Seit 2013 haben Eltern sogenannter "Sternenkinder" das Recht in Kind im Standesamt mit einem würdigen Namen anzumelden. Bisher waren alle tot geboren Kinder unter 500 Gramm vom Gesetzgeber gar nicht offiziell anerkannt. Nach einem langen Kampf des Hessischen Ehepaares Barbara und Mario Martin können nun alle diese Sternenkinder registriert und bestattet werden. Jährlich kommen schätzungsweise ca. 1500 Sternenkinder in Deutschland für einen kurzen Moment auf die Welt. 

Ich möchte mit diesem Text ein Sternenkind einer starken Frau in Erinnerung halten. Hier ihre Geschichte....

Eine Schwangerschaft ist wahrscheinlich das einzigartigste Ereignis im Leben und Körper einer Frau. Allein schon die Idee und der Gedanke, dass ein kleiner neuer Mensch im innersten heranwächst, ist unbeschreiblich einzigartig. Es gibt sehr viele Frauen, die sind auf einmal, ganz plötzlich und oftmals "ungeplant" schwanger, wie sie immer gerne erzählen. Aber all jene Frauen, die sich nichts sehnlicher wünschen als Mutter zu werden, die jeden Monat einen kleinen Plastik-Stift, getränkt in ihrem eigenen Urin, Minuten lang anstarren, und ihr gesamtes Glück davon abhängig sehen einen zweiten kleinen Strich auf dem Sichtfenster zu sehen, um diesen Schwangerschaftstest als positiv auswerten zu können- ja all diese Frauen wissen, dass der Zustand der Schwangerschaft keineswegs zufällig, ausversehen und schon gar nicht einfach zustande kommt. Ich zählte vor knapp zehn Jahren zu diesen Frauen. Jeden Monat verbrachte ich meine rituellen 15 Minuten mit meinem Schwangerschaftstest, ließ alle meine Hoffnungen, Wünsche und Träume in diesen Plastik Stick fließen. Verließ dann den Stick wieder mit einem Kloß im Hals, einem gebrochenen Herz, einem leeren Bauch und einer Träne auf der Wange. Es wollte nicht klappen. Es war nicht zu fassen. Kein Nikotin, kein Alkohol, kein Stress und trotzdem kein Baby! Ich empfand es als unfair, so viele wirklich dumme Frauen wurden schwanger und wollten diesen Zustand, in den ich ja nun aus irgendeinem Grund nicht übergehen konnte, so schnell wie möglich wieder los werden. Die Welt war einfach viel zu komplex und alles sehr sehr hart. In der Stadt sprangen mir immer die glücklichen Mütter mit ihren zuckersüßen Babys ja schon regelrecht ins Auge. Sie kotzen mich an, mit all ihrem Babyglück. Sogar der Schwangerschaftsspeck stand diesen Frauen ungemein gut. Ich möchte erst gar nicht über ihren super tollen Nachwuchs reden. Freundinnen unterhielten sich irgendwie immer mehr über ihre Kinder und deren Angelegenheiten, oder es kam mir so vor. Ich zog mich also immer mehr zurück....Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung ganz zuletzt. Und so kann ich mich eben noch an den Tag so gut erinnern als wäre es gestern, als ich den allerletzten Schwangerschaftstest aus dem Schrank nahm, diesen anwendete, mir dachte, dass die verzögerte Periode nun sicher ein Indiz für eine schlimme Hormonstörung sei, und auf einmal regelrecht auf den Stick glotzte: es waren zwei Striche! Zwei Striche, na gut, der zweite zwar ziemlich schwach- aber definitiv zwei Striche. Und ich hatte mich schon so sehr an den Anblick von einem Strich auf dem Fensterchen gewöhnt, dass ich den Beipackzettel nachlesen musste, ob das nun wirklich das bedeutete, was ich mir so lange erhofft hatte. Ich konnte es nicht fassen: ich war schwanger....

