Suizid – selbst Schuld?

Suizid. Ein scharfes Wort.

„Da hat sich einer vom Zug geschmissen.“, höre ich einen DB-Service-Angestellten, der mit seinem Knabberzeug durch die Waggongs schreitet und auf hungrige und durstige Kunden wartet.

Selbstmord. Klingt schon ein wenig weicher.

„Wegen dem Idioten hab´ich a Haufn Geld verlorn!“-

Freitod. Hört sich fast wie Frei   heit an. Auf jeden Fall positiver als Suizid oder Selbstmord.

„ … dem Idioten …“, hallt es in meinem Ohr. Und:

Empörung steigt in mir hinauf.

„Zwei Züge sind wegen dem ausgefallen. Kann der sich nich wo anders rausschmeissen?!“ …

Eindeutig: erfolgreicher Suizidversuch.

200 bis 300 Jugendliche schmeißen sich jährlich vom oder vor den Zug.

„Bis die Teile von dem Idioten aufgesammelt werden, dauert´s natürlich! Idiot!“, betont der Angestellte.

Wer weiß, wie viele Jugendliche sich im Jahr das Leben nehmen. Wie viele junge Geister die Menschheit verliert…

Wir leben in einer Welt, in der das Mitgefühl auf Null gesunken, nein eigentlich schon in die Minusbereiche getreten ist. Auf der Skala wäre die Null eine desinteressierte Haltung. Aber Wut auf den zu bemitleidenswerten befindet sich links neben Null. Da fehlt es mir auch an Mitgefühl für den DB-Angestellten, der wahrscheinlich auf die zwei ausfallenden Züge finanziell angewiesen ist.

Was ist das für eine Welt, in der wir im Überfluss lebend Armut verspüren können und Wut auf die sichtbaren Konsequenzen einer verzweifelten Seele entwickeln.

Wir Menschen vergessen manchmal in unserem Alltag, dass wir nicht immer die Hauptdarsteller der Welt sind, und können uns kaum in die Lage unseres Gegenübers versetzen.. Suizid ist auch nichts, was nicht jeden Tag geschieht. Und es ist auch nichts, was nicht jedem aus nächster Nähe erleben könnte. Es sind auch nicht viele Faktoren nötig, die zu einem Selbstmordversuch führen. Entscheidend ist hierbei zu beachten, dass unsere Kinder, Freunde und Bekannte den Wunsch des Freitodes in sich tragen könnten. Und die Frage ist, wie wir präventiv statt interventiv, also vorbeugenden statt eingreifenden Einsatz zeigen können. Und mal zu erforschen, ob es überhaupt Anzeichen gibt, an denen wir das Vorhaben eines Selbstmordes erkennen können.

Besonders Jugendliche brauchen es an Selbstwertschätzung und Anerkennung. Auch wenn sie oft an allem desinteressiert scheinen und man ihren Gesichtern „Hab Null Bock auf gar nichts“ abzulesen ist, ist es doch so, dass genau diese Heranwachsenden ihre Umgebung und die Menschen um sie herum, sehr bewusst wahrnehmen. So ist es wichtig, sensibel mit genau diesen umzugehen, um keine Mörder der Zukunft zu sein und um sie nicht zum Suizid, zu „einem der häufigsten Todesursachen bei jungen Erwachsenen“[1], zu führen.

Und es langt nicht nur der sensible Umgang mit den Jugendlichen, sondern es bedarf auch an der Arbeit an der Gesellschaft, die einen auch dazu treiben kann, einen Selbstmordversuch zu starten. Diese Gesellschaft  zu verändern bedarf es an harter Arbeit. Doch jeder kann schon mal an sich beginnen zu arbeiten. Für mich selber bin ich es, an der ich anfangen muss, mir Gedanken zu machen, welche Laster ich abzulegen habe und zu Tugenden umzuwandeln habe. Denn Gandhis Appell gilt heute noch, welcher besagt, dass man selber „die Veränderung (sein soll), die (man sich) für die Welt wünschst!“

Comments

  1. banu hatun says:

    Jaa so ist es leider in unserer Gesellschaft. Da ich selber bei der Bahn Eine Ausbildung gemacht habe musste ich leider oft solche Kommentare hören 🙁 leider allzu oft selber erlebt dass sich die ehemaligen Kollegen sich sogar eben richtig aufgeregt haben warum sich diese Leute sich vor nem Zug schmeissen statt sich aufzuhängen o. ä….. Null Trauer null Mitgefühl Jaaa wies schon hier so schön geschrieben ist, weit unter null eigentlich….

    Ich hoffe dass diese Desinteresse der Gesellschaft sich mindert dass man sich traut 1. Zu fragen anzusprechen wenn man merkt dass mit einer Person Was nicht stimmt u 2. Dass diese Personen offener mit ihren Problemen reden…. Geben ist Eine Sache man muss auch lernen zu nehmen wenn schonmal Was angeboten wird….

    Find ich super dass gerade über diese Problematik geschrieben wurde… Danke gülseher soyer

  2. Frieda Kramer says:

    „Was ist das für eine Welt, in der wir im Überfluss lebend Armut verspüren können und Wut auf die sichtbaren Konsequenzen einer verzweifelten Seele entwickeln.“
    ….
    In diesem Artikel nicht der einzig gute Satz, aber einer, der mir besonders gefällt, weil er so kurz und doch präzise ausdrückt, was für eine miese Krankheit diese Gesellschaft hat… Und so vielleicht das eine oder andere Herzensauge öffnet …..

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