Was hat uns der NSU-Prozess gelehrt?

Wir sind sicher nicht an dem Punkt angekommen, an dem man den Satz mit „Und die Moral von der Geschichte ist…“ beginnen kann, aber der NSU hat uns an einen historischen Wendepunkt katapultiert.

Eines Tages hört man von dem NSU in den Nachrichten. Von drei Personen, die über Jahre mehrere Leute, vor allem mit türkischen Wurzeln, desweiteren einen Griechen und einen Polizisten ermordet haben. Man liest und hört davon, dass die Polizei und die Presse nicht ansatzweise in die Richtung des NSU recherchiert haben. Trotz offensichtlicher Merkmale klassischer Terrorakte.

So könnte man das Geschehene in seinen groben Zügen zusammenfassen.

Ausgelassen wird dabei, dass Akten beim Verfassungsschutz vernichtet wurden, so wie die bestehenden Verbindungen von V-Leuten im Nationalsozialistischen Untergrund. Ausgelassen wird dabei der ausgeprägte Gedächtnisschwund und wenig Fehlereinsicht bei Mitarbeitern des Bundesamtes für Verfassungsschutz wenn es um den NSU geht. Ausgelassen wird dabei die zerstrittene Beziehung zwischen Polizisten und Verfassungsschützern. Ausgelassen wird dabei die nichtdeutsche Herkunft der NSU-Terroristin Zschäpe… Und die Liste führt endlos weiter.

Die NSU-Terrorzelle hat unseren Blick geschärft

Mit der zufälligen Entdeckung des NSU-Terrortrios sind diverse Widersprüche zu Tage getreten. Das organisierte Verbrechen des NSU hat die Menschen geschüttelt, gar wach gerüttelt. Der Prozess hat gezeigt, dass Gefahrenquellen nicht nur von dem Anderen kommen können, sondern als Trojanische Pferde in der eigenen Heimat ruhen.

Das passierte vor dem NSU-Prozess

1. Türkische Jugendliche wurden pauschal als Kriminelle der Zukunft stigmatisiert, wie es Roland Koch tat. Diese und ähnliche Negativbeispiele wurden von den Medien ins Rampenlicht gerückt und zum Regelfall erklärt.

2. Literatur mit primär rassistischem Inhalt wurde zum Bestseller. Ob die Autoren einen Migrationshintergrund haben oder nicht, sie wurden von den Medien gepriesen, solange sie von der Schlechtigkeit der Ausländer erzählten.

3. Konferenzen mit so genannten Dialogabsichten wandelten sich zu Konferenzen der inneren Sicherheit. Vielen wird bei diesem Sprichwort die Islamkonferenz einfallen. Der Verlauf jener Konferenz lässt Fragen hinsichtlich selbstreflexiver Rückkopplungen der Initiatoren aufkommen.

Alles in einem wurden insbesondere Mitbürger mit türkischer Herkunft zu dem Anderen erklärt, das die Grundlage einer Politik der Angst bildet. Mit dieser ständigen Angst wurde die Bevölkerung zu strengeren Kontrollmaßnahmen und mehr Überwachungsschutz überredet. Auf diese Weise ist der Wandel in eine Kontrollgesellschaft so schnell vorangeschritten. George Orwell lässt grüßen. Das negative Nebenprodukt ist die Polarisierung der Mitbürger mit deutscher und türkischer Herkunft so, wie das Entstehen eines Nährbodens für Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Währenddessen hat der NSU im Hintergrund klammheimlich seine Taten vollbracht.

Der neue Status der türkischen Minderheit

Die türkische Minderheit ist nicht nur der Sündenbock der Gesamtgesellschaft, sondern sie hat einen neuen Status bekommen: Sie ist nun die Geschädigte und die Täter sind das NSU-Terrortrio. Die türkischen Medien haben Forderungen gestellt, Politiker haben sich entschuldigt, andere Migrantenblätter haben sich mit banalen Beschuldigungen begnügt. Warum reichen sich beide Bevölkerungsgruppen immer noch nicht die Hand gegen den NSU-Terror?