Jede Schwangerschaft ist ein kleines Wunder. Ich glaube sogar, für alle Beteiligten dieser Schwangerschaft, eine Gelegenheit die Konstellation Schöpfer und Geschöpf nochmals gründlich durchzustudieren. Der Glaube wird um ein vielfaches gestärkt, dieses Wunder ist eine richtige Klarstellung von Fehlstellungen jeglicher Art: Religion, Gesundheit, Einstellung zum Leben und Ziele... Alles was vorher wichtig war kann von einer Sekunde in die nächste absolut unwichtig werden. Man ist nun verantwortlich für einen anderen Menschen. Vielleicht war man es vorher auch schon, aber noch nie in diesem Ausmaß und in dieser Form. Man lebt bewusster und bedachter, so war es bei mir. Ich verzichtete auf Koffein, Teein, und alles was als eventuell bedenklich einstufbar war. Ich war einfach happy. Mein Rhythmus hatte sich gänzlich umgestellt, mein Geschmack verändert, meine Einstellung fixiert: das Ziel hieß-Mama. Jeder Arzttermin entwickelte sich in einen Biologie-Dokumentarfilm. Es ist nicht zu beschreiben. Man kann es wirklich nur als Wunder kurzfassen. Woche für Woche verging, die Schwangerschaft hatte keine allzu großen Nachwirkungen wie Übelkeit und Hormonstörungen auf mich. Es war einfach alles wie im Bilderbuch. Leider hatte das Baby keine allzu große Lust mir das Geschlecht zu verraten, folglich konnte ich nicht im Kaufrausch Ekstase Zustände erreichen. Aber am 3. Januar sollte es nun endlich soweit sein. Bei diesem Arzttermin hatte die Ärztin zugesichert, dass es klappen müsste. Anfang der 16. Schwangerschaftswoche war der Termin angesetzt. Selbstverständlich lies ich mich dumm und dämlich in Internetseiten und Foren und war bestens informiert.

So gingen wir dann an diesem bekanntlichen 3. Januar in aller Herrgottsfrühe zu unserem Termin. Mein Mann begleitete mich. Wir wollten diesen Moment teilen. Es war uns unwichtig ob Mädchen oder Junge, alles war herzlich willkommen. Aber neugierig waren wir und ungeduldig. Geplant hatten wir. Im Planen waren wir zwei Meister. Zuerst zum Arzt, dann schön Frühstücken und dann gleich in die Stadt und Strampler und Co. besorgen. Schließlich warteten wir seit knapp vier Monaten auf diesen Tag. Es war alles so aufregend. Wir kamen dran und die Ärztin legte gleich mit dem Ultraschall los. Das Kind hätte sich prächtig entwickelt, sagte sie, man konnte auf dem Bildschirm einen kleinen Menschen sehen, der eine verbeugte Haltung hatte. Hände, Arme, Füße, Beine, Kopf, ja sogar die Stupsnase war da. Welch Glücksmoment.... Alles war wie im Film. Aber leider nicht wie in einem Liebesfilm. In den kommenden Minuten kippte das Glücksmoment mit einem einzigen Satz und wir befanden uns in einer Tragödie. Die Ärztin wurde ganz still und erst. Sie schien etwas zu suchen und nicht zu finden. Sie sah so aus, als wolle sie sich vergewissern. Nach einigen Minuten, welche wie eine Ewigkeit erschienen und mit Fortschreiten signalisierten, dass es etwas nicht passt oder stimmt und dass gleich etwas ganz ganz schlimmes passierten wird, kam dieser eine Satz. Ein Satz, der wie ein unbeschreiblich brutaler, harter Schlag in den Magen einem die Luft wegnimmt. Der Satz der sich wie eine bloße Hand in den Brustkorb hineinbohrt, alle Organe wegschiebt, sich genau das Herz ertastet, es fest umzingelt und dann so fest zudrückt, dass zwischen den Fingern die Oberfläche des Herzens quasi raus quellen. Sie sagte ganz leise und traurig "es tut mir sehr leid für sie. Das Herzchen schlägt leider nicht mehr. Es muss erst vor einigen Tagen passiert sein, denn bei der letzten Untersuchung war alles noch in Ordnung. Ich werde sie jetzt ins Krankenhaus einschreiben. Dort wird man den Rest regeln". 

