Marcel Reich-Ranicki.
Allein sein Name bewirkt bei mir dasselbe, wie eine Schweigeminute. Ein Moment der Ehrfurcht und Rückbesinnung.

Ein gebürtiger Pole mit deutscher Mutter kam zu dem erdenklich ungünstigsten Zeitpunkt auf die Welt: im Jahre 1920. Seine nächsten Familienmitglieder verlor er im Holocaust und floh mit seiner Frau und seinen Kindern von Polen nach Deutschland, wo ihm die Zulassung zur Universität bereits bei seinem letzten Aufenthalt im Jugendalter verweigert wurde. Nach einem Abstecher einer längeren Art in die politische Welt und einem Gefängnisaufenthalt entschloss er sich dazu, das zu seinem Beruf zu machen, wofür sein Herz schlägt und wofür er letzten Endes bekannt wurde: Literatur. Als Kritiker war er erfolgreicher als manch ein Schriftsteller. Und nicht nur das, denn er übertrumpfte alle Kollegen in seinem Gebiet mit seinem Erfolg und Talent. Seine Popularität gipfelte in seiner Fernsehnshow „Das Literarische Quartett“, als alle dachten, seine Karriere hätte geendet, da er den Posten bei der Frankfurter Allgemeinen an einen Jüngeren weitergeben musste. Seine Art war unkonventionell, wenn man es so nennen möchte. Sehr emotionsgeladen und enthusiastisch inszenierte er fast schon die Kritiken. Zu allem hatte er eine wichtige Meinung. Der Schriftsteller, der eine gute Kritik von ihm bekam, konnte was auf sich halten.

Für seine politischen Aktivitäten hatte Reich-Ranicki viel ertragen. Den Höhe- und gleichzeitig Tiefpunkt erreichte er, als er wegen seinen Diensten als polnischer Konsul und im Geheimdienst, verhaftet wurde und sich erst dann entschloss, das zu tun, wofür sein Herz schlug. Zugegebenermaßen trug er viel Verantwortung und konnte sich angesichts seiner Rolle als Familienvater keine Fehler erlauben. Zudem hatte er keinen Universitätsabschluss. Doch es lief viel besser, als so manch einer es erahnt hätte. Er ist erst letztes Jahr im Alter von 93 Jahren gestorben.

Was wir von all dem lernen, außer, dass seine Kritiken beachtenswert sind?
Vielleich, dass wir uns trauen sollten, einfach das zu tun, was uns am meisten Spaß macht und wofür unser Herz schlägt.
Oder dass man aus jedem Tief ein Hoch machen kann.
Oder dass soziale Benachteiligungen nicht unser Ende sind.
Oder dass sich die Devise „Wer wagt, der gewinnt“ bewahrheitet.
Oder, oder, oder.

In diesem Sinne.

Kübra Inovic

 

 

Bildquelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/marcel-reich-ranicki/nachruf-auf-marcel-reich-ranicki-ein-sehr-grosser-mann-12580222.html

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