DIE STUNDE DER FRAU! — #GENDERAKTION INTERVIEW MIT ANGELA KANE

Frauen* in Führungspositionen –  in Deutschland immer noch ein schwieriges Thema. Trotz dem Bundesgleichstellungsgesetz und diversen Vereinbarung mit der Privatwirtschaft steigt die Anzahl von Frauen* in decision-making positions nur langsam. Laut dem statistischen Bundesamts war 2015 nur knapp jede dritte Führungskraft weiblich. Auch das Frauen öfter mit Sexismus und Diskriminierung in ihrer Karrierelaufbahn zu kämpfen haben, ist kein Geheimnis.

Nichtsdestotrotz gab es und gibt es weiterhin Frauen*, die sich den steilen und schwierigen Weg durch die gläserne Decke und den vielen Hürden nach oben erarbeitet haben. Der Arbeitskreis Gendergerechtigkeit der Jungen DGVN (Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nation) – in dem auch ich ehrenamtlich aktiv bin – bringt eine großartige Reihe von Interviews mit Frauen in den Führungspositionen bei den Vereinten Nationen heraus, um die Schwierigkeiten aufzuzeigen, aber auch um Mut zu machen! Heute wurde das neue Interview mit Angela Kane veröffentlicht und das sollte niemandem vorenthalten werden! Weiter Interviews und andere coolen Beiträge zu der Jugendarbeit der DGVN und der Arbeit des AK Genders findet ihr auf dem Blog: https://www.itsyourun.de  #GenderAKtion!

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Ange­la Kane ist die rang­höchs­te Deut­sche im UNO-Sys­tem und ihre Leis­tung schlug selbst unter Gene­ral­se­kre­tä­ren Wel­len: Kofi Ann­an bat sie eine Son­der­mis­si­on im Kon­go zu lei­ten und Ban Ki-moon berief sie zur Unter-Gene­ral­se­kre­tä­rin für Manage­ment, der größ­ten Abtei­lung in der UNO. Nach einer kur­zen Som­mer­pau­se folgt nun das 2. Inter­view unse­rer Inter­viewrei­he zu weib­li­chen Füh­rungs­po­si­tio­nen in den inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen:

1. Bit­te stel­len Sie sich kurz vor und beschrei­ben Sie Ihre der­zei­ti­ge Tätig­keit?

3 Kane IMG 6462 - DIE STUNDE DER FRAU! — #GENDERAKTION INTERVIEW MIT ANGELA KANENach mei­ner Pen­sio­nie­rung von der Uno im August 2015 bin ich nach Euro­pa über­ge­sie­delt, und zwar nach Wien. Ich war bereits im Bei­rat einer nicht­staat­li­chen Organ­sa­ti­on (NGO), dem Vien­na Cen­ter for Dis­ar­ma­ment and Non-Pro­li­fe­ra­ti­on, die mir eine Funk­ti­on als “Seni­or Fel­low” anbo­ten, und so habe ich seit­dem dort ein Büro und bin wei­ter­hin im Abrüs­tungs­be­reich tätig.Daneben habe ich eine Gast­pro­fes­sur bei der Paris School of Inter­na­tio­nal Affairs (Sci­en­ce­s­Po), und unter­rich­te im Früh­jahrs­se­mes­ter eine Grup­pe von “gra­dua­te stu­dents”.  Ich bin Vize­di­rek­to­rin bei einer ande­ren Wie­ner NGO, dem Inter­na­tio­nal Insti­tu­te for Peace, und Vor­sit­zen­de des Bei­rats der Dia­lo­gue Advi­so­ry Group in Ams­ter­dam. Ich bin Mit­glied der “GEM”: Group of Emi­nent Per­sons of the Com­pre­hen­si­ve Test Ban Orga­ni­za­ti­on, Wien sowie Mit­glied des Euro­pean Lea­dership Net­work, Lon­don. Auch bin ich im Bei­rat der United Nati­ons Uni­ver­si­ty (mit Sitz in Tokio), sowie fol­gen­den wei­te­ren Beiräten:Unicef Deutsch­land, Secu­ri­ty Coun­cil Report (New York), Gene­va Cen­ter for Secu­ri­ty Poli­cy (Gene­va), Rese­arch Cen­ter for Nuclear Aboli­ti­on (RECNA), Naga­sa­ki Uni­ver­si­ty, Japan.Ich wer­de sehr oft zu Vor­trä­gen ein­ge­la­den und bin viel auf Rei­sen, daher noch sehr aktiv im poli­ti­schen Leben!

