In Deutschland verdienen Männer im Durchschnitt noch immer 23 Prozent mehr als Frauen. Woran liegt das? Sind Männer die besseren Angestellten, Arbeiter, Vorgesetzten? Arbeiten sie mehr, schneller, länger? Verhandeln sie besser, wenn es um Gehaltserhöhungen geht? Oder ergreifen sie nur einfach die besser bezahlten Berufe?

In der Schule und im Studium sieht die Lage noch ganz anders aus: Frauen bekommen die besseren Noten und machen die besseren Abschlüsse. Und beim Gehalt im ersten Job sind Frauen und Männer noch gleich auf. Aber gleich danach beginnt die Lohnlücke zu wachsen. Und je höher das Gehalt ist, umso höher ist auch der Unterschied.

Einer der Hauptgründe für den Lohnunterschied ist die Tatsache, dass Frauen viel häufiger als Männer in Teilzeit arbeiten. In Deutschland arbeiten ungefähr 52 Prozent aller erwerbstätigen Frauen Teilzeit. Und weniger Arbeitszeit bedeutet zwangsläufig eben auch weniger Gehalt. Außerdem sind 61 Prozent aller Angestellten im Niedriglohnsektor weiblich. Das heißt, zu einem Großteil lässt sich der Gehaltsunterschied dadurch erklären, dass Frauen in weniger gut bezahlten Berufen und häufig nicht Vollzeit arbeiten.

Gründe dafür gibt es viele. Noch immer ist es in Deutschland schwierig, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Es mangelt an ausreichend guten Betreuungsplätzen, flexiblen Arbeitszeiten, gleichberechtigten Betreuungszeiten nach der Geburt eines Kindes für Mütter und Väter und auch die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger macht eine Vollzeitstelle oft unmöglich. Und leider bleibt der Großteil von dieser Betreuungsarbeit plus Hausarbeit noch immer allein an den Frauen hängen.

Ein nicht geringer Teil der Lohnlücke lässt sich jedoch nicht mit Teilzeit, Minijob oder ähnlichen Gründen erklären. Dieser Teil ist eindeutig als sogenannte Lohndiskriminierung gegen Frauen zu erkennen.

Studien haben gezeigt, dass Beförderungen noch immer sehr oft durch Kontakte, zum Beispiel während des Sports, der Skatrunde oder dem Bier nach der Arbeit zwischen Männern ausgehandelt werden. Informelle Netzwerke ermöglichen es, Kontakte zu knüpfen, von freien Positionen zu erfahren und sich für eine Beförderung zu empfehlen. Frauen haben selten Zugang zu diesen Netzwerken. Allzu oft kümmern sie sich nach der Arbeit um Kinder und Haushalt statt auf den Golfplatz oder in die Kneipe zu gehen.

Karriereunterbrechungen, wie zum Beispiel die Auszeit nach der Geburt eines Kindes, tun ihr Übriges. Während Frauen sich um den Nachwuchs kümmern, kümmert sich der Partner immer noch häufig um die Karriere. Gleichmäßig verteilte Betreuungszeiten für Mütter und Väter nach der Geburt eines Kindes würden hier helfen, für mehr Balance zu sorgen. Denn jede verpasste Beförderung bedeutet Einkommenseinbußen.

Eine aktuelle Umfrage des Allensbacher Instituts hat ergeben, dass viele Frauen mit ihrem Verdienst unzufrieden sind. Die Tatsache, dass Frauenbranchen wie Pflege oder Bildung nicht genauso gut honoriert werden wie Männerbranchen, ist vielen Frauen ein Dorn im Auge. Und auch beim Karriere-Machen und der Hausarbeit sehen sich nur wenige Frauen wirklich gleichberechtigt.

Um Lohnlücken überhaupt sichtbar zu machen, brauchen wir mehr Transparenz. Die anonymisierte Veröffentlichung von Gehaltsstrukturen innerhalb der Unternehmen würde es Frauen überhaupt erst ermöglichen, den Gehaltsunterschied zu erkennen. Viele Angestellte aber auch Vorgesetzte wissen gar nicht, dass sie diskriminiert werden oder diskriminieren.

Und wenn eine Lohnlücke dann erst einmal sichtbar ist, können Frauen juristisch gegen ihren Arbeitgeber vorgehen. Allerdings schrecken davor viele Frauen zurück. Dem würde die Möglichkeit von Sammel- und Verbandsklagen Abhilfe schaffen. Könnten zum Beispiel Gewerkschaften für Betroffene Klage vor Gericht erheben und die Verhandlungen bestreiten, wäre die Hemmschwelle für Frauen niedriger. Außerdem müssen die Sanktionen für Unternehmen verschärft werden, die Frauen und Männer bei gleicher Tätigkeit ungleich bezahlen. Bei all diesen Punkten muss die EU und auch Deutschland gesetzgeberisch aktiv werden, um endlich das schon in den Römischen Verträgen verbriefte Recht auf "Equal Pay" auch Realität werden zu lassen.

Es bleibt also noch viel zu tun, um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern auch in Sachen Einkommen in die Wirklichkeit umzusetzen.

 

Mehr zu Dr. Franziska Katharina Brantner

http://franziska-brantner.de/

http://www.franziska-brantner.eu/

Foto: (c) Europäisches Parlament, 2012

Share

Tags: , , , , , , ,