- Türkischstämmige Migrantinnen als Integrationsvorbilder

Folgendes Zitat fasst in sehr prägnanter Weise zusammen, wie in Deutschland die Lebenskontexte von türkischstämmigen Migrantinnen thematisiert werden:

 „Nach wie vor konzentriert sich die Wahrnehmung der türkischen Frau in der medialen Öffentlichkeit auf erschreckende Meldungen über Zwangsheirat, familiäre Gewalt oder Ehrenmorde. Dass viele türkischstämmige Migrantinnen auch Erfolge erzielen, über eine gute Schul- und Berufsausbildung verfügen und ihr Leben selbstbestimmt und selbstbewusst meistern, findet kaum Beachtung bzw. wird häufig übersehen“ (PETEK: Business-Netzwerk Migrantinnen 2013).

Das Ziel dieses kurzen Beitrages ist es, auf der Grundlage vorliegenden Datenmaterials die tatsächliche Situation von türkischstämmigen Migrantinnen zu beleuchten und der Frage nachzugehen, in wiefern ihre Integration besser gelungen ist als die ihrer männlichen Pendants.

 

Historisches

Die Studie der Stiftung Zentrum für Türkeistudien „zur Situation türkeistämmiger Frauen in Deutschland“ liefert interessante Daten und Fakten über türkeistämmige Frauen. Betrachtet man die Anfangsjahre der Migration, sprich, der Gastarbeiteranwerbung nach Deutschland genauer, so ist zu erkennen, dass insbesondere in der ersten Generation die Frauen oft tragende Pfeiler der Wanderungsentscheidung waren und keinesfalls immer nur als „Anhängsel“ ihrer Männer zu verstehen sind (vgl. Kizilocak 2006).

Neben den 678.702 zwischen 1961 und 1976 in Deutschland angeworbenen türkischen Männern reisten 146.681 Frauen als Arbeitsmigrantinnen nach Deutschland; dies bedeutete einen Anteil von über 21%. Sie wurden vorwiegend als un- oder angelernte Arbeiterinnen im verarbeitenden Gewerbe oder Dienstleistungsbereich eingestellt, viele wurden gezielt in der Türkei für bestimmte frauenspezifische Tätigkeiten in der Industrie angeworben. Zum Teil waren sie von ihren Familien in der Hoffnung vorgeschickt worden, nach einer kurzen Zeit die Ehemänner oder andere männliche Familienmitglieder nachholen zu können (vgl. Kizilocak 2006).

 

Aktuelle Situation türkischstämmiger Frauen in Deutschland

Nach Berechnungen des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, ist die Hälfte der 2,8 Mio. türkischstämmigen Migranten bereits in Deutschland geboren (vgl. Berlin-Institut 2009:18), zählt demzufolge zur Zweiten bzw. Dritten Einwanderergeneration. Die Abiturientenquote türkischstämmiger Frauen ist niedriger als der, der Gesamtbevölkerung, liegt aber über dem von türkeistämmigen Männern und ist signifikant höher als der von Migrantinnen der ersten Generation. Eine entsprechende Studie des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit Bildungsinländerinnen belegt, dass innerhalb der Zweiten Generation rund ein Drittel der türkischstämmigen Frauen einen mittleren Abschluss und 10% einen hohen Abschluss, d.h. (Fach)Hochschulreife vorweisen können und sie damit bildungserfolgreicher sind als die männlichen Vertreter (vgl. Stichs 2008:32). Von den rund 36 000 Studenten mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland sind inzwischen 38 Prozent Frauen, unter den Bildungsinländern, also denjenigen, die ihre Schullaufbahn in Deutschland absolvierten, sind es 41 Prozent (vgl. Kizilocak 2006).

 

Anteil am Arbeitsleben

Besonders Migrantinnen entwickelten in den vergangenen Jahren eine immense wirtschaftliche Dynamik. So sind bereits 22% aller türkischstämmigen Selbstständigen Frauen. Vor allem Angehörige der zweiten und dritten Generation gründen vermehrt erfolgreich eine eigene berufliche Existenz. Nach Ansicht des Business-NetzwerkMigrantinnen erfüllen sie sich mit der Selbständigkeit entweder ihren Wunsch nach ökonomischer Unabhängigkeit oder suchen damit gezielt den Weg aus der Arbeitslosigkeit. Leider werden diese Entwicklungen immer noch zu selten in der Mehrheitsgesellschaft entsprechend wahrgenommen und wertgeschätzt. So hält das Business-Netzwerk fest:

Denkt man an Migrantenökonomie, werden damit
immer noch ausschließlich Männer assoziiert. Doch die Migrantenunternehmerlandschaft ist keine frauenfreie Zone. Im Gegenteil: Die Zuwachsraten von Frauen liegen deutlich höher als bei den Männern. So wird seit einigen Jahren von einem ‚Gründerinnenboom‘ gesprochen.
(PETEK: Business-Netzwerk Migrantinnen 2013) “

 

Heiratsverhalten

Innerhalb der Zweiten Migrantengeneration hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein Heiratsverhalten verfestigt, was sich darin äußert, dass über die Hälfte der türkischstämmigen Männer ihre Ehepartnerin aus dem Herkunftsland holt. Bei den Frauen beträgt der Anteil lediglich ein Drittel; d.h., sie ehelichen Partner, die wie sie der zweiten bzw. dritten Einwanderergeneration angehören (vgl. Kizilocak 2006). Die Scheidungsrate unter türkeistämmigen Ehepaaren ist in der Migration ebenso hoch wie unter der Gesamtbevölkerung. In der Öffentlichkeit wird kaum wahrgenommen, dass es viele Türkinnen gibt, die aus verschiedenen Gründen allein leben (vgl. Kizilocak 2006).