2. Könn­ten Sie Ihren Aus­bil­dungs- und Kar­rie­re­weg kurz beschrei­ben?

Ich bin in Hameln an der Weser gebo­ren und auf­ge­wach­sen; habe in Mün­chen, Bryn Mawr Col­le­ge in Penn­syl­va­nia und an der Johns Hop­kins School of Advan­ced Inter­na­tio­nal Stu­dies in Washing­ton stu­diert. Nach Auf­ent­hal­ten (und Arbeit) in Washing­ton, Den Haag, Paris und Bang­kok lan­de­te ich 1977 in New York und fing bei der Uno an. Das “War­um Uno” ist schnell beant­wor­tet: ich hat­te kein Arbeits­vi­sum für die USA und so war die Uno die ein­zi­ge Mög­lich­keit, zu arbei­ten. Mein Kar­rie­re fing beschei­den an.

Auf­grund guter Eng­lisch­kennt­nis­se bestand ich die Prü­fung als “Editor/Writer” und fing in dem Depart­ment of Public Infor­ma­ti­on an. Nach einem knap­pen Jahr kam ich in das Büro Wald­heims, des dama­li­gen Gene­ral­se­kre­tärs, der jeman­den such­te, der sowohl in Eng­lisch wie auch in Deutsch arbei­ten konn­te. Das war rie­sig span­nend und ich habe bis zum Ende sei­ner Amts­zeit in sei­nem Büro gear­bei­tet. Danach ging ich drei Jah­re nach Jakar­ta, zunächst bei UNDP, wur­de dann aber nach einem Jahr gebe­ten, in das Büro des Minis­ters für Fami­li­en­pla­nung zu wech­seln, der jeman­den für sei­ne Aus­lands­be­zie­hun­gen such­te, und so war ich zusam­men mit einem Fili­pi­no die Ein­zi­ge, die in ein 600-Per­so­nen star­kes Minis­te­ri­um ein­ge­bet­tet war.

Danach zurück nach New York, wo ich in den nächs­ten Jah­ren poli­ti­sche Arbeit mach­te. Erst in der Abrüs­tungs­ab­tei­lung, von dort wur­de ich zum Ver­hand­lungs­team für die Frie­dens­ver­hand­lun­gen in El Sal­va­dor rekru­tiert (Sprach­kennt­nis­se machen sich immer bezahlt!) und danach wur­de ich in das Büro von Gene­ral­se­kre­tär Bou­tros-Gha­li beru­fen, in dem ich drei Jah­re blieb und poli­ti­sche Beauf­tra­ge für Latein Ame­ri­ka sowie für Euro­pa war.  Durch die Krie­ge im frü­he­ren Jugo­sla­wi­en war das eine inter­es­san­te aber auch sehr anstren­gen­de Tätig­keit. So ver­lie­fen die ers­ten 18 Jah­re bei der UNO.

In der Zeit stieg ich von P-2 auf D-1 auf. 1995 wur­de ich Direk­to­rin (D-2) im Depart­ment of Public Infor­ma­ti­on und lei­te­te eine gro­ße Abtei­lung von 250 Mit­ar­bei­tern, die sich mit Ver­öf­fent­li­chung von Infor­ma­ti­ons­ma­te­ri­al und ihrer Ver­trei­bung sowie der Dag-Hammarsk­jöld-Biblio­thek befass­te. Es war am Anfang des Digi­tal­zeit­al­ters und ich habe die Web­site der UNO erstellt. Es gehör­te eigent­lich gar nicht in mei­nen Arbeits­be­reich, aber ich zeig­te Inter­es­se (und auch Vor­kennt­nis­se) und so bat mich der Unter-Gene­ral­se­kre­tär, die­se Auf­ga­be zu über­neh­men. Die­ser Ein­satz hat nicht nur Spaß gemacht, son­dern brach­te mich auch in ganz ande­re Arbeits­krei­se.

Von dort ging ich in die Poli­ti­sche Abtei­lung, als Direk­to­rin ver­ant­wort­lich für Nord- und Süd­ame­ri­ka sowie Euro­pa. Eine gro­ße Ver­ant­wor­tung, da ich für die Vor­be­rei­tung der Tref­fen des Gene­ral­se­kre­tärs sor­gen muss­te, mit Sprech­zet­teln, Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und auch Pro­to­kol­le der Sit­zun­gen schrei­ben muss­te. 2002 bat mich Gene­ral­se­kre­tär Kofi Ann­an, stell­ver­tre­ten­de Lei­te­rin (Depu­ty Spe­cial Rep­re­sen­ta­ti­ve of the Secreta­ry-Gene­ral) einer PKO zu wer­den, und so ging ich nach Äthio­pi­en-Eri­trea zu UNMEE, wo ich andert­halb Jah­re blieb. Wäh­rend mein Chef die poli­ti­schen Ver­hand­lun­gen lei­te­te, war ich für 4,200 Trup­pen und mehr als 500 Mit­ar­bei­ter ver­ant­wort­lich, reis­te selbst viel in bei­den Län­dern sowie auch in ande­re afri­ka­ni­sche Staa­ten — eine Erfah­rung, die mei­nen poli­ti­schen Hori­zont deut­lich ver­brei­ter­te.

