In vielen Gesellschaften verschiedener Kulturen erkennt man große Unterschiede was die „Berührung“ anbelangt.

In den südländischen Kulturen wie z.B. in der französischen oder türkischen Kultur sind Freundschaftküsse zur Begrüßung und zum Abschied häufiger zu sehen als in der japanischen Kultur. Ähnlich ist es in Spanien, man reicht zur Begrüßung die Hand und schaut sich in die Augen. Die Frau darf entscheiden, wem sie die Hand gibt. Freundinnen küssen sich zur Begrüßung oder zum Abschied auf beide Wangen. Männer, die gut befreundet sind, begrüßen sich oft mit einem Schulterklopfen oder mit einer Umarmung. Dieses Verhalten ist fast mit dem der südlichen bzw. türkischen Berührungskultur identisch.

Obwohl die Art und Weise, wie Gefühle und interpersonale Einstellungen ausgedrückt werden, sehr kulturabhängig ist, haben doch manche dieser Ausdrucksformen gewisse Gemeinsamkeiten. So haben z.B. die Haltungen für z.B. Demut/Unterwerfung in den meisten Kulturen ein Beugen, Niederdrücken oder Senken des Körpers gemeinsam.
Weltweit gibt es ungefähr 1000 feststehende menschliche Körperhaltungen. Welche Körperhaltungen in einer bestimmten Kultur üblich sind hängt nicht nur von kulturellen Faktoren ab, sondern auch von natürlichen Faktoren (z.B. Feuchte oder Hitze) sowie von der getragenen Kleidung.

Hier werden einige Berührungssituationen genannt, die für die Mehrheit bekannt sind und bestimmten Kulturen geläufig sind:
Händeschütteln zwischen Männern ist inzwischen weltweit verbreitet. Das Händeschütteln mit Schulterklopfen hingegen darf nur vom Ranghöheren ausgeübt werden.Händchenhalten zwischen Mann und Frau ist in vielen Kulturen verpönt.
Handauflegung durch Geistheiler kommt unter anderem aus den Phillipinen und ist eine weltweit verbreitete Geste von Heilern geworden.

Eine grobe Zuteilung der kontaktärmeren und –reicheren Länder könnte folgendermaßen aussehen:

 

Kontaktreiche Kulturen                                                                           

    • Lateinamerikaner
    • Araber
    • Griechen, Türken
    • einige afrikanische Kulturen

Kontaktarme Kulturen

    • Nordeuropäer
    • US-Amerikaner
    • Kanadier
    • Asiaten

Das breite Spektrum zwischen beiden Kategorien ist jedoch situationsbedingt und muss differenziert werden. Während in Thailand beispielsweise Händchenhalten zwischen jungen Männern in der Öffentlichkeit als ein anerkanntes Verhalten und ohne homoerotische Bedeutung aufgefasst wird, gilt das Händchenhalten zwischen Männern und Frauen aber als Tabu.

Auch differenziert man Familien einer Gesellschaft voneinander. Auf der einen Seite gibt es Familien, die häufigeren körperlichen Kontakt als mehr oder weniger selbstverständlich empfinden. Nicht nur jene zwischen Mutter und Kind, sondern auch zwischen allen Familiengliedern. Im selben Kulturbereich befinden sich aber auch Familien, in denen der Kontakt zwischen Mutter und Kind und den anderen Angehörigen nur sehr wenig, sogar nur soviel wie nötig besteht. Es gibt ganze Kulturbereiche, in denen ein „Noli me tangere“, ein „Rühr mich nicht an“ die Beziehung zwischen verschiedenen Menschen regiert. In anderen Kulturen wiederum ist das Berühren so sehr ein Teil des Lebens, Umarmen, Streicheln und Küssen sind so selbstverständlich, dass es kontaktärmeren Kulturen merkwürdig und peinlich vorkommt.

 

Schlusswort
Laut der Forsa- Umfrage ist jeder achte Bundesbürger von einem Mangel von körperlicher Nähe betroffen. Dieser nimmt im Laufe des Alters immer mehr zu. Es sind insbesondere ältere Menschen, die aufgrund minimalen taktilen Kontakts Einsamkeit, Entfremdung und Hilflosigkeit empfinden. Die Nähe erleben sie nur in Form von Massage oder Kopfwäsche beim Friseur. (Focus Online)
Die Berührung ist für die psychische und körperliche Gesundheit so notwendig, wie die Nahrung auch. Nicht nur Kinder brauchen Berührung und Nähe, sondern auch Erwachsene haben ein starkes Bedürfnis danach. Mit zunehmendem Alter jedoch wird Berührung immer mehr auf den Kontext von Liebesbeziehungen beschränkt und wird demnach immer seltener. Viele Menschen erleben über Jahre hinweg keine einzige liebevolle Berührung.

„Berührung hat positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit.
Sie stärkt das Immunsystem,
vermindert Stress, Verspannungen und Schmerzen.“ ( DEGEN 1997, vgl. Kapitel 7)

Diesem Zitat kommen die aktuellen Angebote, besonders in den USA entgegen. Das Defizit in der deutschen Gesellschaft soll mithilfe von Körpertherapien, Massagen und Berührungen behoben werden. Es finden diesbezüglich Veranstaltungen wie free hugs statt. Wir verstehen erst gerade, wie wichtig die Erfahrung von Nähe für unsere innere Heilung ist.

Ich bin der Auffassung, dass in einer solchen globalisierten Welt die Gesellschaften voneinander profitieren können. Nach der Erkenntnis, dass jedes Individuum einzeln die Nähe eines anderen Mitmenschen begehrt, könnte man wenigstens versuchen die eigene Haltung gegenüber Menschen zu verändern. Anstatt eine absolute Abneigung und einer Blockade, könnte man herzliche Handreichungen annehmen und nicht erschrecken. Besonders bei älteren Menschen habe ich oft beobachtet, dass sie bei einer Handreichung selbst zwecks Hilfeangebots einen ängstlichen Blick werfen und zögern dem Gegenüber die Hand zu geben.

Da ich selber einen Migrationshintergrund habe, stehe ich den Menschen meist sehr nahe und muss aber genau zwischen meinen Kommunikationspartnern verschiedener Kulturen differenzieren. Bei begründeten Haltungen habe ich höchsten Respekt und erwarte diesen auch von anderen.

 

 

 

 

 

 

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