 

Resümee

Werden in diachroner Perspektive die Schul- und Ausbildungsabschlüsse türkischer Gastarbeiter der Ersten Generation betrachtet, so offenbart sich, dass über 40% der Frauen keinen Schulabschluss hatten und zwei Drittel der Männer nur einen Grundschulabschluss (vgl. Haug/Müssig/Stichs 2009:220). In Deutschland arbeiteten die Angehörigen der ersten Generation vorwiegend in der Industrie und im Bergbau, blieben wohnräumlich häufig unter sich und konnten keine differenzierten Deutschkenntnisse erwerben. Aus der eigenen Bildungsbiografie waren ihnen die Gelingensbedingungen für schulischen Erfolg nicht bekannt, so dass sie ihre Kinder weder im Schulsystem noch in der Ausbildung unterstützen konnten. Die Zweite Generation war durch fehlendes Bildungs- und Sozialkapital der Elterngeneration auf sich allein gestellt. Trotzdem konnten viele erfolgreich ihren Weg gehen.

Studien der letzten Jahre zeigten – klassifiziert im Sinne des Esser’schen Integrationsmodells (2001) - zwei Entwicklungslinien auf: im Bereich emotionaler und sozialer Integration können die Nachkommen türkischer Gastarbeiter als integriert gelten, in dem Sinne, dass sie sich zur hiesigen Gesellschaft zugehörig fühlen, Deutsch lernen und stärker in die Bildung ihrer Kinder investieren, was an ersten Bildungserfolgen innerhalb der Dritten Generation erkennbar wird.

Die zweite Entwicklungslinie zeigt, dass – im Vergleich zu anderen Migrantencommunities wie den Griechen und Spaniern, die zur gleichen Zeit als Gastarbeiter nach Deutschland einwanderten - die Bildungs- und Arbeitsmarktintegration nicht im gleichen Maße erfolgreich war, da sie auf keine Hilfe von Seiten der Migrantenselbstorganisationen hoffen konnten, welche in genannten Migrantengemeinden bereits in den Anfangsjahren der Anwerbung systematisch aufgebaut wurden und die nachwachsenden Generationen insbesondere in schulischem Bereich unterstützen.

Daher bleibt die zentrale Herausforderung für die nachwachsenden Generationen türkischstämmiger Migranten auch zukünftig deren Bildungsintegration.

Zu diesem Zweck müssen insbesondere auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt institutionell diskriminierende Mechanismen gegenüber (muslimischen) Migrantinnen abgebaut werden, damit diese stärker als bisher am Bildungserfolg partizipieren und in Dienstleistungsberufen wie Versicherungen und Banken tätig sein können, die bisher vornehmlich Einheimischen vorbehalten sind. Nichtsdestotrotz ist im Hinblick auf die bisher erbrachte Leistung türkischstämmiger Frauen hinsichtlich der Bildungsintegration den Schlussfolgerungen von Kizilocak zuzustimmen:

Insgesamt zeigen die Untersuchungen ein differenziertes Bild der türkeistämmigen Frauen […]. Sie sind nicht nur Opfer, zahlreiche Frauen gehen selbstbewusst und selbstbestimmt ihren Weg. Diese Frauen hervorzuheben,ihre Existenz in der Öffentlichkeit bewusst zu machen, unterstützt die differenzierte Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft und hilft darüber hinaus den Frauen, die bisher noch nicht den Mut gehabt haben, ihren eigenen Weg zu beschreiten. Bei den Frauen liegt noch erhebliches Potenzial brach, das es zu fördern gilt. Die Reduktion der türkischen Frau auf die Themen Zwangsheirat und Ehrenmord ist jedenfalls nicht angebracht […]“ (Kizilocak 2006).

 

Literatur:

  • Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2009) (Hrsg.): Ungenutzte Potenziale Zur Lage der Integration in Deutschland. URL: http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Zuwanderung/Integration_RZ_online.pdf
  • Engin, H. (2010). Heterogenität im Bildungssystem: Vom Dilemma der Gleichbehandlung des Ungleichen und der Ungleichbehandlung des Gleichen. In: nah&fern – Zeitschrift für Migration und Partizipation, Heft 46.
  • Esser, Hartmut (2001). Integration und ethnische Schichtung. Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES). Arbeitsbericht Nr. 40.
  • Gesemann, Frank (2006): Die Integration junger Muslime in Deutschland. Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung . Berlin.
  • Haug, Sonja; Müssig, Stephanie; Stichs, Anja (2009): Muslimisches Leben in Deutschland im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz. Hrsg. vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Bonn.
  • Kizilocak, Gülay (2006): Der Weg der türkischen Frauen in Deutschland. Klischees passen nicht. URL: http://www.turkischegemeinde.at/index.php?id=110
  • PETEK: Business-Netzwerk Migrantinnen. URL: http://www.petekweb.de/index.php?option=com_content&view=article&id=99&Itemid=51
  • Siegert, Manuel (2008): Schulische Bildung von Migranten in Deutschland. Hrsg. vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Nürnberg. URL: http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/WorkingPapers/wp13-schulische-bildung.pdf?__blob=publicationFile
  • Stichs, Anja (2008): Arbeitsmarktintegration von Frauen ausländischer Nationalität in Deutschland. Eine vergleichende Analyse über türkische, italienische, griechische und polnische Frauen sowie Frauen aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens. Hrsg. vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Nürnberg. URL: http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/WorkingPapers/wp20-erfolgsbiographien.pdf?__blob=publicationFile

 

Fotoquelle: http://www.visionbewegungskinder.de/wp-content/uploads/2013/12/Engin_Havva.jpg vom 01.02.2014

 

 

 

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