Denn immerhin fühlt sich der Durchschnittsdeutsche oder zumindest jeder n-tv Konsument auf die Anklagebank gezerrt, während Kolat und Anhänger vor dem Gerichtssaal gegen den NSU demonstrieren. Seit dem Beginn des NSU-Prozesses streiten sich türkische und deutsche Medien indirekt mit Argumenten, die sich aufeinander beziehen oder direkt, indem sie sich gegenseitig zitieren in ihren Argumentationen.

Und was sagen die Nachbarn zum NSU?

Was die europäischen Nachbarn angeht, vor allem die französische und die italienische Presse haben kritisch über die NSU-Terrorzelle berichtet. Während die französischen Medien von den tiefen Wurzeln der Ausländerfeindlichkeit in der deutschen Öffentlichkeit, einem starken NSU mit Mitteln zum organisierten Verbrechen und die Unterschätzung des NSU-Prozesses von der Gesellschaft berichtet, hat die italienische Presse Zschäpes Verhalten bei Gericht in den Fokus genommen und ist dabei auf ähnliche Bewertungen gekommen wie die türkischen Medien.

Wie soll es weiter gehen?

Was ich mir für den weiteren Verlauf des NSU-Prozesses wünsche ist, dass Herr Kolat so höflich ist und den NSU-Prozess nicht mehr als Doping für seine Popularität nutzt.

Zschäpes Anwälte sollten sich auch mal fragen, welche Folgen entstehen, wenn ihre Mandantin tatsächlich des Mordes schuldig ist. Denn ihr Fokus liegt stets auf der Möglichkeit der Unschuld ihrer Mandantin. Das bestehende NSU-Gedankengut habe ich noch gar nicht angesprochen. Und Nein, das ist kein Ausspruch gegen Zschäpes Verteidigung, sondern nur ein Blick auf die andere Seite der Medaille.

Von der Bundespolizei wünsche ich mir eine offenere Einstellung gegenüber Ausländern. Wem kann ich mich sonst anvertrauen, wenn mir mal etwas zustoßen sollte? Und was man bisher über den NSU weiß, ist sicher nur die Spitze des Eisberges. Wer weiß, wie viele Terrorzellen, Pläne und Waffenreserven vom NSU über die Bundesrepublik verstreut sind? Welche internationalen Beziehungen mag der NSU haben? Wer versorgt den NSU mit monetären Mitteln?

Die deutschen Medien sind und bleiben Mainstream. Das hat seine Vorteile, doch auch Nachteile, die ans Mark gehen und zwar an ihr Eigenes. Deshalb wünsche ich mir von ihnen, dass sie ihre Türen auch neuen Mitarbeitern mit Migrationshintergrund öffnen. Das ist eine Bereicherung für die Eigene Redaktion.

Von der türkischen Minderheit erhoffe ich mir, dass sie sich Mandelas Worte zu Herzen nehmen und ihr Licht erstrahlen lassen. In Vereinen, Parteien und Non-Profit-Organisationen fehlt immer noch die aktive Teilnahme von Mitbürgern türkischer Herkunft.

Und von der Mehrheitsgesellschaft wünsche ich mir, dass sie keinen Sündenbock mehr braucht um zu existieren, sondern sich auf tatsächlich bestehende Sachverhalte, wie den NSU, konzentrieren und offener auf die Anderen zugehen kann.

Schließlich ist dies ein historischer Wendepunkt, an dem man die Chance bekommt, bisherige Einstellungen zu revidieren und produktivere Wege des Zusammenlebens zu finden. Damit alle gemeinsam die Früchte der Demokratie auskosten können.

http://www.n-tv.de/politik/NSU-Ausschuss-schliesst-seine-Arbeit-ab-article10658461.html

http://www.n-tv.de/politik/Beate-und-die-Eleganz-des-kalten-Fuehrers-article10667351.html

Unsere tiefste Angst (früher der Antrittsrede von Nelson Mandela zugeschrieben)

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.