Tabus brechen – über Suizid sprechen

Jede Stunde stirbt ein Mensch in Deutschland durch seine eigene Hand. Es sind meist junge Menschen unter 25 Jahren, die sich durch Erhängen, Ersticken oder Strangulieren das Leben nehmen. Vielfach stehen Sendungen über Suizide im Kreuzfeuer der Kritik. Über Suizid sprechen ist nicht gerade chic. Es ist eines der letzten Tabus unserer Zeit, dabei könnten Gespräche über Suizid Leben retten. Was kann man für Suizidgefährdete tun? Und welche Rolle spielen dabei die Medien, wenn es um Serien wie „Tote Mädchen lügen nicht“ geht?

Der Suizid ist ein Massenphänomen. Vom Arbeiter bis zum Manager, vom Akademiker bis zum Popstar tritt er in jeder Schicht und in jedem Beruf auf. Jede Stunde nimmt sich ein Mensch in Deutschland das Leben, um genau zu sein: alle 53 Minuten. Das sind jährlich ungefähr 10.000 Menschen und damit mehr als alle Todesopfer von Verkehrsunfällen, Gewalttaten, illegalen Drogen und Aids zusammen. Nicht jeder Suizidversuch verläuft erfolgreich. Schätzungsweise sind es in Deutschland 150.000 Suizidversuche, die jedes Jahr verübt werden.

Betroffen sind sehr junge und sehr alte Menschen

„Ich habe mir in meiner ganzen Jugendzeit wegen irgendwelchen Problemen den Kopf zerbrochen. Ich glaube, das war wirklich durchgehend so. Und meine Eltern, meine Güte, die haben mich wirklich nie verstanden. Zumindest fand ich das so. Aber wenn ich plötzlich nicht mehr da wäre, dann wäre auch der Schmerz nicht mehr da. Dieser Gedanke kam mir ganz oft. Es tat mir schon irgendwie weh so darüber zu denken“, sagt Julia K. (26) aus Bielefeld. Als ihr der erste Suizidgedanke kam, war sie 15.

[frame_box]Krankheiten der Seele können den Tod nach sich ziehen, und das kann dann Selbstmord werden.
Georg Christoph Lichtenberg, Schriftsteller[/frame_box]

Es sind tatsächlich junge Menschen zwischen 15 und 20, die am stärksten von Suizid betroffen sind. Nach Verkehrsunfällen sind Suizide die zweithäufigste Todesursache in diesem Lebensabschnitt. Umgerechnet heißt das: Jeden zweiten Tag nimmt sich ein junger Mensch das Leben. Aber auch bei Menschen ab 60 steigt die Suizidrate steil an.

Die Gründe für Suizid sind vielfältig

Die Gründe aus denen heraus Suizid begangen wird sind vielfältig. Zu den Risikofaktoren gehören Lebenskrisen wie sexueller Missbrauch oder eine langjährige Arbeitslosigkeit. Auch Depressionen, finanzielle Not, Diskriminierung und Ausgrenzungserfahrungen, Suchterkrankungen und Überforderung können jemanden zum Suizid leiten. Doch mehr als die Risikofaktoren zählt, wie der Einzelne mit Problemen umgeht. Wenn die Selbstheilungskräfte erschöpft sind, können selbst als unwichtig erscheinende Dinge Krisen auslösen.

Möglich ist auch, dass gerade Mobbing und das immer stärker verbreitete Cybermobbing junge Menschen dazu leitet Suizid zu verüben. Um Mobbing geht es auch in Jay Ashers „13 Reasons Why“, welches als „Tote Mädchen lügen nicht“ verfilmt wurde. Jay Asher schildert in 13 Kapiteln, die Ursachen des Suizids einer Siebzehnjährigen. Vor ihrem Tod spricht die Hauptfigur auf mehrere Kassetten, um mit all ihren Mobbern abzurechnen. Vor allem zeigt der Jugendroman, dass fehlende Gespräche, fehlendes Verständnis und eine Kluft zwischen den Welten von Erwachsenen und Jugendlichen zu den Auslösern von Suizid im jungen Alter gehören. Kritisiert wird die Verfilmung „Tote Mädchen Lügen nicht“, weil sie minutenlang und detailliert den Suizidakt darstellt.

Zwischen dem Werther- und Papageno-Effekt

Viele befürchten, dass die minutenlange und unreflektierte Darstellung von Suizid den Werther-Effekt auslöst. So bezeichnet man Nachahmungseffekte, die ausgelöst werden durch Berichte und Sendungen über Suizid. Doch Medieninhalte können den Betroffenen auch helfen und präventiv wirken. Dann spricht man vom Papageno-Effekt. Den Papageno-Effekt kann man beispielsweise mit der Telefonseelsorge oder mit Informationen über Hilfsangebote erreichen. Sogar mit Sendungen der Unterhaltungsindustrie kann man präventiv gegen Suizid vorgehen, wenn die Bewältigung der Krise thematisiert wird.

„Es kommt auf den Inhalt an, also auf das ‚Wie‘ der Darstellung. Wenn die erfolgreiche Bewältigung von Krisen im Vordergrund steht, kann das Betroffenen helfen, suizidale Krisen zu überwinden“, sagt Dr. Florian Arendt vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).

Mit seinem Kollegen Dr. Sebastian Scherr forscht Florian Arendt, welche Auswirkungen der Suizid eines Prominenten auf Suizid bezogene Online-Informationen hat. Ihre Auswertung zeigt, dass unmittelbar nach Robin Williams‘ Suizid, über den stark berichtet wurde, Wörter wie „hanging“ oder „commit suicide“ überdurchschnittlich oft bei Suchmaschinen eingegeben wurden. Deswegen sieht Sebastian Scherr auch Suchmaschinen zunehmen in der Pflicht präventiv vorzugehen: „Suchmaschinen wie Google sollten Onlinenutzer, die bestimmte Stichwörter eingeben, noch stärker auf Hilfsangebote hinweisen,“ so Scherr. Beide Forscher fordern, dass Richtlinien für die Darstellung von Suizid in Nachrichten, Filmen und Serien erarbeitet und umgesetzt werden sollen. Die Konsultation von Experten ist eines der Vorschläge, die sie vorbringen.

Auch Julia hat solche Hilfsangebote in Anspruch genommen. Doch was ihr half war ein Mix aus allem, sagt sie: „Irgendwann ging ich zum Psychotherapeuten, weil meine Eltern auch gemerkt hatten, dass etwas nicht stimmt. Und es war ja kaum auszuhalten. Mir tat es ganz gut darüber zu sprechen. Aber die Therapie ist halt auch irgendwann vorbei und dann habe ich erst richtig gelernt mir selbst zu helfen und helfen zu lassen. Malen tut mir gut und die Gespräche mit meiner Mutter auch.“

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