Über Flüchtlinge und die Kunst des Wegsehens

Wer hat sich noch nicht über sie gewundert; den Menschen die auf Straßen Geld erbetteln! Oft ist man dazu geneigt, so schlecht wie möglich über sie zu denken, damit das schlechte Gewissen beruhigt werden kann. Dabei fliegen einem nicht selten Gedanken wie: „Soll dieser Bettler doch arbeiten wie jeder andere auch!“, oder, „wenn ich dem da Geld gebe, dann gibt er es sowieso für Alkohol aus!“, oder, (mein persönliches Lieblingsvorurteil), „der spart sich doch ’ne goldene Nase“ durch den Kopf. Es wäre auch tatsächlich ein Wunder, dass jemand bei dem Anblick eines obdachlosen Bettlers denken würde: „Du armes Opfer unserer auf Profit gerichteten und Konsum gesteuerten Spaßgesellschaft! Aufgrund privater Probleme bist du entweder in das unendlich tiefe Loch des Alkoholismus oder das einer x-beliebigen psychischen Krankheit gefallen und somit in deinen finanziellen Ruin. Ohne Fremde Hilfe wirst du nie wieder ein produktiver Bürger dieses Landes werden!“

Sobald dieser Bettler der ethnischen Gruppierung der Roma angehörig sein sollte, fallen einem sofort die wildesten und fantasie-reichsten Geschichten von Dieben und Landstreichern ein, die nur deshalb so tief in unseren Köpfen verankert sind, weil sie in Europa immerhin schon seit Jahrhunderten erzählt werden. Trauriger Weise machen sich nur wenige die Mühe, die Gründe zu erforschen, warum viele Bettler obdachlos sind und noch Weniger finden tatsächlich Wege, ihnen zu helfen. Am schlechtesten ist die Minderheit der Roma- Flüchtlinge dran, die aus Mazedonien oder Serbien nach Italien, Spanien oder Deutschland fliehen müssen. In Italien und Spanien finden sie wegen der dortigen wirtschaftlichen Verhältnisse keine Form von Arbeit, (noch nicht einmal als Putzkraft), und in Deutschland bekommen sie kein Aufenthaltsrecht und dürfen deshalb gar nicht arbeiten. Unser Bundesinnenminesterium veranlasste das Bundesamt dazu, bei diesen Flüchtlingen aus Serbien und Mazedionen ab dem Herbst 2012 pauschale Ablehnungs-Schnellverfahren zu betreiben und das verbesserte ihre Aussicht auch nicht gerade. Ohne Aufenthaltsrecht lebt man in Deutschland lediglich als Geduldeter. Sie gelten als diejenigen, die nicht abgeschoben werden können. Von ihnen gibt es derzeit etwa 86.000. Als „Geduldeter“ bleiben einem nur wenige Optionen offen: Entweder man sucht Metall-Schrott, wird Bettler oder Straßenmusikant. Zudem muss ein in Deutschland „Geduldeter“ oft in schäbigen Unterkünften leben, die teilweise sogar menschenunwürdig sind, einen dringenden Renovierbedarf besitzen, keinen Stromanschluss haben und den „normalen“ Einwohnern Deutschlands nicht zugemutet werden.