Ich habe den Rest nach dem zweiten Satz nicht mehr aufgenommen. Mir kam nur ein Satz den ich mal in einer Koranübersetzung gelesen hatte in den Sinn "Wir kommen von Allah, und kehren zu ihm zurück" (Baquara Vers 156). So einfach war es eigentlich. Es kam von ihm und ging wieder zurück. Wir alle würden gehen. Manche eben früher und manche etwas später. Und mein Baby eben besonders früh. Die emotionale Aufnahme und Vollendung dieses Verses brauchte wesentlich länger als die mentale. Ich weinte. Ich weinte Monate lang. Ich hatte in der Praxis angefangen zu weinen, weinte im Krankenhaus, vor der OP, nach der OP, zu Hause, auf der Beerdigung.... Mein Mann hingegen konnte gar nicht weinen. Er ging zunächst davon aus, dass "dort wird man den Rest regeln" irgendeinen medizinischen Eingriff bereit hält, der alles wieder ins Lot bringt. Ich habe gemerkt, dass Männer in solchen Situationen eine erstaunliche Naivität mit sich bringen können. Ich erklärte ihm damals weinend, dass es einen derartigen Eingriff nicht gibt. Ich sah in seinen Augen, wie der Groschen fiel, und der Schmerz und Trauer Mechanismus in seiner Seele freigeschaltet wurde. Ich sah blanken Schmerz in seinen Augen.

Wir verloren am 3.1. unser Baby, dass wir kein einziges mal auf dem Arm hielten, von dem wir immer noch nicht wissen, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist, welches wir auf dem Sternenkindergrab in einem kleinen Sarg mit anderen Babys gesammelt bestatteten. Heute wäre es vielleicht ein bisschen anders verlaufen. Vieles wäre aber gleich geblieben, wie zum Beispiel der Schmerz, die Einsicht, dass der Mensch im Grunde genommen sehr sehr schwach ist, dass man nichts planen kann und vor allem die Leere. Die Leere, die im inneren einer Frau entsteht, wenn der kleine Gast mit ganz kurzem Zwischenstop ins Jenseits weitergeht.

Der Glaube ans Jenseits hat uns damals sehr geholfen. Von der Beerdigung habe ich noch einen kleinen goldfarbigen Origami Stern der in meinem Schmuckschrank hängt. Jedes mal wenn ich diesen kleinen Stern sehe, stelle ich mir die gleiche Szene vor: Wir befinden uns als alle im Jenseits. Es ist sehr überfüllt und für uns unbekannt. Mein Mann und ich halten ganz fest die Hände unserer Kinder damit wir uns verlieren und halten Ausschau, suchen nach jemandem. Aus der Ferne kommt ein kleines Kind gerannt. Es strahlt mit seinen Augen und ein wunderschönes Lächeln ist auf dem Gesicht. Es erkennt uns, noch bevor wir es richtig wahrnehmen konnten, denn die Engel haben ihm geholfen. Sie haben ihm bei der Suche nach den Eltern geholfen, damit es nicht mehr traurig ist. Das Kind kommt hastig angerannt, und fällt mir an den Hals. Wir lachen, weinen und umarmen uns. Ich küsse dieses Kind und kann es gar nicht mehr loslassen und bin glückselig vereint, denn wir waren lange getrennt. Es ist ein wunderschöner Anblick, so schön, dass sogar die Engel sich etwas Zeit nehmen zum Zuschauen. Wir sind glücklich und vereint...Dieser Gedanke, dieser Glaube ist es, der mich diese unbeschreibliche Leere in mir aushalten lässt... In der Hoffnung, dass jedes leere Mutterherz im Jenseits aufhört zu weinen.....

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