120 Spitzel waren auf die Künstler von Clara Mosch angesetzt. Im Interview verrät Thomas Ranft wie intellektuell die Macher der DDR tatsächlich waren. Doch vorab ein paar Info's: 1977 gründete er zusammen mit Carlfriedrich Claus, Dagmar Ranft-Schinke, Michael Morgner und Gregor-Torsten Schade die Künstlergalerie Clara Mosch, ein Anagram aus den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen. In dem Vorort Adelsberg der Karl-Marx-Stadt erhofften sich die Künstler einen Raum zu finden, um jenseits vom sozialistischen Realismus künstlerisch aktiv zu werden. Und sie waren sehr aktiv. 1977 eröffneten sie ihre eigene Galerie Clara Mosch. Sie organisierten Plenairs und Aktionen wie die MehlArt. Im Interview erzählt Thomas Ranft von seiner Zeit bei Clara Mosch, der Überwachung durch die DDR und über die Rolle der Kunst. In der Galerie Kunstraum hatte ich die großartige Möglichkeit das Interview mit Thomas Ranft zu führen.

Bildquelle: http://www.kunstraum-bernusstrasse.de/kunstraum.html

Bildquelle: http://www.kunstraum-bernusstrasse.de/kunstraum.html

Sie als Künstlergruppe Clara Mosch waren mutig an die Öffentlichkeit zu treten, statt sich während der DDR Zeit zu verschanzen und in einer sicheren Privatsphäre Kunst zu schaffen, haben Sie auch andere Menschen miteinbezogen. Sie haben Plenairs organisiert, junge Künstler gefördert, Kontakte in den Westen gepflegt und Einladungen zu Ausstellungseröffnungen verschickt, die leider niemals im Westen ankamen. Woher kam diese Kraft zu sagen “Wir ziehen das jetzt durch”?

Ich glaube das ist in der Veranlagung bei mir. Ich war ja schon an der Hochschule zwei Jahre lang Chef des berühmtesten Studentenklubs der DDR. Bei mir sind Leute wie Manfred Krug aufgetreten, Martin Biermann und Eberhard Esche. Wir hatten Kontakt zu Volker Braun, der hat mit das Literaturinstitut in Leipzig gegründet. Und ich hatte manchmal Probleme gehabt. Ich durfte nur einhundert Leute reinlassen, aber dreihundert standen draußen. Was machst du da? Ich war der beliebteste und meist gehasste Student von Leipzig.

Bildquelle: http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/autonome-kunst-in-der-ddr/55822/clara-mosch

Thomas Ranft (links), Gregor-Torsten Schade, Dagmar Ranft-Schinke (mitte), Carlfriedrich Claus, Michael Morgner (rechts) Bildquelle: http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/autonome-kunst-in-der-ddr/55822/clara-mosch

Sie hatten als erster nach der Wende Akteneinsicht. Wie haben Sie sich da gefühlt, als Sie erfahren haben, dass 120 Spitzel auf Sie angesetzt waren und, dass man alles, bis zur Form des Brotes bei der MehlArt, notiert hat?

Ich glaube, wir haben das alles am Anfang gar nicht registriert. Ich habe ja gemerkt, es ist alles vorbei. Wenn ich den Maßnahmenplan zu DDR Zeiten gelesen hätte, dass sie mich absolut sozial kaputt machen wollten, dann hätte ich mich natürlich anders verhalten. Aber dadurch, dass ich das erst nach der Wende lesen konnte, und das war auch gut so, da hab ich dann gesagt: “So schlimm war es gar nicht.”

Also die Frau, die sie auf mich angesetzt haben, das war eine hübsche Frau, und die hat ihr Handwerk verstanden. Ich hab ja nicht gelitten, im Gegenteil. Und die Trennung von meiner Frau war ja nicht wegen dieser Frau. Und die Margrita Herhold sollte auf ihrem Gebiet eingesetzt werden. Mit Industriellen schlafen oder mit Politikern, um eben einen Spionage-Ring aufzubauen.

Bildquelle: http://www.carlfriedrich-claus.de/clara_mosch.html

Gregor-Torsten Schade (links), in der Mitte halten Thomas Ranft und Dagmar Ranft-Schinke das Bild des 1998 verstorbenen Carlfriedrich Claus, Michael Morgner (rechts) Bildquelle: http://www.carlfriedrich-claus.de/clara_mosch.html

Und die Akteneinsicht war auch deshalb so losgelöst von Druck, weil: Es war vorbei.

Wie wir gelacht haben, weil wir gesagt haben: “Was haben die denn für Unsinn gemacht.” Manche Dinge haben wir einfach nur vorgelesen. Das “Neues Deutschland” (ND) eine Zeitschrift der SED haben wir einfach nur vorgelesen, weil da nur Stuss stand. So was wie “Die Zukunft bleibt die Zukunft und die Vergangenheit bleibt die Vergangenheit.” Und das zum Parteitag, ja?

