt es jedoch keinen Unterschied zwischen den Tieren. Allein aufgrund der Vorkenntnisse, die die Gruppen haben, fallen die Beurteilungen dementsprechend unterschiedlich aus. Gruppe A meint herauszufinden, dass die Lernleistung der Ratten sehr schwach ist. Gruppe B beurteilt das Verhalten der Ratten so, als hätten die Ratten überdurchschnittliche Lernleistung erbracht.[ii]

Wenn man dieses Projekt auf die Schulsituation überträgt, bekommt man das Ergebnis, dass Lehrerinnen und Lehrer ihre Schülerinnen und Schüler nach dem Bild erschaffen, das sie von ihnen haben. Davon kann man die Erkenntnis ziehen, dass hohe Erwartungen an die Schüler deren Leistung steigert und umgekehrt.

Sympathische Schülerinnen und Schüler bekommen bessere Noten

Ausgangssinformationen wie Sympathie bzw. Antipathie, die äußere Erscheinung, die Herkunft, der sozioökonomischer Status, das Sozial- bzw. das Arbeitsverhalten oder die Ausdrucksweise und der Wortschatz beeinflussen meistens die Erwartungen der Lehrer.

Die Einstellungen der Lehrer gegenüber den Schülern können unterschiedlich sein. Die Lehrer teilen die Schüler unbewusst in vier Gruppen. Es gibt die eine Gruppe, gegenüber der Lehrer Zuneigung empfindet. Eine zweite Gruppe ist dem Lehrer gleichgültig. Ablehnung spürt er gegenüber der dritten Gruppe und die vierte Gruppe ist diejenige, für diese er meint, Sorge tragen zu müssen. Diese vordiagnostische Gruppierung kann direkte Auswirkungen auf die Interaktion mit den Schülern, auf die Kausalattribuierung, die schulische Beurteilung und auf das Schülerverhalten haben.[iii]

Ein weiterer Faktor, der bei der Betrachtung der Urteilsfehler wichtig ist, sind die unterschiedlichen Reaktionstypen der Lehrerpersönlichkeit. Je nach Reaktionstyp unterscheiden sich auch die Beurteilungen der Lehrkörper. In Bezug auf die Lehrerpersönlichkeit unterscheiden Brophy und Good drei Reaktionstypen von Lehrpersonen[iv].

Verschiedene Lehrertypen

Der erste Reaktionstyp von Lehrern sind die proaktiven Lehrkräfte. Sie übernehmen immer wieder die Initiative, um die Interaktionen in  ihren Klassen neu zu ordnen. Sie gehen sowohl auf Mehrere als auch auf Einzelne SchülerInnen ein. Sie beobachten die SchülerInnen und deren Verhalten auf differenzierte Art und Weise und sie sind sehr auf deren Konstellation und nicht allein auf die Persönlichkeit ausgerichtet, was dazu führt, dass sie zu einem sehr vereinzelten Unterricht kommen: Sie sind jederzeit bereit, ihre Erwartungen zu verändern  und ständig auf der Suche, Fortschritte bei ihren SchülerInnen zu entdecken. Dadurch empfinden sie Probleme bei SchülerInnen als pädagogische Herausforderung.

Dahingegen haben passive oder reaktive Lehrkräfte im Allgemeinen zutreffende Vermutungen. Sie sind insoweit anpassungsfähig, als sie ihre Reaktionen an das Verhalten der Schülerinnen nachkommen. Ihre Diagnosen beziehen sich direkt auf die Initiativen der SchülerInnen und weisen deshalb größere Differenzen zwischen den einzelnen Erwartungsgruppen auf. Insofern sind sie auch nicht allein auf Initiativen der Lehrkraft und/ oder der Lehr- Lernbedingungen bezogen. Bei LehrerInnen zeigen sich wenige Hinweise auf einen Versuch, die Unterschiede im Schülerverhalten auszugleichen bzw. sie weniger stark zu interpretieren. Sie passen ihre Richtschnur der Merkmalsvariation schicksalshaft an.

