Islam und Aufklärug - Zwei Begriffe, die erst mit dem Diskurs um die Moderne in aller Philosophie nebeneinander gebracht wurden und gebracht werden. Was ist die Moderne für „die“ westliche Welt, was für „die“ arabo-islamische Welt? Inwiefern steht für „den“ Westen die Tradition und welche Rolle spielt das kulturelle Erbe für „den“ Osten?

Geert Hendrich zum Beispiel hat sich mit diesem Thema beschäftigt. In seinem Werk „Islam und Aufklärung. Der Modernediskurs in der arabischen Philosophie“ geht es ihm hauptsächlich um die Auseinandersetzung arabo-islamischer Intellektueller mit „der“ Moderne. Er hat hierfür Texte von arabo-islamischen Intellektuellen verwendet, in welchen „die“ Moderne behandelt werden und aus welchen man den „Modernediskurs in der arabischen Philosophie“ herauslesen kann.

Hendrich stellt dar, wie die arabo-islamische Philosophie über die Kritik an der westlichen Moderne eigene Vorstellungen von einer "gelungenen" Moderne entwickelt.
Einerseits werden dabei von arabo-islamischen Denkern eigene kulturelle Traditionen kritisiert, andererseits wird deren Eigenständigkeit, also die kulturelle Eigenständigkeit betont und Begrifflichkeiten der Moderne nach „westlichem“ Sinne kritisiert.

„Diskursgemeinschaft“ im Westen scheitert am Wahrnehmungsmangel

Geert Hendrich gilt als der erste, der mit seiner Arbeit den Versuch macht, „westliches“ Denken zu erweitern, und das Grundverständnis von der Moderne, wie sie in der „westlichen Welt“ verstanden wird, zu ändern. Das macht er, indem er darauf hinweist, dass das Fremde, in diesem Falle die arabo-islamische Welt, endlich anders wahrgenommen werden muss, damit der Modernediskurs nicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Er schreibt gleich zu Beginn seines Werkes:

„Der gewünschte universale Diskurs über die Moderne und ihre Zukunft kommt allen Bekenntnissen von seiner Notwendigkeit zum Trotz nur mühselig in Gang. Die gerade im Westen oft beschworene „Diskursgemeinschaft“ scheitert am Wahrnehmungsmangel: Solange wir unseren potentiellen Gesprächspartner mit ihren spezifischen Sichtweisen, ihren eigenen Kontexten und Motivationen nicht wahrnehmen, kann auch kein Dialog zustande kommen. Das hat sehr viel zu tun mit unseren Wissenschaftstraditionen, die ihrerseits wiederum Traditionen der Fremd- und Eigenwahrnehmung sind“ (S. 7).
 

Für ihn ist es deshalb ganz wichtig, zu unterstreichen, dass wenn mit einem Denker der arabo-islamischen Welt gesprochen wird, das Gespräch nicht „kulturessentialistisch“ (S. 8) bleibt. Man also nicht den Menschen auf seine muslimische Herkunft und Kultur reduziert, sondern „den“ Islam samt seiner Heterogenität als Philosophie selber sieht, damit einem zugänglich ist, die Sichtweise als philosophisch zu betrachten und philosophisch zu kommunizieren. Das sei eines der größten Probleme „des“ Westens in der Wahrnehmung des Anderen! Sein Ziel ist es also, „das Andere“ seinem Inhalt gerecht wahrnehmen zu lassen. Er schreibt, dass deswegen „ein großer Teil dieser Arbeit ein Versuch (ist), eine solche Wahrnehmung durch Information zu ermöglichen“ (S. 8).

Moderne für die arabo-islamische Welt laut Hendrich

Die Bejahung der Moderne geht laut ihm in der arabo-islamischen Welt auf neokonservative und postmoderne Art und dies soll auch so akzeptiert werden können.
Hendrich kritisiert somit die Einfältigkeit, die sich dann durch Begrifflichkeiten wie „Orient“ oder „der“ Islam oder „christliches Abendland“ ausdrückt. Denn schon historisch gesehen ist laut ihm das Gebiet des heutigen Europas nicht immer christlich und genauso sind „arabo-islamische“ Gebiete weder in der Vergangenheit noch heute homogen kulturell formiert gewesen, so wie es „der“ Westen es scheinbar bezeichnet, wenn er von „der“ islamischen oder islamisch geprägten Welt spricht. Dabei betont Hendrich oft, dass für den arabo-islamischen Raum Tradition und Moderne kein Gegensatz ist. Tradition wird in der arabo-islamischen Welt als Authentizität empfunden und als kulturelles Erbe (turath). Da jedoch „der“ Westen sein eigenes kulturelles Erbe als Gegensatz zur Moderne versteht, wohingegen die arabo-islamische Welt dies vereinbar sieht, kommt es zur turath-Debatte (Debatte um das kulturelle Erbe herum).

turath-Debatte

In dieser Debatte geht es arabo-islamischen Philosophen, die sich damit beschäftigen darum, die eigene Tradition aufzuarbeiten und nicht vom Westen herangetragene Konzepte zu verwenden.

Das Problem diese Denkrichtung zu verstehen, liegt laut Hendrich darin, dass der Westen die arabo-islamische Denkerwelt in zwei Gruppen einteilt.
Einmal in die der „Moderne-Befürworter“, also die arabo-islamischen Personen, die pro-westlich denken und einmal in die der „Moderne-Gegner“, also die arabo-islamischen Personen, die „islamistisch-traditionell“ denken.
Hendrich kritisiert diese Einteilung und sieht es als Resultat von Wahrnehmungsstörungen. Er sagt, dass selbst wenn Traditionen oder religiöse Elemente Bestand haben, diese Elemente unter einer modernen Gesellschaft etwas ganz anderes bedeuten als für die vormoderne Gesellschaft.
Die Lösung liege im Verständnis des Gegenübers: Es geht laut Hendrich im arabo-islamischen Modernediskurs nicht um die Gegenüberstellung von Moderne und Tradition/Authentizität, sondern um das Hinterfragen von der Gleichsetzung von europäischem Denken, Moderne und Gegenwart. Ein für Hendrich repräsentatives Zitat Djabiris zeigt ihm, dass das Traditionelle/Authentische und das Moderne sich nicht ausschließen müssen und dass deshalb eine Kategorisierung für die arabo-islamischen Denker schwierig und problematisch erscheint (S. 154).

 

Modernistischer Antimodernismus

Um es zusammenzufassen:

Für die arabo-islamische Welt liegt der Fokus vor allem auf technischen Fortschritten. Was der westlichen Welt (laut Meier, Vgl. Hendrich S. 161) wie eine „unschöpferisch-reaktionäre Verweigerung gegenüber gesellschaftlichem Fortschritt“ erscheint“, sei in Wahrheit, laut Hendrich, Positionsbestimmung innerhalb der Moderne.
Dies nennt Hendrich „modernistischer Antimodernismus“ und weist dann noch darauf hin, dass auch Begrifflichkeiten, die im Zusammenhang mit dem kulturellen Erbe (turath) in Verbindung gesetzt werden wie „Fundamentalismus“ auch schon für viele westlichen Theoretiker zum „reinen Propagandabegriff pervertiert“ ist (S. 162), und man ihn „aus der wissenschaftlichen wie der öffentlich-politischen Debatte fernhalten“ soll, um einer Instrumentalisierung des Begriffs zu entgehen.

 

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