2004 kehr­te ich nach New York zurück und wur­de Assi­stant Secreta­ry-Gene­ral in dem “Depart­ment for Gene­ral Assem­bly and Con­fe­rence Manage­ment” — eine Abtei­lung, die für die Orga­ni­sa­ti­on aller Sit­zun­gen und Kon­fe­ren­zen ver­ant­wort­lich ist, für alle Über­set­zer, alle Dol­met­scher, alle Doku­men­te, die die Uno her­aus­gibt — eine Abtei­lung, die fast 20% des regu­lä­ren Haus­hal­tes aus­gibt. Es war eine gro­ße Ver­ant­wor­tung, die ich dort über­nahm. Wäh­rend die­ser Zeit wur­de ich von Kofi Ann­an gebe­ten, eine Son­der­mis­si­on in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go zu über­neh­men: eine Unter­su­chung von sexu­el­ler Aus­beu­tung der Sol­da­ten sowie von Uno-Beam­ten, die gera­de bekannt gewor­den war, und so ging ich für eini­ge Mona­te nach Kin­sha­sa und reis­te auch viel im Land selbst. Der Bericht resul­tier­te nicht nur in der Über­füh­rung von eini­gen Tätern, son­dern auch in einer Neu-Ori­en­tie­rung und Anwei­sung, wie man mit dem The­ma umge­hen muss.

2006 bekam ich den Pos­ten des Assi­stant Secreta­ry-Gene­rals in der Poli­ti­schen Abtei­lung; ich war für Nord- und Süd­ame­ri­ka, für Euro­pa, für den Nahen Osten und für Asi­en ver­ant­wort­lich — eine Rie­sen­auf­ga­be, die mich mit vie­len Pro­ble­men kon­fron­tier­te, mich aber auch in vie­le Län­der führ­te. Man hat­te nie eine Pau­se, konn­te  auch im Urlaub nicht abschal­ten — aber es war rie­sig inter­es­sant und ich möch­te es nicht mis­sen. Ich reis­te auch sehr viel als poli­ti­sche Bera­te­rin mit dem Gene­ral­se­kre­tär; erst mit Kofi Ann­an, dann Ban Ki-moon. Ban Ki-moon berief mich dann 2008 als Unter-Gene­ral­se­kre­tä­rin für Manage­ment — die größ­te Abtei­lung des Uno-Sekre­ta­ri­ats über­haupt.

3 Kane IMG 6465 - DIE STUNDE DER FRAU! — #GENDERAKTION INTERVIEW MIT ANGELA KANE

Die­se Stel­le hat­te ich vier Jah­re inne, län­ger als vie­le mei­ner Vor­gän­ge­rin­nen, die oft nur ein Jahr oder andert­halb Jah­re blie­ben. Es war eine har­te Zeit, in der ich viel mit den Mit­glieds­staa­ten über den Haus­halt ver­han­deln muss­te, Refor­men durch­ge­setzt habe, eine Erneue­rung des “Admi­nis­tra­ti­on of Jus­ti­ce” ein­ge­führt habe.

Mein letz­ter Pos­ten war dann als Hohe Reprä­sen­tan­tin für Abrüs­tung, ein Pos­ten, den ich über drei Jah­re inne­hat­te und der mit der Review Con­fe­rence für den Atom-Sperr­ver­trag 2015 ende­te — der lei­der ohne Schluss­do­ku­ment blieb. Ich habe meh­re­re Jah­re über mein Pen­si­ons­al­ter (60) hin­aus gear­bei­tet — oft wer­de ich gefragt, wel­cher von den vie­len Pos­ten ich am liebs­ten aus­ge­übt habe. Das ist nicht leicht zu beant­wor­ten: in jedem Pos­ten habe ich etwas dazu­ge­lernt, etwas bei­tra­gen kön­nen, es immer inter­es­sant gefun­den. Es waren Auf­ga­ben, die span­nend waren, bei denen ich mit guten und fähi­gen Mit­ar­bei­tern zusam­men­ar­bei­ten konn­te, und dafür bin ich dank­bar.

