Was würdest du tun, wenn dein Lebenspartner tot krank ist, und du Geld klauen müsstest, um sein Leben zu retten? Oder anders: Würdest du als Weichensteller bei der Deutschen Bahn die Weichen stellen, wenn du wüsstest, dass auf dem Gleis, auf welchem grad der Zug angerast kommt, fünf Menschen überfahren werden würden, und auf dem Gleis, auf welches du umstellen könntest, nur ein Mensch sein Leben verlieren würde?

Nachdem ich im Titel eines Textes vom Dezember meiner Kollegin Merve das Wort "Dilemma" (http://denkerinnen.de/frauen-und-high-heels-das-ewige-dilemma/) gelesen habe, musste ich sofort an Lawrence Kohlberg, seine Dilemma-Methode und sein Stufenmodell der Entwicklung zur moralischen Urteilsbildung denken.

Das waren jetzt vielleicht viel zu viele Begriffe, die einigen unbekannt zu sein scheinen. Aber was jeder versteht, ist das Wort Dilemma. Jeder weiß, was es heißt, in einem Dilemma zu stecken. In einem Dilemma, wie oben beschrieben. Und mit dem Abwägen von Argumenten, die pro eine Entscheidung und Contra sprechen, macht sich bemerkbar, in welchem Argumentationsniveau man sich befindet.

Kohlberg unterscheidet in dem von ihm erstellten Stufenmodell der moralischen Urteilsbildung zwischen 3 aufeinanderfolgenden Niveaus der Urteilsbildung mit je zwei Stufen, die jeder Mensch durchlaufen muss, um zum nächsten Niveau zu gelangen:

a)    Präkonventionelles Niveau (Stufe 1 und 2)

Befolgung von Regeln, um…

Stufe 1: … Bestrafung zu vermeiden

Stufe 2: … Belohnung zu erhalten; Bedürfnisse zu stillen, mit der Kenntnis, dass andere Menschen auch andere Interessen haben

-- Argumentationsweise: „Sonst schimpft Mama“ ;“Polizei könnte mich holen“, etc.

b)   Konventionelles Niveau (Stufe 3 und 4)

Befolgung von Regeln, aus…

Stufe 3: … Einsicht in die Rollenerwartung, allgemeines Interesse steht über eigenem Interesse.

Stufe 4: … Einsicht in die Konventionen/Gesetze der Gesellschaft; ähnlich wie

Stufe 3.

-- Argumentationsweise: „Macht/Soll man nicht“; “Gesellschaft würde daran kaputt gehen“; etc.

c)    Postkonventionelles Niveau (Stufe 5 und 6)

Befolgung von Regeln bzw. Agieren beruht auf…

Stufe 5: … Einsicht in moralische und legale Werte, die zusammen in Betracht gezogen werden, Achtung fundamentaler Werte (Achtung vor dem Leben)

Stufe 6: … eigenen Prinzipien, Achtung der Würde des Einzelnen, glaubt an universelle moralische Prinzipien (Achten von Leben, Freiheit)

-- Argumentationsweise: „Verstoß gegen das Prinzip der Würde / Aus Achtung zum Leben“, etc.

Bei alldem ist das das Wesen der Moral für Kohlberg jedoch die Gerechtigkeitsstruktur, auch wenn er sagt, dass es wertfrei aufgefasst werden muss, aus welchem Niveau heraus jemand argumentiert. Man müsse sich dem Gegenüber anpassen und seinem Niveau entsprechend und an sein Niveau apellierend sprechen können und müssen.

So steht es außer Frage, dass die Dilemmata-Methode an Orten wie die Schule anwendbar ist und die Kenntnis über die Stufen der Urteilsbildung für Lehrende von Nutzen sein können.

Jedoch sollte das Ziel, das postkonventionelle Niveau zu erreichen sein; denn: das ist DAS Niveaus, aus welcher heraus zu argumentieren die ganze Menschheit aufrgund ihrer weltethischen Inhalte wegen streben sollte - das nicht nur laut dem Soz.wiss. Scherr.Aber wir müssen auch beachten, dass nur eine Hand voll Menschen dazu fähig seien. ... Das gibt zu Denken übrig... und zu streben übrig.

Hier noch ein Link zu einem interaktiven Video. Äußerst spannend! Unbedingt ausprobieren

http://www.youtube.com/watch?v=YxJ07klMhr0

Weiterführende Literatur:

  • Dobbelstein-Osthoff, Peter/Brambring, Jutta: Schule und Werteerziehung – ein Werkstattbericht. Erfahrungen und  Materialien aus dem Modellversuch des Landes Nordrhein-Westfahlen „Demokratie und Erziehung in der Schule – Förderung moralisch-demokratischer Urteilsfähigkeit“, Soest 1991, S.9-30
  • Kohlberg, Lawrence/Colby, Ann: Das moralische Urteil: der kognitionszentrierte, entwicklungspsychologische Ansatz. In: Bertram (Hg.): Gesellschaftlicher Zwang und moralische Autonomie, 1986, S. 144-160.
  • Kohlberg, Lawrence: Moralstufen und Moralerwerb: Der kognitiv-entwicklungstheoretische Ansatz. In: Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung, Frankfurt/M. 1995, S. 123-174.
  • Landesbildungsserver BaWü: http://www.schule-bw.de/unterricht/faecher/biologie/medik/meth/dilemma/ Abrufdatum: 29.11.2013.
  • Lind, Georg: Bioethik - Förderung der moralischen Urteils- und Diskursfähigkeit, Konstanz 2001.
  • Lind, Georg: Moral ist lehrbar, München 2009.
  • Nunner-Winkler, Gertrude: Moral. In: Schneider/Lindenberger:Entwicklungspsychologie.2012  (7. Auflage), S. 521-541.
  • Schuster, Peter: Von der Theorie zur Praxis – Wege zur unterrichtspraktischen Umsetzung des Ansatzes von Kohlberg. In: Edelstein/Oser/Schuster (Hg.): Moralische Erziehung in der Schule. Entwicklungspsychologie und pädagogische Praxis, 2001, S. 177-212.

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Fotoquelle: bubblews.com

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