In den einzelnen europäischen Ländern verharren jedoch auch unzählige Flüchtlinge aus Afghanistan, Irak,Iran, Libyen, Somalia, DR Kongo, Burkina Faso, Eritrea, Äthiopien,Myanmar, Vietnam, Kolumbien und Syrien, die allesamt schon seit Jahren auf die Bewilligung ihres Asylantrags warten. Ihre Anzahl betrug Ende des Jahres 2012 64.539. Sie verließen wegen der politischen Unruhen, des anhaltenden Armuts, des Krieges oder des Terrors sowohl ihre Familien als auch ihr weniges Hab und Gut, um im scheinbaren Traumkontinent Europa ihr Glück zu versuchen. Sie alle sind dabei dazu genötigt, verschiedene Torturen durchzustehen, die ihnen sowohl körperlich als auch geistig die gesamte Lebensenergie rauben. Auf ihrer Reise nach Europa sterben viele von ihnen entweder auf dem offenen Meer, oder in einem der europäischen Länder, wo sie zu Tode verprügelt werden oder verhungern müssen. Dieser Zustand herrscht beispielsweise in Griechenland, wo sie wegen der unstabilen finanziellen Verhältnisse auf offener Straße von Rechtsradikalen oder Polizeibeamten verprügelt werden. Die wenigen „Glücklichen“, die die katastrophale Reise durch die europäischen Länder überleben und es in ein selbst auserwähltes Lieblingsland geschafft haben, müssen schließlich in überfüllten und unhygienischen Unterkünften verbleiben, bis sie doch noch wieder zurück in das Heimatland abgeschoben werden.

Es ist sehr traurig, dass immer wieder sehr viele Flüchtlinge auf einmal im Meer ertrinken müssen, damit das „Flüchtlings-Problem“, dass schon seit Jahrzehnten besteht, in den Medien und in der Politik thematisiert wird.
Die Zahl unserer Asylsuchenden ist seit dem Anfang der 90 Jahre weltweit immer mehr am sinken und im Jahr 2007 gab es einen Tiefwert von 19.000. Selbst wenn im Jahr 2012 dieser Wert um 40% gestiegen ist und es 64.539 Flüchtlinge gab, relativiert sich dieser Eindruck der sehr hohen Flüchtlingsanzahl, sobald man diese Zahl in Relation zu den Asylbewerberzahlen vergangener Jahre betrachtet.
Trotz dieser positiven Bilanz, wird stets ein Gefühl der Überfremdung vermittelt, dass eine allgemeine europäische Panik erzeugt.Diese Form von Angst vor einer kulturellen Überfremdung und des wirtschaftlichen Zusammenfalls, vehindert die Einführung der wenigen wirklich effektiven Reformen an unserer Flüchtlingspolitik.
Ich frage mich, so wie viele andere auch in diesem Land, ob unsere stabilen, guten Verhältnisse und unser offensichtlicher Wohlstand uns blind für die Not anderer gemacht hat?Haben wir Deutsche eine so große Angst vor einer Überfremdung, dass wir unsere Hilfeleistung bewusst untersagen? Eine viel gewagtere Frage ist, ob die große Anzahl von Flüchtlingen, die jedes Jahr auf den Weiten des Meeres sterben müssen, gewollt ist und Teil der europäischen Anti-Flüchtlings Abschreckungspolitik ist?

 

Fotoquelle: DW

 

Comments

  1. Tuyrak says:

    ,Die Kunst des Wegsehens‘ kann man auch als ,gebildete Ignoranz‘ beschreiben, wie es die Journalistin Charlotte Wiedemann in Ihrem Buch ,Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben‘ bezeichnet. Hoffe wir sind global irgendwann soweit die ,Kunst des Teilens‘ zu praktizieren.

    1. Daniel M. says:

      Kein Mensch ist illegal!!!
      Und wessen ‚ Würde ist unantastbar“ , nur die des weißen Menschen nicht?
      Aber es liegt wohl im Naturell des Menschen strukturell zu diskriminieren.

  2. Emine says:

    Abgesehen von der politischen Ebene liegt die Schwierigkeit darin, dass unsere direkte Lebenswelt von der Problematik nicht betroffen ist und wir keinen persönlichen Bezug zu Flüchtlingen herstellen können. Wir hören davon in den Nachrichten und wissen, dass es an fernen Orten schlimme Dinge passieren. Aber wir sind in einer Beton- Gesellschaft aufgewachsen, in der das größte Problem darin liegt, ob das Taschengeld für das nächste Super-Mario Spiel reicht.

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