Und ich meine, die waren ja auch alle dämlich. Der Ulbricht war dämlich. Der Honecker war dämlich. Es waren alles keine Intellektuellen. Markus Wolf war vielleicht ein Intellektueller. Die eigentlichen Macher der DDR waren ganz anders. Also die, die sozusagen im Hintergrund waren, das waren Intellektuelle. Die haben auch die Leute wie im Puppentheater an Fäden gehabt. Also die ganz große Schiene sind die Russen gefahren. Und die anderen haben es in der DDR nur ausgeführt. Und deswegen ist es überhaupt zusammen gestürzt. Es war nicht Helmut Kohl, es war Gorbatschow und der hat gesagt: ”Ich gebe die DDR frei.”

Bildquelle: http://www.hdg.de/lemo/kapitel/deutsche-einheit/wandel-im-osten/glasnost-und-perestroika.html

Bildquelle: http://www.hdg.de/lemo/kapitel/deutsche-einheit/wandel-im-osten/glasnost-und-perestroika.html

Und dann muss ich sagen, waren es natürlich auch die Menschen die auf die Straße gegangen sind. Die gemerkt haben, es ist jetzt etwas locker geworden und da sind die dann auf die Straße gegangen und haben gesagt: ”Wir sind das Volk! Wir wollen hier auch was mitzusagen haben was hier passiert in diesem Land!” Und das ist natürlich ein Schlachtruf, der sich in die Geschichte eingebrannt hat.

Ich denke mir, auch wir waren im kleineren Kreise die Vorbereiter, dass wir unsere eigene Suppe gekocht haben und unseren eigenen Weg gegangen sind. Ich hab zum Beispiel so gut wie nie einen Auftrag bekommen aus der DDR. Ich hab nur meine eigenen Sachen gemacht. Ich habe meine Mappen gemacht, ich habe meine Themen gemacht über Molekularbiologie in Berlin zum Beispiel, also die Entstehung des Lebens. Ich habe da mal durch das Mikroskop geguckt und da habe ich Welten gesehen. Das war der Wahnsinn! Die kleinsten Teilchen in unserem Körper, die ich da gesehen habe, das hat mich fasziniert und da habe ich eine Mappe gemacht. Das war eine meiner ersten wichtigen Arbeiten.

Es ist der 9. Oktober 1989. Zehntausende rufen "Wir sind das Volk" auf den Straßen von Leipzig. "Wir wollen keine Gewalt. Wir wollen Veränderungen", steht auf dem Tuch in Blockbuchstaben. Bildquelle: http://www.stern.de/politik/geschichte/4-september-1989-die-erste-montagsdemonstration-der-tag-an-dem-ein-riss-durch-die-ddr-ging-2135692.html

Es ist der 9. Oktober 1989. Zehntausende rufen "Wir sind das Volk" auf den Straßen von Leipzig. "Wir wollen keine Gewalt. Wir wollen Veränderungen", steht auf dem Tuch in Blockbuchstaben. Bildquelle: http://www.stern.de/politik/geschichte/4-september-1989-die-erste-montagsdemonstration-der-tag-an-dem-ein-riss-durch-die-ddr-ging-2135692.html

Wenn 120 Spitzel auf Sie und die anderen Künstler von Clara Mosch angesetzte waren und die Stasi Sie bis in ihr Schlafzimmer verfolgt hat, da fragt man sich, ob die Angst vor Ihnen hatten.

Nein, ich glaube nicht, dass die Angst vor uns hatten. Die haben nur gedacht, dass sich Gruppierungen ausweiten wie bei einem Schneeballeffekt und es dann wie ein Gewächs durch die DDR geht. Das wollte man eindämmen so, dass wir so wenig wie möglich Einfluss, vor allen Dingen auf junge Künstler, haben. Weil wir hatten großen Einfluss auf junge Künstler. Wir hatten die ausgestellt in der Mosch. Sie [die Stasi] wollten nur verhindern, dass etwas daraus wird, dass sie nicht mehr kontrollieren können.

Aber Angst hatten Sie vor uns nicht, auf keinen Fall. Dann hätten sie mich wirklich ins Gefängnis gesteckt. Vielleicht bin ich mal angetrunken Auto gefahren und da haben sie mich fahren lassen und so weiter. Sie hätten genug Möglichkeiten gehabt, mich hinter Gitter zu bringen. Das haben sie aber nicht gemacht, weil sie sagten sie haben uns noch unter Griff. Deswegen wollten sie auch diese Ehe zerstören. Aber die haben damit nichts zu tun gehabt. Wir haben uns getrennt. Nach vierzehn Jahren ist das ja manchmal auch ganz gut so.

Was meinen Sie welche Rolle die Kunst für die Gesellschaft spielt?

Heute?

Ja.

Ich glaube die Kunst bietet der Gesellschaft viele Facetten. Die Kunst leidet etwas. Wir sind im Moment in der schwächsten Phase was die bildende Kunst nach dem 20. Jahrhundert betrifft, was das Theater betrifft, was die Literatur betrifft, weil es um Geld geht und um Sensation. Dieses Stille, was es gegeben hat in den 60er Jahren, ist verloren gegangen. Sogar Beuys der auch sehr viel Brimborium um sich gemacht hat, trotzdem war es immer eine Kunst, die sich beschäftigte mit ganz bestimmten Themen, die auch die Gesellschaft letzten Endes interessiert hat.