Die Beurteilungen von überreaktiven LehrerInnen sind treffen meist weniger zu. Ihre Einschätzungen sind voreilig und übertrieben. Aus geringen Unterschieden vermögen sie große Unterschiede zu machen. Sie neigen zu Verallgemeinerung und Dichotomie: fleißig- faul, begabt- unbegabt usw. Sie verhalten sich SchülerInnen gegenüber, zwischen denen eigentlich gar keine Verhaltens- bzw. sozialen Unterschiede bestehe, so, als ob es große Differenzen gäbe: Damit produzieren sie erst die Diskrepanzen und erzeugen das, was als „sich – selbst – erfüllende – Vorhersage“ beschrieben wird. [v]

Bei der „sich – selbst – erfüllenden – Vorhersage“ gibt es einen Beobachter. Dieser Beobachter hat Annahmen bzw. Erwartungen gegenüber sich selbst, oder gegenüber anderen Personen. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Annahmen, bzw. Erwartungen eintreten. Wenn dies der Fall ist, spricht man von der „sich–selbst-erfüllenden–Vorhersage“. [vi]

„Das ist eh zu schwer für euch“

Diese „sich – selbst – erfüllende – Vorhersage“ tritt ein, wenn beispielsweise LehrerInnen eine geringe Erwartungshaltung an die Klasse haben und sich dann evtl. wenig Mühe geben, die SchülerInnen wirksam zu unterstützen. Sie zeigen dann möglicherweise wenig Geduld, oder bringen wenig Hilfe entgegen. Dadurch haben die SchülerInnen schlechte und ungünstige Lernbedingungen. Es erscheint Nervosität, Unruhe, Unlust und geringen Selbstbewusstsein. Das wiederum bringt die LehrerInnen dazu, der Klasse wenig Zutrauen zu signalisieren und zu sagen: „Das ist eh zu schwer für euch“. Daraufhin tritt ein Vermeidungsverhalten, das sich in Sätzen wie „Ich kann eh nichts!“ und in objektiv schlechten Leistungen zeigt. Letztendlich sehen sich dann diese LehrerInnen in ihren Erwartungen bestätigt.

Zuletzt führt die erlernte Urteilsreaktion zu  Urteilsfehlern. Mit der erlernten Urteilsreaktion ist die Konditionierung der Lehrperson im Unterricht gemeint. Es geschieht aufgrund wiederkehrenden Schülerverhaltens. Dies verstärkt ein spezielles Lehrerverhalten, was dann häufiger auftritt. [vii]

Etablierung von autoritärem Auftreten in einem „fliegenden Klassenzimmer“

Ein Beispiel hierzu ist folgendermaßen:

Eine Schulklasse bekommt eine/n neue/n LehrerIn. Die von ihm/ihr nicht realisierten Vorstellungen, ist ein Grund, dass es in der Klasse drunter und drüber geht. Dadurch entsteht  bei dem/der LehrerIn zunehmende Unsicherheit und in der Schulklasse eine immer heftiger werdende Dynamik. Der / die LehrerIn reagiert mit einem Brüllen. Es tritt Ruhe ein und das Geplante wird erst jetzt realisiert. Hier findet eine Konditionierung von autoritären Verhaltensweisen bei wiederholtem Vorgang statt.

Kahneman und Tversky haben 1973 herausgefunden, dass Menschen bei Urteilsbildung sich an besonders auffälligen Erlebnissen orientieren[viii]. Vor allem die letzten Geschehnisse spielen bei der Beurteilung eine Rolle. Statt komplexe Denkprozesse zu liefern, werden vereinfachende Strategien als Entscheidungshilfen, sogenannte Heuristiken verwendet, um ein Urteil zu bilden. Jedoch sind „aus psychologischer Sicht […] Beobachtung und Beurteilungen von Merkmalen des Unterrichts […] kognitive Prozesse“[ix].