3. Inwie­fern ist Ihnen auf ihrem Wer­de­gang jeg­li­che Art von Dis­kri­mi­nie­rung auf Grund ihres Geschlechts begeg­net?

Als ich in den sieb­zi­ger Jah­ren anfing, zu arbei­ten, war die Welt für Frau­en noch anders gestrickt. Als ich gleich nach dem Stu­di­um in Washing­ton bei dem Aus­lands­kor­re­spon­den­ten des “Spie­gels” anfing zu arbei­ten, wur­de mir ver­spro­chen, ich wür­de als Jour­na­lis­tin aus­ge­bil­det, dürf­te Arti­kel mit vor­be­rei­ten und spä­ter auch selbst schrei­ben. Es stell­te sich aller­dings her­aus, dass ich auch nach eini­gen Mona­ten wei­ter­hin im Büro den Emp­fang mach­te und Kor­re­spon­denz schrieb: sehr viel mehr Sekre­tä­rin als jour­na­lis­ti­sche Mit­ar­bei­te­rin.

Die zwei­te Erfah­rung war eben­so ernüch­ternd: ich arbei­te­te bei der Welt­bank und bewarb mich in das Young Pro­fes­sio­nals Pro­gram, durch­lief alle Sta­tio­nen erfolg­reich — jedoch wur­de mir am Ende erklärt, dass man mich nicht in das Pro­gramm auf­neh­men könn­te, denn mein Mann sei noch an sei­ner Dok­tor­ar­beit tätig und so sei das Risi­ko zu groß, dass ich absprin­gen wür­de, sowie er fer­tig sei — die Inves­ti­ti­on in mei­ne Aus­bil­dung lohn­te sich nicht.

Auch bei der Uno — wie in ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen — gibt es Dis­kri­mi­nie­rung, aber es geht wesent­lich sub­ti­ler zu. Offe­ne Dis­kri­mi­nie­rung ist tabu, aber auch heu­te noch gibt es Mög­lich­kei­ten, Frau­en zu über­ge­hen, sie in Dis­kus­sio­nen zu über­trump­fen, ihnen weni­ger inter­es­san­te Arbeit zu über­tra­gen — es gibt vie­le For­men, und man erkennt sie nach eini­gen Jah­ren in der Arbeits­welt. Auch sexu­el­le Beläs­ti­gung gibt es noch, und man darf nicht ver­ges­sen, dass in der Uno vie­le Men­schen und Kul­tu­ren auf­ein­an­der­tref­fen, deren Gebräu­che und Sit­ten oft sehr unter­schied­lich sind. Fühlt man sich dis­kri­mi­niert, muss man sich gezielt dage­gen weh­ren: bestimmt, sach­lich, kühl über­le­gen. Und sofort.

4. Haben Sie einen Rat­schlag für jun­ge Frau­en in der Arbeits­welt, ins­be­son­de­re im inter­na­tio­na­len Kon­text?

Ich wäre gern noch­mal zwan­zig Jah­re jün­ger, denn jetzt schlägt die Stun­de der Frau. Vor allen in höhe­ren Posi­tio­nen, in Chef­eta­gen, wer­den Frau­en gesucht und mein Rat ist fol­gen­der: bit­te gleich bewer­ben, nicht zögern, nicht den­ken, für den Pos­ten bist du nicht voll qua­li­fi­ziert! Was man nicht kann, lernt man dazu. Män­ner sind da viel uner­schro­cke­ner. Bit­te mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men, sich mel­den für ver­ant­wor­tungs­vol­le Pos­ten, bereit sein, ins Aus­land zu gehen, nicht zu lan­ge auf einem Pos­ten hocken, weil man den ja kennt und sich in dem Bereich wohl­fühlt.

Lie­ber mal das Neue wagen, das Unge­wis­se — und wenn man mal stol­pert, dann steht man halt wie­der auf und macht was ande­res. Kei­ner kann eine erfolg­rei­che Kar­rie­re garan­tie­ren, aber jeder Weg hat ein Ziel, auch wenn man es vor­her viel­leicht noch nicht über­se­hen kann. Aber immer vor­aus­schau­en — und zu allen Kol­le­gen, auch im Umfeld, hilfs­be­reit und freund­lich sein, kei­ne unnö­ti­gen Fein­de machen, net­wor­king ist sehr nütz­lich.

Und damit wün­sche ich viel Erfolg!

 

Die­ses Inter­view wur­de von Eva Rit­te geführt.

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