Gerade er hat ja gesagt, die Plastik ist so kalt mit Stein, mit Marmor, mit Bronze. Das ist alles kalt. Und er hatte dann gesagt: ”Ich möchte in die Plastik auch die Wärme bringen.” In der Malerei haben sie die warmen Farben und wir haben immer nur die kalten. Da fing er mit Filz, mit Fett, mit Honig an und sagte: ”Das sind alles natürliche Produkte die ich in die Plastik miteinführen will.”

Bildquelle: http://raceformilk.blogspot.de/2013/10/joseph-beuys.html

Joseph Beuys: Fettstuhl, 1964 Bildquelle: http://raceformilk.blogspot.de/2013/10/joseph-beuys.html

Das war sozusagen der Beginn. Da hat man sich noch gekümmert um Inhalte und um Vermittlung an die Bevölkerung. Vielleicht auch mit manchem unsinnigen Zeug, weil wir haben auch viele unsinnigen Sachen gemacht in der Mosch, aber das braucht es. Die Kunst braucht das Spektakel, aber man muss immer wieder zurückfinden, um sich zu artikulieren in seinem eigenen Metier. Der eine in der Literatur, der andere mit der Natur, mit dem Weltall, mit der Philosophie oder mit dem Menschen. Und das findet heute nicht mehr statt. Es gibt nur noch den Klamauk. Das ist nichts mehr. Das ist leer und hüllenlos. Es ist nur noch Spektakel. Ich habe nichts gegen Spektakel, aber man muss dann wieder zurück finden zu einem Inhalt.

Das wäre jetzt meine nächste Frage gewesen, ob sie denken, dass die Sensibilität für die Kunst verloren geht durch die Popkultur und die Medien die auf das Spektakel aus sind?

Es kann natürlich sein, dass wir gerade in einem Übergang leben. Ich merk's an meinen Kindern. Ich habe eine siebzehnjährige Tochter mit der ich einige Probleme habe. Also nicht mit der Pubertät, sondern mit ihren Medien. Die rennt ja mit ihrem Dingsda rum. Da hab ich einfach in der Generation, da will ich nichts damit zu tun haben.

Also ich spiele Skat manchmal am Computer. Wenn eine Mail ankommt, druckt das meine Frau aus. Aber ich brauch das nicht. Ich denke das ist jetzt ein Umbruch. Als ich noch jung war, weiß ich, dass meine Mutter geschimpft hat alleine über den Plattenspieler, das Radio, das Fernsehen. Das hatten die ja vorher nicht, also meine Großeltern und meine Mutter. Und das war bei uns der Umbruch, dass plötzlich das Telefon da war, was es früher nicht gab. Ich denke, wir sind jetzt in einer Zone, wo sich etwas verändert.

Bildquelle: http://www.badische-zeitung.de/liebe-familie/was-verbindet-jugendliche-mit-ihrem-smartphone--74157911.html

Bildquelle: http://www.badische-zeitung.de/liebe-familie/was-verbindet-jugendliche-mit-ihrem-smartphone--74157911.html

Und ich kann nur hoffen, dass manche sich dann besinnen, wieder eins mit der Welt zu werden und nicht die Welt zu vernichten. Wir sind nun mal an diese Welt gekettet, nicht an den Mond oder den Mars. Wir sind jetzt drauf und dran die Welt kaputt zu machen. Wir müssen damit beginnen, dass die Menschen wieder zusammen finden und nicht die Reichen wieder da oben sind. Dass die Fußballer Millionen verdienen, die Schauspieler Millionen verdienen und die Künstler, die Wenigen die es gibt, ein Bild für zehn Millionen verkaufen, das ist alles krank. Wenn diese Krankheit nicht irgendwann Mal kuriert wird...

Der Mensch muss sich mal besinnen. Was nützen ihm diese hundert Millionen oder Milliarden, was sollen sie damit? Jetzt schicken sie da Waffen runter oder sonst was. Dann sollen sie doch ihre Gelder einsetzen, um den Leuten zu helfen. Und den Fanatikern. Vielleicht sind die deshalb fanatisch, weil sie arme Schweine sind? Wissen wir ja nicht.

Und das merkst du auch an der Jugend. Die jungen Leute wissen mit ihrer Kraft gar nicht wohin und dann kommen sie zu Unsinnigkeiten. Ich hoffe, dass die Welt oder die Menschen langsam wieder zu einer gewissen Normalität untereinander finden.

Und Frankfurt finde ich interessant, weil so viele Menschen zusammen sind aus allen Nationen. Das muss die Welt begreifen, wir sind nicht mehr die Nation und die Nation und die Nation. Wir schmelzen zusammen und das ist auch gut so. Dann müssen die Ausländer auch versuchen, die können ihr Glauben behalten um Gottes willen, aber die müssen sich einordnen in den europäischen Gedanken, dass die Menschen miteinander umgehen können. Ich weiß nicht wie das passiert, aber da muss die Welt hin. Dieser Fanatismus, da unten in Syrien oder jetzt auch bei den Russen, das muss abgeschafft werden.

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