Diese Prozesse stellen wichtige Kriterien dar, die eigentlich erfüllt werden müssten, damit der Beobachter ein richtiges Urteil bilden kann.

Kriterien für richtiges Urteilen

Fachliche und methodische Kompetenzen seitens des/r Lehrers/in müssen 1. vorhanden sein und es muss 2. einen bestimmten Zeitraum geben, in dem eine Art kognitiver Durchschnitt gebildet werden kann. Zudem müsste es 3. dazugehören, dass ein Mittelwert vom Beobachter gebildet wird. Dabei muss man differenziert beobachten, inwiefern bestimmtes Verhalten bei einigen Schülern auftritt und bei Anderen nicht – falls dies der Fall ist. Das vierte Kriterium, welches eigentlich erfüllt werden sollte ist die Mittelung des Grades des zu beurteilenden Sachverhaltes. Genauso wichtig ist 5. der Austausch über die SchülerInne mit allen ihn unterrichtenden LehrerInnen, um eine korrekte Urteilsbildung zu vollziehen. Nicht umso unwichtiger ist es 6., eine große Zeitspanne und nicht nur einzelne Unterrichtsstunden zur Beurteilung heranzuziehen und an anderen Schülern den gleichen Sachverhalt zu prüfen. [x]

Da diese kognitiven Prozesse sehr aufwändig sind, wird die Urteilsfindung reduziert und die bereits genannten Entscheidungshilfen verwendet.

Urteilsbildung fehleranfällig – nicht vergessen

Nachdem man die Fehleranfälligkeit von Urteilsbildungen sich bewusst macht, ist ein einfacher Urteilsfehler zu vermeiden. Zusammenfassend ist zu sagen, dass voreilige Verallgemeinerungen zu vermeiden sind. Der Rosenthal – Effekt ist ebenfalls zu vermeiden, d.h. möglichst ohne Vorkenntnisse über eine Klasse versuchen, die Klasse objektiv wahrzunehmen und sich nicht von anderen Aussagen manipulieren zu lassen. Zu vermeiden sollten auch vordiagnostische Gruppierungen sein, die sich eben auf wichtiges Agieren in der Schule auswirken können. Es sollten auch nicht zu geringe Erwartungen an die Klasse gestellt werden, damit sich diese nicht nach der „sich-selbst-erfüllenden-Vorhersage“ bestätigen. Natürlich gibt es noch die Kriterien, die erfüllt werden sollten, um richtiges Diagnostizieren vorzunehmen und andere Fehlerquellen, die vermieden werden sollten. Das Wichtigste jedoch ist, sich als LehrerIn bewusst zu sein, dass die Urteilsbildung sehr fehleranfällig ist – damit man auch dementsprechend dabei vorsichtig sein kann, diese zu vermeiden.

 


[i] Vgl. Helmke, S.136f.

[ii] Vgl. Kleber, S. 118.

[iii] Vgl. Kleber, S.119.

[iv] Vgl. Brophy und Good, 1976, zitiert nach Kleber, S.120.

[v] Vgl. Kleber, S. 120.

[vi] Vgl. ebd., S.120 f.

[vii] Vgl. Kleber, S.121f.

[viii] Vgl. Helmke, S.140.

[ix] Helmke, S.139.

[x] Vgl. Helmke S. 139f.

 

Literatur

Kleber, E. W. (1992): Diagnostik in pädagogischen Handlungsfeldern. Weinheim: Juventa –Verlag.

Helmke, A. (2009): Unterrichtsqualität und Lehrprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts: Klett- Kallmayer.

 

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Comments

  1. Theodor says:

    Gut zu wissen, dass dumme Eltern nicht gleichzeitig dumme Kinder haben. Vor allem Lehrer müssen über die verschiedenen Erklärungsmuster (wie Rosenthal-Effekt) Bescheid wissen. Danke für den hilfreichen Beitrag!

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